Magnetschwebebahnen in Japan, wir und unsere Gesellschaft

Es ist selten geworden, dass technische Großprojekte Begeisterung auslösen. Seit uns irgendwann in den 1970er Jahren der Fortschrittsoptimismus abhanden gekommen ist, lösen Großprojekte eher Ängste aus: Kosten, die aus dem Ruder laufen, drohende Umweltzerstörung, tatsächlche Sinnlosigkeit, das Gefühl, dass wir das Großprojekt nicht brauchen und das "Not in my backyard"-Phänomen führen zu einigem Frust.

Da ist es schön zu sehen, dass einige Länder noch den Mut haben, etwas vollkommen wahnsinniges und extrem futuristisches zu bauen. Japan geht mit gutem Beispiel voran: Nachdem der Tsunami und die Atomkatastrophe in Fukushima das Land hart getroffen haben, wurde jetzt der Start eines wirklich gigantischen Eisenbahnprojektes beschlossen: Zwischen Tokyo und Osaka soll zum Preis von 9 Billionen Yen  (ca. 8,5 Milliarden Euro) eine Hochgeschwindigkeitsmagnetschwebebahn entstehen. Die Maglevs sollen die 514km lange, fast schnurgerade Strecke mit einer Geschwindigkeit von 505 Stundenkilometern entlangrasen und die Strecke in schlappen 67 Minuten bewältigen.

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Zukunft? Betriebsstart soll erst 2027 sein, die Fertigstellung der Strecke ist für 2045 geplant

Damit dies überhaupt möglich ist, verläuft die Strecke auf 60% ihrer Länge unterirdisch. Ja, das sind wirklich über 300km Tunnel. Und eine bewundernswerte Verachtung sämtlicher äußeren Umstände, sämtlicher naturgegebenen geographischen Bedingungen. Berge? Interessieren uns nicht! Ein physikalisches Gesetz wie die Reibung, welche radgebundene Fortbewegungsmittel beschränkt? Pah! Bauen wir doch einfach ein 500km langes Magnetschwebekissen! Luftwiderstand? Mir doch egal! Kilometerlange Tunnel in Erdbebenregionen? Kein Problem!

Vielleicht ist so ein bisschen Zukunftsoptimismus genau das, was wir gerade brauchen. Wir können das, wir sind zivilisierte Menschen, denen die Natur völlig egal ist und die wir mit unserer Technik beherrschen. Da ist ein Fluss? Kein Problem, wir leiten ihn entweder um, begradigen ihn oder stauen ihn gleich auf. Berge? Pah! Unser Gotthardtunnel zeigt den blöden Alpen wo der Hammer hängt. Es ist Meer zwischen England und Frankreich? Dann graben wir einfach ein Loch untendurch. Menschen können nicht fliegen? Ha! A-380! Der Weltraum ist ein lebensfeindliches, hochgefährliches Problem? Kein Problem, bauen wir einfach eine Raumstation und lassen dort Menschen wohnen. Wie in der Antarktis. Weil wir es können.

Ich glaube, dass so ein wenig Fortschrittsgläubigkeit und Optimismus uns wirklich gut tun würde. Und selbst wenn nicht, dann haben wir irgendwann trotzdem eine saucoole Magnetschwebebahn. Wir hätten aber noch mehr: Große, öffentliche Projekte sind ein Zeichen einer funktionierenden Zivilgesellschaft. Der brilliante Historiker Tony Judt hat in einem zweiteiligen Artikel (Teil 1 / Teil 2) die Rolle der Eisenbahn für die Entstehung unserer modernen Gesellschaft herausgearbeitet. Es war das 19. Jahrhundert, welches den enormen Kraftakt unternahm, ganz Europa mit Schienen zu verbinden, welche Reisen und Gütertransport unglaublich beschleunigten. Umso trauriger ist der momentane Zustand der Eisenbahnen, welche für den Briten Judt noch prekärer ist:

“If we lose the railways we shall not just have lost a valuable practical asset whose replacement or recovery would be intolerably expensive. We shall have acknowledged that we have forgotten how to live collectively. If we throw away the railway stations and the lines leading to them—as we began to do in the 1950s and 1960s—we shall be throwing away our memory of how to live the confident civic life. It is not by chance that Margaret Thatcher—who famously declared that “there is no such thing as Society. There are individual men and women, and there are families”—made a point of never traveling by train. If we cannot spend our collective resources on trains and travel contentedly in them it is not because we have joined gated communities and need nothing but private cars to move between them. It will be because we have become gated individuals who don’t know how to share public space to common advantage. The implications of such a loss would far transcend the demise of one system of transport among others. It would mean we had done with modern life.”

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Wenn die Berliner S-Bahn aufgrund von Profitgier zusammenbricht, läuft etwas falsch. Wenn die Infrastruktur vor sich hinrottet, ist das ein Skandal. Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich nur dieses unglaublich tolle Konzept einer sowjetischen, jetbetriebenen Monorail aus dem Jahre 1967 bloggen.

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Quelle: Der sehr sehenswerte Flickr-Account von x-ray delta one

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