Facebooks großes Timeline-Experiment als Problem für zukünftige Historiker

Facebook plant Großes – oder hat völlig den Verstand verloren. Auf der gestrigen F8-Konferenz wurde angekündigt, dass der Dienst radikal umgekrempelt werden soll. Statt des bisherigen Layoutes, welches bereits in den letzten Tagen deutlich verunstaltet wurde, soll es in Zukunft nur noch eine Timeline geben:

Das ganze Leben eines Menschens soll also von Geburt an auf einer Zeitachse dargestellt werden. Dazu kommt eine bessere Integration anderer Webdienste wie etwa einer Kochrezepte-Community, von Musikdiensten wie Spotify oder Last.fm und Sportprogrammen wie Runkeeper.

Das löst sowohl Begeisterung als auch Kritik aus. Das amerikanische Blog Techcrunch etwa überschlägt sich vor Vorfreude während etwa Christian Stöcker das auf Spiegel Online deutlich kritischer sieht und warnt vor dem Lifestream unter der Kontrolle eines einzelnen Anbieters. Ich sehe das ähnlich – es ist höchst kritisch, alle Daten seines Lebens in eine Hand zu legen, welche diese dann auch noch mit dem Realnamen verknüpft. Ein Dienst wie etwa Last.fm ist toll – aber man will eben auch nicht, dass alle Freunde wissen, dass man gestern Abend die ganze Zeit alte Britney Spears-Platten gehört hat. Oder dass Und auch das im Video angedeutete soziale Kochen wirkt nicht mehr so überzeugend, wenn man nur kalte Ravioli aus der Dose zusammen mit einem Büchsenbier futtert. Joggen im Central Park ist auch hip und toll, wenn die körperliche Aktivität allerdings nur darin besteht, alle paar Tage zur Frittenbude um die Ecke zu schlurfen, verliert die Funktion schnell ihren Reiz. Es gibt eben auch Dinge, die man nicht so gerne mit den Freunden teilt – und mit der breiten Öffentlichkeit erst recht nicht. Es hat einen Grund, warum ich etwa meinen Last.fm und meinen Runkeeper-Account weder hier auf der Seite noch bei Facebook verlinke. Ebenfalls stellt sich die Frage, wie diese Timeline mit Brüchen im Lebenslauf umgeht. So gradlinig wie das in dem Video erscheint, sind die meisten Lebensläufe nicht. Was ist mit Scheidungen? Aufenthalten in psychatrischen Kliniken? Will man einen schweren Unfall wirklich bekannt machen? Will man den heutigen Arbeitskollegen wirklich erlauben, zurück in die eigene, rebellische Jugendphase zu scrollen? Will man alte Kinder- und Jugendfotos im Internet sehen?

Daher bleibt es abzuwarten, ob die Nutzer wirklich begeistert die neuen Möglichkeiten annehmen oder sich eher zurückhalten. Klappt Facebooks Plan, dann hat das Unternehmen endgültig die Kontrolle über einen großen Teil unseres Lebens erlangt. Scheitert er, dann könnten andere Netzwerke wie Google Plus an Fahrt gewinnen. Auf jeden Fall werden diese Änderungen das bisherige Facebook radikal umkrempeln. Ob man dies jetzt toll findet oder nicht, ist dabei egal – den Neuerungen wird man nicht entkommen, es gibt keine Option, um das alte Facebook zu erhalten.

An dieser Stelle wird es für uns Historiker interessant: Auf der gleichen Pressekonferenz wurde verkündet, dass eine halbe Milliarde Menschen täglich Facebook nutzen. Früher oder später wird daher ein Historiker völlig zurecht fragen, wie diese Plattform aussah, auf der immerhin ein Vierzehntel der Weltbevölkerung ihre Zeit verplempert hat. Da es aber kein Backup, kein Archiv und keine lokale Installation von Facebook gibt, wird der zukünftige Historiker es recht schwer haben. Er kann mit Hilfe von Screenshots versuchen, die Funktionen zu rekonstruieren. Hier öffnet sich ein Loch in unserem archivierten Wissen: Behörden haben Archive. Firmen auch. Verwaltungsakte sind leicht zu rekonstruieren. Musik, Bücher, Zeitschriften, Filme gibt es auf festen, irgendwie doch greifbaren Tonträgern. Einzelne, nicht dynamische Webseiten archiviert das Internet Archive. Das bisherige Facebook wird hingegen demnächst für immer verschwinden.

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