Wissenschaft, bloggen und die Öffentlichkeit

Klaus Graf fragt auf der etwas merkwürdigen Plattform Shorttext folgendes:

Ein Wissenschaftler, der nicht bloggt, ist ein schlechter Wissenschaftler. Sagte ich in Paris auf der DHI-Tagung bzw. ich antwortete lapidar mit Ja auf die entsprechende Frage. Bloggen kann dabei ganz unterschiedliches meinen: ein klassisches Blog, eine Internetkolumne (Uwe Walter bei FAZ-Blogs), Nutzung einer Forensoftware (oder so, siehe HCK), Meldungen auf Facebook oder – besonders empfehlenswert – Google+, von so ausgefallenen Formen wie Podcasts oder Videocasts ganz zu schweigen. Alles mag als Blog durchgehen, was über RSS beziehbar ist. Aber wie ist es mit dem Microblogging z.B. bei Twitter, wo die 140 Zeichen eine deutsche Grenze setzen? Ich will ja nicht nach den Sternen greifen: Wenn jemand in Twitter regelmäßig Interessantes aus seinem Forschungsgebiet mitteilt, soll das meinetwegen auch zählen. Zumal die – soweit ich sehe so gut wie nicht genutzte – Möglichkeit besteht, diesen nützlichen Dienst shorttext.com zu nutzen, wenn man mal was längeres mitzuteilen hat, was nicht in 140 Zeichen ausdrückbar ist. Meinungen?

Das fügt sich in eine Diskussion ein, die eher etwas unterschwellig seit einer Weile auf Archivalia köchelt. Archivalia macht es aufgrund des hohen Postingfrequenz extrem schwer, eine Diskussion am Laufen zu halten, da interessante Posts und Debatten innerhalb kürzester Zeit von einer Flut von Digitalisierungsmeldungen verschüttet werden. Daher hier ein kleiner Versuch, sie zu rekonstruieren:

Auf ein Interview mit Klaus Graf meldete sich Gerd Schwerhoff zu Wort:

Genervt von der Schützengräbenmentalität

Weil Klaus Graf meinen FAZ-Beitrag in seinem Interview angesprochen hat (wenn auch schief, weil ich nicht für einen weitgehenden Verzicht auf gedruckte Sammelbände, sondern für eine neue Arbeitsteilung zwischen Internet und Druck plädiert habe), hier einige kurze Anmerkungen zu seinen Gedanken.
Natürlich ist das Internet für die Geschichtswissenschaft nicht ausgereizt und birgt noch viele ungenutzte Möglichkeiten. Und ich kann verstehen, dass vielfache Ignoranz gegenüber dem Medium die netzaktiven Bürger auf die Palme bringt. Umgekehrt nervt mich aber die „Ganz oder garnicht“ – Attitüde der Blogprofis, die ätzende Arroganz gegenüber der Welt der Internet-Ignoranten, die immer wieder in vielen Kommentaren zum Ausdruck kommt. Insbesondere Du, Klaus, pflegst Diese Haltung sehr genüsslich („…zum Glück bin ich bei diesem Vortrag spazieren gegangen“). So werden die feindlichen Linien aus dem Schützengraben ständig unter Feuer genommen, Gefangene werden nicht gemacht – Überzeugungsarbeit sieht m. E. anders aus!
Es wäre vielleicht nützlich für die Netzaktiven, sich intensiver mit der Haltung derartiger Web – Halbschattengewächse zu beschäftigen, wie ich eines bin. Ohne Internet ist mein wissenschaftliches Leben heute schwer vorstellbar, genauer ohne email, Mailinglisten, digital zugängliche Quellen- und Literaturressourcen. Großartig! Andererseits bin ich im web 2.0 eher zurückhaltend. Weblogs lese ich gelegentlich (das großartige archivalia.net regelmäßig), bei Facebook allerdings habe ich mich nicht mehr gerührt, seit mein Sohn mich dort angemeldet hat, und an Diskussionen im Netz nehme ich äußerst selten teil. Zu ständigen Meldungen in einem sozialen Netzwerk über meine derzeitigen Gedanken, Befindlichkeiten oder was auch immer fehlt mir das Bedürfnis. Ich nutze das Netz einfach so, wie es meinen Bedürfnissen und meinem Zeitbudget entspricht. Geheime Überlegenheitsgefühle von fortgeschritten Netzaktiven gegenüber einer derart lauen Haltung sind unbenommen, ätzender Spott der Lordsiegelbewahrer des web 2.0 ist weder sachlich überzeugend noch menschlich einnehmend – auch wenn ich eine schöne polemische Auseinandersetzung durchaus schätze.
Natürlich gibt es viele Gründe auch für Skepsis gegenüber dem Internet als Medium für die Wissenschaft. Das vieldiskutierte Problem der Qualitätskontrolle ist eines davon, und wikipedia ist ein guter Beweis dafür, wie nahe Exzellenz und Schrott beieinanderliegen können. Für gestandene Wissenschaftler ist es kein Problem, einen guten Artikel zu benutzen, einen schlechten zu ignorieren (oder ggf. zu verbessern), aber viele Studierende tun sich damit schon viel schwerer. Das bringt mich auf einen zentralen Punkt, der meine Ambivalenz gegenüber dem Internet begründet: meine Erfahrungen in der akademischen Lehre. Die vielen neuen Möglichkeiten sind unbestritten (ich selber nutze z. B. gerne die Plattform iversitiy.org zum Einstellen von Texten etc.). Aber es gibt eben auch deprimierende Schattenseiten. Die Präsenzkultur an den Universitäten, m. E. der Kern wissenschaftlicher Sozialisation, verschwindet immer mehr (vgl.http://www.fb1.uni-siegen.de/geschichte/news/willkommen_an_der_fernuni.pdf). Am liebsten hätten die Studierenden alles ins Netz gestellt und würden dann ihre Besuche in Lehrveranstaltungen ganz einstellen. Das studentische Rezeptionsverhalten hat sich völlig auf das eingeengt, was leicht (!) über das Netz zu erreichen ist. Ganz zu schweigen von der wachsenden Unfähigkeit zu einer tiefen und nachhaltigen Lektüre von Texten, zu größeren hermeneutischen Anstrengungen. Dass das mit der kommunikativen Häppchen-Kultur im Internet zusammenhängt, ist ein naheliegender Verdacht.
Das alles ist nur kurz angerissen und kann sicher kontrovers diskutiert werden. Aber eine wirkliche Debatte wird es nur geben, wenn man sich nicht gegenseitig als Fax-Reaktionäre oder Facebook-Dünnbrettbohrer abqualifiziert, sondern die Einwände der Gegenseite ernst nimmt. So manche Stellungnahme aus den Reihen der netzaktiven Bürger, werter Klaus, erinnert mich eher an das geschlossene Weltbild von religiösen Ordensgemeinschaften denn an wissenschaftliche Kontroversen.

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Historiker im digitalen Schützengraben. 

Mareike König antwortete:

Zurück zur Sache

Den Ärger über die Schützengräbenmentalität kann ich verstehen und so manche Polemik von den hier als "Netzaktivisten" bezeichneten Personen ist sicherlich nicht nur überzogen, sondern tatsächlich fehl am Platze. Und dennoch: für Schützengräben braucht es zwei Seiten und man bekommt den Eindruck, dass es den "Internet-Ignoranten" und "Halbschattengewächsen" gar nicht klar ist, warum sie manchmal so sehr nerven. Denn hinter der Polemik stecken wohl weniger "geheime Überlegenheitsgefühle" als der Frust darüber, dass sich viele Geisteswissenschaftler mit dem Thema noch nicht mal auseinandersetzen wollen und sofort die Schotten dicht machen oder die Auseinandersetzung tatsächlich in einer sehr oberflächliche Gefilde ziehen, die sich teilweise auch aus Unkenntnis speisen. Ein Beispiel: Kein Wissenschaftler hat Lust (würde ich mal behaupten), bei Facebook oder einem anderen sozialen Netzwerk ständige Meldungen über derzeitige "Gedanken, Befindlichkeiten oder was auch immer" der anderen zu lesen. Das ist ein eindeutiges, leider weitverbreitetes Vorurteil, das man bei Facebook immer nur zu lesen bekommt, was die anderen gerade gefrühstückt haben. Man kann diese Netzwerke auch wissenschaftlich nutzen, das ist ja gerade das Interessante daran. Damit soll auch nicht gesagt werden, dass alle das unbedingt tun müssen. Die Frage des Zeitbudgets und Bedürfnisses ist natürlich berechtigt. Von daraus aber auf eine – unüberprüfte – Verurteilung zu schließen, ist bedauerlich. Das wird dann leider mit den Fragen gemischt, die tatsächlich interessant sind und uns in den nächsten Jahren sicherlich stark beschäftigen werden: Fragen der Qualität, Fragen der Ausbildung im Studium, der Präsenzkultur, der Kultur der Häppchen, des Teilens, der Zusammenarbeit, des Ausprobierens…

Und auch Klaus Graf legte in einem Text nach, dem man seine Frustration deutlich anmerkt:

Der digitale (Schützen)graben ist nach wie vor tief

Unwesentlich älter als ich, hat er [Gerd Schwerhoff] etwa zur gleichen Zeit wie ich in Bielefeld das Internet kennen gelernt (ca. 1996). Als ich 1997 meine (bis 2003 aktualisierte) Homepage
http://projekte.geschichte.uni-freiburg.de/mertens/graf/
ins Netz stellte, fühlte ich mich keineswegs als "Internetpionier".
Im April 1997 formulierte ich dort:
Die eigene Homepage stellt, daran ist nicht zu zweifeln, eine medientechnisch besonders fortgeschrittene Spielart akademischer Eitelkeit dar.
Zugleich eröffnet das Internet Kommunikations- und Publikationsmöglichkeiten, die dem eingefahrenen Wissenschaftsbetrieb neue Impulse verleihen könnten. Allerdings können nur attraktive Angebote, wenn überhaupt, etwas an der (noch) allgemeinen Reserviertheit der HistorikerInnenzunft gegenüber dem Internet ändern.
Statt in die Zeit-Klage über das Internet als Müllhalde und spätpubertäre Veranstaltung einzustimmen und passiv abzuwarten, ob irgendjemand irgendetwas Brauchbares ins Netz stellt, möchte ich hier mehr und anderes bieten als die (bei deutschen Wissenschaftlern) üblichen knöchernen Inhalte: Curriculum vitae, Projekte, Veröffentlichungsliste (und alles am besten: "under construction").

15 Jahre später sind wir nicht wesentlich weiter, was die Akzeptanz des Internets angeht, obwohl es unendlich viele Informationsangebote mehr gibt. Man kann mich mit jemandem vergleichen, der in einer Wandergruppe voranläuft und denkt, dass die anderen gleich nachkommen. Aber sie sind nicht nachgekommen. Sie haben selbstverständlich Computer und Mail in ihr Leben integriert und finden Digitalisate und die "Sehepunkte" und H-SOZ-U-KULT ganz prima, aber den Schritt ins digitale Mitmach-Web, den ich 1997 mit meiner Homepage und 2003 mit diesem Gemeinschaftsblog ging, wollen sie nicht mitgehen.
Und da ich ein eher ungeduldiges Naturell habe, kann ich nicht alle Zumutungen der Generation Fax oder sagen wir im Fall Schwerhoffs lieber "Generation Mailingliste" klaglos schlucken. Difficile est saturam non scribere. Bei aller sporadischen Anerkennung für mein Treiben hier und andernorts im digitalen Raum bin ich mir bewusst, dass ich ein Außenseiter bin und bleibe.

Dazu darf man auch meinen Text zum digitalen Analphabetismus lesen. Die Debatte dreht sich auf den ersten Blick um die “alte” Frage, welche digitalen Fähigkeiten Geisteswissenschaftler besitzen sollten, wie sie mit dem digitalen Wandel umgehen und wie sich die Wissenschaft etwa bei den Publikationsarten dem Internet anzupassen hat.

In den Kommentaren ist aber bereits angeklungen, dass es im Kern um etwas anderes geht: So werden digitalisierte Quellen, bequeme Zeitungsarchive oder Dienste wie H-Soz-U-Kult gerne und fleißig genutzt, es hapert aber, wenn es um das Mitmach-Web geht. Nur eine kleine Minderheit der Historiker (und Geisteswissenschaftler allgemein) bloggt, twittert oder agiert auf Facebook, Google Plus und Co. Es ist interessant, dass die Wissenschaftler gerade an dem Punkt zurückschrecken, an dem es darum geht, mit der eigenen Wissenschaft in die Öffentlichkeit zu treten. Monographien, Aufsätze oder Tagungen richten sich vor allem an eine Fachöffentlichkeit, einen kleinen Kreis von Kollegen. Der Schritt in eine breitere Öffentlichkeit hingegen fällt schwer und ist voller Fallstricke. Die Technik – so einfach sie auch sein mag – wirkt auf den ersten Blick kompliziert und abschreckend. Man benötigt sicherlich auch ein gewisses Selbstvertrauen aus dem eigenen Sozialen Kreis heraus und in die Öffentlichkeit zu treten. Was öffentlich im Netz steht, kann jeder lesen – Freunde, Feinde, Kollegen, der zukünftige Arbeitgeber, die liebe (oder nicht so liebe) Familie und so weiter. Man sollte akzeptieren, wenn jemand das nicht will.

Und es kann auch sein, dass kaum einer Interesse zeigt. So hat das BStU ein interessantes Experiment auf Twitter versucht: Die Ereignisse rund um den Mauerbau 1961 wurden 50 Jahre zeitversetzt getwittert. Das Ergebnis waren magere 82 Follower. Auch andere Wissenschaftler werden merken, dass die breite Öffentlichkeit häufig nur ein geringes Interesse an ihrer Arbeit zeigt – so hat etwa die sehr aktive Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit momentan 154 Leute auf Twitter begeistern können und von den x Millionen Facebook-Usern Deutschlands interessieren sich gerade auch nur 176 für diese Epoche. All das soziale Netzwerken schafft es also nur schwer, mehr Leute zu begeistern als eine handelsübliche Vorlesung. Manch ein Proseminar hat mehr Teilnehmer als maches Blog Leser. Das kann ans Ego gehen – oder dazu führen, dass man dieses ganze Internetdings einfach sein lässt.

Es gibt sicherlich noch andere Faktoren – Desinteresse, fehlende akademische Anerkennung, Zeitmangel, schlechte Erfahrungen mit Trollen und fehlende Vorbilder halten sicherlich viele Wissenschaftler davon ab, sich im Mitmach-Web zu engagieren. Das ist auch die Antwort auf die Eingangsfrage: Ein Wissenschaftler, der nicht bloggt, ist kein schlechter Wissenschaftler, sondern einer, der sich scheut, mit seiner Forschung in die Öffentlichkeit zu treten.

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3 Responses to Wissenschaft, bloggen und die Öffentlichkeit

  1. Scott Krause sagt:

    Danke fürs Zusammentragen dieser interessanten Debatte!

    „Man kann mich mit jemandem vergleichen, der in einer Wandergruppe voranläuft und denkt, dass die anderen gleich nachkommen.“
    Genau so dürften sich im 20. Jh. zahllose Revolutionäre gefühlt haben. Waren die, welche nie folgten, deswegen nie in der Lage, ihre eigentlichen Interessen zu erkennen?

    In der Aussage schwingt für mich zu viel -zumindest- naive Weltbeglückungsrhetorik mit.

    Schwerhoffs Einwand, dass das I-Net nicht nur positive Auswirkungen auf die Lehre und das Lernen von Studis hat, kann man auch nicht einfach mit „Generation Mailingliste“ wegwischen – zumindest wenn man im Jahre 2011 noch selbst lehrt.

  2. Robert sagt:

    Ich bin mit Herrn Schwerhoffs Einwand, der mir aber doch zu polemisch erscheint, grundsätzlich einverstanden. Im Internet setzten sich mehr Stereotypen durch als Kreativität, was nicht heißt, dass letztere nicht hie und da mal auftaucht. Außerdem glaube ich, dass es ganz gut ist eine kritische und auch skeptische Haltung gegenüber allen Informationsplattformen des Internets zu haben. Ich lese lieber Brockhaus statt Wikipedia, ein Fachwörterbuch statt einen Googletreffer und höre lieber einen Fachvortrag aus dem Munde des Professors persönlich. Das Internet mag viele Vorteile habe, aber eine zunehmende Versklavung des selben ist auch nicht außer Reichweite, nämlich die schleichende Abhängigkeit von diesem.

    Aber einwenden möchte ich: Als Student der Geschichte ist das Studium meist so arbeitsaufwändig, dass kaum Zeit bleibt um sich noch mehr mit Fachwissen aus dem Internet zu beschäftigen. Die Zeit hat mensch dann wohl nur, wenn er sich nicht für vertiefende Literatur und persönlichen Vorlesungsbesuch interessiert, dann aber wohl zugleich auch kein Interesse.

    Bevor die Fachwelt also gleich bei allem mitzieht, was sich an Informationsverbreitung anbietet, kann sie ruhig eine Zeit lang reserviert bleiben und Entwicklungen abwarten. Ein Mainstream bildet sich ohnehin früher oder hier besser später.

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