Ghostwriter, Plagiate, das Internet und dreiste Dummheit

ZEITCampus hat ein interessantes Interview mit einem akademischen Ghostwriter geführt, der anderen für Geld Haus- und Abschlussarbeiten verfasst. Seine Aussagen decken sich erstaunlich mit einem ähnlichen Interview, welches chronicle.com vor einiger Zeit veröffentlichte: Es ist anscheinend relativ problemlos möglich, mit Hilfe von Google, Wikipedia und ein paar grundliegenden Werken ordentliche Arbeiten in egal welchem Fach zu schreiben. Der ZEIT-Ghostwriter schreibt als studierter Psychologe alles von Literaturwissenschaft über Philosophie, Pädagogik hin zu medizinischen Themen. Der Chronicle-Ghostwriter ist noch umtriebiger: eine Masterarbeit in “cognitive psychology”, eine Doktorarbeit in Soziologie, eine BA-Arbeit im MBA, eine in Buchhaltung, Hausarbeiten zu Themen wie Internationale Beziehungen, Geschichte, Filmwissenschaft, Theologie, Ethik, Sicherheit der Meere, Marketing, östliche Religionen, Anthropologie und so weiter. Dabei ist keiner aufgeflogen und es ist anscheinend auch nicht von Nachteil gewesen, dass ein absoluter Laie die Arbeit geschrieben hat.

Bundesarchiv_Bild_183-1987-0220-031,_Magdeburg,_Verleihung_einer_Doktorwürde_an_kubanischen_GaststudentenMagdeburg, Verleihung einer Doktorwürde an kubanischen Gaststudenten, 1987 (Bundesarchiv, Bild 183-1987-0220-031 / Uhlemann, Thomas / CC-BY-SA)

 

Jetzt kann man den Niedergang des universitären Systems beklagen. Anscheinend ist die Betreuung selbst von Doktorarbeiten in Deutschland und auch in den ansonsten immer hochgehypten USA so schlecht, dass man welche mit Ghostwritern schreiben lassen kann ohne selbst Ahnung zu haben. Spätestens in Sprechstunden oder Kolloquien müsste sowas sonst eigentlich auffallen. Und man könnte sich über eine von innen verfaulende akademische Kultur aufregen, die anscheinend von Plagiatoren und Schummlern durchsetzt ist. Oder man sieht es positiv: Das Internet ist mittlerweile so mächtig, dass jeder halbwegs kluge Mensch sich innerhalb weniger Wochen in einem Thema auf akademisches Niveau bringen kann. Er ist dann vielleicht nicht der absolute Experte, aber er kennt sich aus. Das ist erstaunlich – vor allem, weil es diesen Zugang eben für Menschen weltweit gibt. Natürlich kann ich in Freiburg in die entsprechenden Bibliotheken gehen, meinen Kindheitstraum verwirklichen und Paläontologe werden. In einer Kleinstadt sieht dies schon anders aus. Auf dem Dorf sowieso. Und in vielen ärmeren Ländern dieser Welt erst recht. Umso trauriger ist es, dass viele Menschen das Internet eben nicht zur Weiterbildung nutzen, sondern als Zerstreuungsmedium, Katzenvideos schauen, Farmville spielen und Web.de-Schlagzeilen lesen.

Der ZEIT-Artikel enthält aber auch eine unglaubliche Spitze gegen die Plagiatoren von Guttenberg bis Koch-Mehrin:

ZEITCampus: Sind Sie schon mal in die Versuchung geraten, ein Plagiat zu verfassen?

Antwort: Nein. Ehrlich gesagt verstehe ich überhaupt nicht, warum Menschen so etwas tun. Warum sollte man eine Idee, nur weil man sie gut findet, als seine eigene ausgeben? Man darf ja in seiner Arbeit alle guten Ideen zitieren und erklären, warum sie dem eigenen Argument dienen. Genau das bedeutet doch wissenschaftliches Arbeiten. Außerdem würde das Plagiieren eindeutig gegen mein Berufsethos als Ghostwriter und als Akademiker verstoßen. Das macht man einfach nicht.

Nicht nur, dass jemand, der professionell akademische Betrügereien betreibt und damit sein Geld verdient, ebenfalls auf die Plagiatoren herab sieht, er legt auch den Finger in die Wunde: Wenn jemand wie Guttenberg seine Arbeit genüsslich aus irgendwelchen Textfragmenten zusammengesetzt hat, benötigt er im Prinzip nur noch einen weiteren Arbeitsschritt, um aus dem Plagiat eine fast wissenschaftliche Arbeit zu machen: Er muss den Text umschreiben und alle fremden Sätze in eigene Worte verwandeln. So falsch und wenig wissenschaftlich so eine Vorgehensweise auch ist: Ein Plagiat ist die Arbeit dann nicht mehr, sondern eben “nur” noch schlecht und ohne großen Erkenntnisgewinn.

Wenn unsere prominenten Plagiatoren noch nicht mal diesen einen, simplen letzten Schritt für nötig halten, dann sind sie entweder a) besonders dumm oder b) besonders dreist. Wenn sie nicht wissen, dass Plagiate verboten sind, dann sind sie dumm. Und wenn sie trotz besseren Wissens plagiieren, sich so sicher fühlen, dass sie nicht entdeckt werden und diesen letzten Schritt weglassen, dann sind sie unglaublich dreist. Egal was zutrifft, es sagt einiges über unsere politischen Blender aus. Egal, ob sie jetzt dumm oder dreist sind.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Responses to Ghostwriter, Plagiate, das Internet und dreiste Dummheit

  1. Für all die Guttenbergs, Vronis und Koch-Mehrins gibt es deshalb den Begriff „dummdreist“.

  2. @IschOtter sagt:

    Meine Entpfählung für feine Geister >
    http://t.co/kxwYw7hYXt

  3. Birgit Farber sagt:

    Ghostwriting Händler sind Ausbeuter und Provisionsgeile Schwindler. Dort nachlesen
    http://www.dr-schulte.de/2011-pressemitteilungen/welche-anspruche-habe-ich-gegen-meinen-ghostwriter.html

  4. Sophi sagt:

    Echt war? Das Marktforschungsunternehmen Gartner nimmt an, dass 2014 15 % der Facebook Bewertungen in sozialen Netzwerken gekauft sein werden. Das Geschäft laufe erst an, warnt die im August rausgebrachte Studie des IT-Spezialisten Barracuda Networks http://www.bild.de/geld/wirtschaft/facebook/so-laeuft-das-geschaeft-mit-den-falschen-fans-neue-waehrung-hoch-im-kurs-26520882.bild.html Ghost-Writer Vermittler können sich schminken :-D

  5. Frank sagt:

    Das Thema ist aktueller denn je. Ich habe letztens von verschiedenen Kommilitonen erfahren, das sie vorhaben ihr Abschlussarbeit von einem ghostwriter schreiben zu lassen. Ich bin finde das ziemlich fragwürdig, weil die ja quasi nix tun müssen und ich sitze ein paar Wochen in der Bibliothek. Aber irgendwie ist der Gedanke trotzdem verlockend. Immer dieses Gewissen :)

  6. Norbert sagt:

    Aus meiner Sicht bestehen mitunter gravierende Mängel an Kenntnissen wissenschaftlichen Schreibens. Ob dies vor allem Schuld der Hochschulen ist, sei dahingestellt, wenn es auch wahrscheinlich ist. Ich denke, auch die Studenten haben eine Verantwortung, sich die entsprechenden Kenntnisse anzueignen, um korrekt wissenschaftlich zu arbeiten und Plagiate zu vermeiden. Deshalb werden zunehmend von den Hochschulen wissenschaftliche Schreibkurse o.ä. angeboten, aber auch akademische Ghostwriter (z.B. http://www.textundwissenschaft.de) profitieren von der Unsicherheit und mangelnden Kenntnis des wissenschaftlichen Schreibens.

Kommentare sind geschlossen.