Was die WikiWatch-Affäre über die Wikipedia aussagt

Eine neue Woche geht in’s Land und die Aufregung um die WikiWatch-Affäre legt sich etwas. Mittlerweile haben fast alle großen Printmedien über den Fall berichtet und es gab immer neue Enthüllungen. Gleichzeitig ist es Wolfgang Stock und seinem WikiWatch-Projekt nicht gelungen, vernünftig auf die Vorwürfe zu reagieren. Angriffe auf den FAZ-Journalisten, der das Thema als erstes in die Printmedien brachte, helfen nicht. Und mysteriöse Berliner Versatel-IPs, welche plötzlich auf der Diskussionsseite zu Stocks Wikipedia-Artikel auftauchen und stänkern, entkräften den Vorwurf des Pharmalobbyings auch nicht. Dazu kommt eine anscheinend abgegebene falsche eidesstattliche Versicherung. Kombiniert man diese Reaktionen mit den stichhaltig belegten Anschuldigungen, ist der Fall klar. Selbst wenn die Uni Frankfurt/Oder das Projekt weiterlaufen lässt, seine Reputation ist ruiniert.

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Ein Wikipedia-Admin untersucht suspekte Edits (Bundesarchiv, B 145 Bild-F011684-0010 / Steiner, Egon / CC-BY-SA)

Es ist also an der Zeit, etwas Abstand zu gewinnen und sich nicht in einer kleinen Schlammschlacht aufzureiben. Was bedeutet die WikiWatch-Affäre für die Wikipedia. Hier einige Thesen:

1) Es wird versucht, gezielt Artikel im Sinne von irgendwelchen Interessengruppen zu manipulieren. Das ist für Insider keine Neuigkeit, ich empfehle hier ganz definitiv einfach mal auf die Artikel zu diversen Sekten zu schauen.

2) Die Kontroll- und Qualitätssicherungsmechanismen funktionieren. Selbst ein hochbezahlter Berater wie Stock, der sich sogar die Wikipedia-Forschung auf die Fahnen geschrieben hat, ist aufgeflogen. Manipulation ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Stocks Insulin-Edits wurden schnell vom Portal Medizin gestoppt.

3) Wichtig ist daher die aktive Autorenschaft, welche genau solche Aktionen aufdeckt. Ohne sie ist das wichtigste Nachschlagewerk der Wekt gegen solche Manipulationen schutzlos. Hier liegt auch das Problem des Autorenschwundes: Es ist bewundernswert, aber eben auch extrem anstrengend, darauf zu achten, dass Artikel zu Sekten, Verschwörungstheorien, irgendwelchen esotherischen Heilverfahren oder politischen Wirrköpfen nicht von eben diesen als Selbstbeweihräucherungsplattform missbraucht werden. Diesen Autoren, die zudem dann auch noch gerne als Blockwärte, Nazis, Zensoren oder Kontrollfreaks beschimpft werden, sollten wir sehr, sehr dankbar sein. Falls das Projekt Wikipedia einmal scheitert, dann wird es daran liegen, dass eben diese Leute fehlen. Die Dummheit hätte gesiegt.

4) Stock hat eine recht simple Manipulation versucht. Wer wirklich Geld in die Hand nimmt und es cleverer anstellt, könnte z.B. verschiedene Sockenpuppen über verschiedene, quer über Deutschland verteile DSL-Anschlüsse laufen lassen. Wer wie Stocks Unternehmen 10000€ für 3 Monate “Internetüberwachung” kassiert, kann sich auf jeden Fall ein paar per VPN verbundene Anschlüsse leisten. Sekten und andere Organisationen besitzen eh über ihre Anhänger diesen Vorteil und eine Manipulation ist technisch schwerer nachzuweisen.

5) Die Empörung zeigt, dass die Wikipedia als ein öffentliches Gut wahrgenommen wird. Pharmakonzerne können in Pressemitteilungen den größten Unsinn verbreiten und keinen interessiert es. Frauenmagazine können den größten Mumpitz über irgendwelche Diätpillen, Faltencremes oder Vitaminkapseln schreiben. Die Apothekenumschau kann wilde Sachen über irgendwelche Wundermittel schreiben und keiner regt sich über diese versteckte Schleichwerbung auf. Wir haben das irgendwie akzeptiert. Bei der Wikipedia ist dies anders.

6) Transparenz ist wichtig. Die Möglichkeit, alte Edits nachzuvollziehen, ist eines der mächtigsten Werkzeuge der Wikipedia und unterscheidet sie von vielen anderen Seiten, denen so eine Funktion sehr gut tun würde. Gerade da Internetinhalte beliebig veränderbar sind, ist diese Transparenz wichtig und man kann coole Dinge damit anstellen.

Zum Schluss gebe ich nur noch einen Tipp: Wenn in Foren mal wieder diverse Leute wild rumschrein, wie schlimm die Wikipedia-Admins sind, dann empfehle ich einfach mal, nachzufragen, was und wo diese den wild schreienden Poster zensiert haben sollen. Die Wikipedia ist nachvollziehbar und speichert alle Edits. Meine Erfahrung ist, dass die Admins in 99% aller Fälle Recht hatten.

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2 Kommentare zu Was die WikiWatch-Affäre über die Wikipedia aussagt

  1. Tom sagt:

    Ich würde von moderaten 85–90 % sprechen, aber das ist Ansichtssache ;-) Ansonsten schöner Beitrag. Leider ist es aber auch so, dass das Projekt zwar überall genutzt wird, es aber eben „da“ ist und kaum darüber nachgedacht wird, wie Wikipedia eigentlich „entsteht“. Es ist zehn Jahre her, da waren viele Personen, Tier- und Pflanzenarten, Krankheiten, Orte, Substanzen, etc. pp. im Internet praktisch nicht zu finden. Der Weg zu Wikipedia war oft steinig und voller Streit. Wenn man sich gedankenverloren von Lemma zu Lemma klickt und sich überlegt, wie all die Inhalte zustande kamen, dann bleibt bei mir nur eins: Faszination.

  2. AndreasP sagt:

    Herzlichen Dank für den Artikel. Gerade Punkt 5) erscheint mir wichtig und bisher kaum beachtet. Natürlich hat die Wikipedia ihre Schwächen und einen gewissen Reformbedarf, aber es bleibt zu fragen, warum die lautesten und schärsften Kritiker immer nur auf der Wikipedia herumhacken und eben nicht auf den PR- und Selbstbeweihräucherungstexten, die sich in den etablierten Medien und vor allem ihren Onlineablegern breit gemacht haben. Dort ist m. E. deutlich mehr zu kritisieren.

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