Von Volkszählern und gläsernen Bürgern zu den Datenfressern

Ich sitze momentan an einer Masterarbeit über die Volkszählungsproteste der 1980er Jahre und eines der großen Probleme ist es, diese Proteste zu historisieren: Die in den 80ern verhandelten Themen sind immer noch brandaktuell und daher driftet die Beschäftigung mit ihnen schnell in einen Vergleich zur Gegenwart ab. Wenn sich die Menschen damals Sorgen um den Datenschutz gemacht haben und Angst hatten, dass sie nur noch als eine Nummer im System den Computern hilflos ausgeliefert sind, dann kommt uns das merkwürdig bekannt vor. Wenn die Menschen Angst vor immer mächtigeren staatlichen Datenbanken hatten, dann können wir in Zeiten von Vorratsdatenspeicherung, SWIFT-Abkommen, Facebook und Google nur milde über die damalige Angst vor den technisch primitiven Mitteln lächeln. Es ist unglaublich schwer, nicht ständig Vergleiche der damalige Debatte mit heute zu ziehen.

Genau umgekehrt ist es mir allerdings mit Constanze Kurz und Frank Riegers Buch “Die Datenfresser” gegangen. Bei der Lektüre musste ich ständig an andere Bücher aus den 1980ern denken. Aber fangen wir einfach mal von vorne an: In “Die Datenfresser. Wie Internetfirmen und Staat sich unsere persönlichen Daten einverleiben und wie wir die Kontrolle darüber zurückerlangen” versuchen die beiden Autoren genau das zu beschreiben, was ihr Untertitel verspricht: Es geht und eine Darstellung der aktuellen Datenschutzproblematiken im Spannungsfeld zwischen kommerziellen Startups und Internetunternehmen und staatlichen Sicherheitsbehörden.

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Das Buch ist als Einführung in die Thematik gedacht. Wer sich in diesem Bereich etwas auskennt und regelmäßig Heise Online und Netzpolitik liest, wird wenig Neues oder Überraschendes lernen. So tragisch es klingt: Praktisch unbegrenzter, billiger Speicherplatz, immer bessere Rechenleistung und die Verknüpfung von Daten führen zu einer immer stärkeren Gier nach Daten von Seiten privater Firmen und staatlicher Stellen. Private Firmen sind darauf aus, immer mehr über uns zu wissen, über unsere Interessen, Vorlieben, Verbindungen und Kaufkraft, damit sie uns als kleinste Teilmenge an die Werbeindustrie verkaufen können. Wer sich für Scheidungsanwälte interessiert, hat sicherlich auch Interesse an Sportwagen und billigem Whiskey. So werden wir Schritt für Schritt, Kauf für Kauf, Statusmeldung für Statusmeldung langsam ausgeforscht, damit wir später gezielt angesprochen werden können und unsere Geldbörse für nutzlosen Krempel öffnen. (Im Buch nicht erwähnt, aber unglaublich beeindruckend ist diese Seite, auf der Google einem anzeigt, was es von einem denkt)

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Und dann gibt es die staatlichen Stellen, welche nicht erst seit den Terroranschlägen  des 11. Septembers eine unglaubliche Datenwut zeigen. Der Bürger wird von vielen Behörden gespeichert, immer mehr Daten bis hin zu Fingerabdrücken und der DNA werden gesammelt und der Staat rückt dem Bürger im wahrsten Sinne des Wortes auf den Leib. Im Hintergrund steht dabei immer das niemals einzulösende Versprechen nach Sicherheit, welche es aber in einer globalisierten Welt niemals geben kann. Im Hintergrund steht sicherlich auch das Interesse, dieses wilde Internet, welches in den letzten 10-15 Jahren so einiges verändert, revolutioniert und außer Kontrolle gebracht hat, wieder zu zähmen. Die alten staatlichen Kontrollmechanismen sind durch die globale Kommunikation in vielen Bereichen nutzlos geworden. Jugendschutzgesetze? In Zeiten von Filesharing, kino.to und ausländischen Versandhändlern auf verlorenem Posten. Medienrecht? Wenn ich meine Webseite ohne Probleme anonym in den USA hosten kann, dann brauchen mit deutsche Gesetze einfach nicht interessieren. Und die Polizei steht, technisch völlig abgehängt, auch auf verlorenem Posten, wenn es um Internetkriminalität geht. Es ist erstaunlich einfach, durch das Netz zu schlüpfen, wenn ein vernünftig verschlüsselter TrueCrypt-Container für die Ermittler unknackbar ist.

Kurz und Rieger veranschaulichen diese Problematik am Beispiel eines Startups, welches ein Social Network für Haustiere entwickelt. Immer auf der Suche nach neuem Kapitalgebern werden die Nutzer und ihre Daten zur wahren Währung: Aktive Nutzer, die gezielt mit Werbung angesprochen werden können, sind der Kern des Geschäftes. Oder wie der Merkspruch so schön lautet: Wenn du nichts für einen Dienst zahlst, bist du das Produkt, welches verkauft wird.

Das alles führt am Ende zu einem sehr pessimistischen Ausblick: Die Überwachung wird immer ausgefeilter, die Menschen immer stärker analysiert und ausgeforscht. Am Ende des Buches steht eine fiktive Geschichte aus dem Jahr 2021, in der alle Überwachungs- und Kontrollmechanismen in Kraft sind. Die Menschen werden genau ausspioniert, sie leben in einer Filter Bubble, die Krankenkassen werden von der Waage automatisch über das aktuelle Körpergewicht informiert und so weiter. Eine Dystopie, die Angst machen soll.

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Die Maßnahmen, welche Kurz und Rieger vorschlagen, um dieses zu verhindern, sind so unspektakulär wie schwierig einzuhalten: Die Bürger sollen genau darauf achten, wem sie wo ihre Daten geben und im Zweifelsfall Falschangaben machen. Das ist sicherlich zutreffend, ich habe aber die Option der technischen Gegenwehr vermisst. Wer seinen Rechner passend ausrüstet, der kann viele der Datenfresser ins Leere laufen lassen. Ein simples Firefox-Addon wie Ghostery blockiert zuverlässig die Tracker aller Werbenetzwerke. Adblock Plus schützt zuverlässig vor Werbung und ihren Konsequenzen. Die Werbeindustrie lässt sich erstaunlich einfach im Zaum halten.

Soweit zu 2011. Das wirklich spannende ist aber, dass es solche Bücher mit genau den gleichen Argumenten auch aus den Jahre 1983, 1984, 1985, 1986 oder 1987 gibt. Staatliche Stellen werden dort auch immer mächtiger, sammeln immer mehr Daten über ihre Bürger und werden immer dreister. Und auch die privaten Firmen waren damals schon die Bösen. Nur die Schlagworte waren damals andere: Rasterfahndung, Volkszählung, Personalinformationssysteme, Bildschirmtext, Verkabelung und Orwell. Es ist erstaunlich, wie wenig sich die datenschutzfreundliche Literatur in den letzten 20-30 Jahren weiterentwickelt hat. Sie funktioniert immer noch nach den selben Methoden und mit ähnlichen Argumenten. Es finden sich jeweils überall hunderte aneinandergereihte Beispiele von Datenbanken, die irgendwas speichern, es werden jeweils die Möglichkeiten der Datenbankverknüpfungen hervorgehoben, es wird ein “immer mehr” konstatiert und natürlich fleißig hochgerechnet, wie alles in wenigen Jahren noch schlimmer sein könne. So findet sich beispielsweise auch die literarische Gattung der “hochrechnenden Dystopie”, wie sie sich auch bei Kurz und Rieger findet, schon 1987 in Roland Appels “Ein Tag im Leben des Abgeordneten Jakob Mierscheidt” (in: Vorsicht Volkszählung. Erfaßt, Vernetzt & Ausgezählt von Appel/Hummel), welchen nach genau dem gleichen Muster funktioniert. Während bei Kurz und Rieger der Jurist Robert in einer verdateten Welt zum heimlichen Whistleblower wird, agiert bei Appel der Bundestagsabgeordnete Jakob Mierscheid (ja, der!) als unsympathischer, überwachender und mies gelaunter Chef.

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Und daher bleibt auch bei Kurz und Rieger bei mir ein irgendwie unbefriedigendes Gefühl übrig: Genauso wie die damaligen Untergangspropheten irgendwie richtig und doch wieder falsch lagen, werden auch Kurz und Rieger richtig und wieder falsch liegen. Es ist einfach, die Bücher aus den 80ern im Hinblick auf aktuelle Entwicklungen und Techniken zu lesen und ihre Befürchtungen als richtig und zutreffend zu bewerten. Spätestens seit Dresden. Das wäre aber zu einfach und würde einen wichtigen Aspekt der Problematik vernachlässigen: Wir leben eben nicht in einer allgegenwärtigen Technokratie, sondern man könnte auch genau die gegenteilige Geschichte schreiben: Die völlige Überforderung von staatlichen Stellen mit einer neuen Technik. Man kann große Aktionen wie die Dresdner Handyüberwachung hervorheben, aber wenn in manchen Polizeiwachen noch nicht mal ein PC steht, dann ist es mit dem allumfassenden Großen Bruder nicht weit her. Schaut man sich unsere Politiker an, dann merkt man, wie überfordert sie von der neuen Technik sind, wie wenig sie sie verstehen und wie hilflos sie agieren. Der Große Bruder sieht eben anders aus. Und auch die scheinbar übermächtigen Internetunternehmen sind häufig auf tönernen Füßen gebaut. Die mächtigen Riesen, welche die Nutzer in allen Bereichen des Netzes überwachen, sind häufig recht wackelig unterwegs. Murdochs MySpace-Fiasko hat es gezeigt und vielleicht demonstriert Google+ es gerade mit Facebook: Gerade Social Networks sind extrem fragile Wesen und viele Daten nach kurzer Zeit völlig uninteressant: So habe ich mich 2008 stark für Digitale Spiegelreflexkameras interessiert, diverse Testseiten aufgesucht, bin durch Foren gesurft und so weiter. Dann habe ich mir meine Kamera gekauft, die auch wunderbar funktioniert und ich bin mit ihr zufrieden. Alle Werbung, die mich danach erreicht hätte (Adblock!), wäre völlig für die Katz gewesen und hätte mich armen Studenten sicherlich nicht zum Kauf einer zweiten Kamera motiviert – bis heute. Interessen verändern sich relativ schnell und all die schöne Datensammelei geht ins Leere.

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Elke Groenewold, CC-BY-NC-SA 3.0

Auf der anderen Seite haben sowohl die Volkszählungsboykotteure der 1980er Jahre als auch Rieger und Kurz eine Sache schmerzlich vernachlässigt: Menschen sind den bösen Datenfressern nicht hilflos ausgeliefert, sondern sie nutzen die neuen technischen Medien eben auch kreativ und anders als befürchtet. So hat die Computerisierung eine völlig neue, von den damaligen Protestlern so nicht erwartete Welt geschaffen. Boykott der Technik stand im Vordergrund, die Verkabelung der Haushalte mit rückkanalfähigen Fernsehkabeln und BTX war Teufelszeugs. BTX hat sich bekanntlich nicht durchgesetzt, aber es hat damals keiner der Protestler vorhergesehen, wie das freie Internet die Welt revolutionieren würde. Ähnliches kann man auch heute feststellen: Natürlich ist die Aktion der Dresdner Polizei, alle Handydaten und damit den Aufenthaltsort aller Anti-Nazidemonstranten abzusaugen, eine himmelschreiende Datenschutzsauerei, für die sie völlig zurecht eins auf den Deckel bekommen muss. Aber man muss auch beachten, wie die Demonstranten das Internet und ihre Handys nutzten: Sie konnten sich über das Netz organisieren, via Twitter und Liveticker eine unabhängige Berichterstattung auf die Beine stellen, sie konnten via SMS ihre Blockade effektiver gestalten und gezielt Leute an kritische Orte lenken und natürlich auch mit Hilfe unzähliger Handykameras gezielt Übergriffe dokumentieren. Die Frage ist eben, wer eine Technik wie nutzt.

Mehr Infos:
www.datenfresser.info 
Das Buch beim bösen Amazon
Wikipedia zu den Volkszählungsprotesten
Die Dresdner Handydatenaffäre

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2 Kommentare zu Von Volkszählern und gläsernen Bürgern zu den Datenfressern

  1. super dargestellt, wie wenig sich die argumente verändert haben. jetzt kommt mir das ganze ein wenig mehr so vor wie eine „german angst“ vor soetwas wie „le waldsterben“. siehst du parallelen?

  2. admin sagt:

    Ich mag den Begriff der German Angst nicht, gerade da er gerne dazu benutzt wird, um politische Gegner zu diffamieren. Das ist in der Datenschutzdebatte auch so – die Ziele sind im Kern völlig sinnvoll. Beim Waldsterben ist es auch so, der Wald war damals geschädigt, Umweltverschmutzung ist doof und sollte abgestellt werden. Die apokalyptischen Szenarien sind aber übertrieben. Und das macht es auch so schwer zu bewerten – ob jetzt das Waldsterben eine völlig an den Haaren herbeigezogene Panik war oder ob es durch viele Umweltschutzmaßnahmen abgewendet wurde, kann ich nicht beurteilen.
    Beim Datenschutz ist es ähnlich – berechtigte Sorgen und Ängste kombiniert mit Übertreibungen.

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