Warum hat man eigentlich Atomkraftwerke gebaut, wenn das Entsorgungsproblem noch ungelöst ist?

Es ist das wichtigste Ritual der deutschen Anti-Atomkraftsbewegung: Wenn sich ein Castortransport auf den Weg ins Wendland macht, dann wird blockiert. Mit Sitzblockaden, Demonstrationen, Straßensperren, Gleisbesetzungen, Betonpyramiden, Schafsherden, kreativen Aktionen oder durch das Schottern von Gleisen soll der Transport möglichst lange aufgehalten werden.

So auch jetzt: Zehntausende Demonstranten durchstreifen gerade das Wendland und tausende Polizisten versuchen das Unmögliche und die Straßen freizubekommen. Natürlich führt dies zu den immer gleichen Diskussionen, die wir im Prinzip schon seit den ersten Transporten 1996 führen – macht diese Proteststrategie Sinn? Ist es verantwortungslos, einen Transport, den man für gefährlich hält, aufzuhalten? Wo liegen die Grenzen bürgerlichen Protestes? Im Hintergrund lauert die Frage aller Fragen: Wohin mit dem ganzen Atommüll? Jetzt, wo der Müll da ist, muss er ja auch irgendwo hin. Und zwar für eine unvorstellbar lange Zeit – hilft da Protest überhaupt?

Umso interessanter ist ein Blick in die euphorische Frühzeit der Kernenergie. Wir alle kennen die Visionen vom atombetriebenen Auto, von Atomflugzeugen, unendlicher, billiger Energie und unvorstellbaren Möglichkeiten. Wir kennen die Planungen, Atombomben für gigantische Bauprojekte zu nutzen. Schaut man etwa mal in alte Ausgaben der populären Jugendbuchreihe „Das neue Universum„, dann findet man haufenweise dieser utopischen Planungen, die in einer der wohl größten Enttäuschungen des letzten Jahrhunderts endeten: Die neue Technik erwies sich als gefährlich, schwer zu beherrschen und störanfällig. Und im Hintergrund lauerte im Kalten Krieg immer die Gefahr des globalen thermonuklearen Krieges. Eine Untersuchung dieser enttäuschten Hoffnungen wäre ein extrem spannendes Thema für Historiker.

Im Rückblick ist es erstaunlich, wie naiv die Verantwortlichen damals über das Problem der Atommüllentsorgung dachten:

Nur eine Gruppe machte Vorbehalte. Es waren dies die großen Stromversorgungsunternehmen, darunter das größte von ihnen, das RWE. Sie wollten an das goldene Zeitalter nicht recht glauben.« RWE-Vorstandsmitglied Heinrich Schöller nimmt sich sogar die Freiheit, bei einer Besprechung im Wirtschaftsministerium die Beseitigung des Atommülls zu problematisieren. Seine Mahnung aus dem Jahr 1957 erweist sich heute als visionär. Schöller glaubt, die Entsorgung der radioaktiven Abfälle könnte am Ende so kostspielig sein wie die gesamte atomare Stromerzeugung.

Andere sehen das lockerer: Mal soll der Atommüll im arktischen Eis entsorgt, mal ins Meer gekippt werden. Der einflussreiche Ökonom und Atomfreund Edgar Salin räumt allerdings in seinem Buch zur Ökonomik der Atomkraft 1955 ein, dass die Atommüllfässer auch am tiefsten Meeresgrund »ihre unheilvollen Strahlen senden«. Robert Gerwin, später Pressereferent der Max-Planck-Gesellschaft und ebenfalls strammer Verfechter der Atomkraft, unterstützt den Vorschlag sowjetischer Wissenschaftler, die strahlenden Hinterlassenschaften per Rakete ins All zu schießen. Dies sei der »zweifellos zuverlässigste Weg«, schreibt er im Februar 1963. Und noch 1969 glaubt der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker nach einem Besuch im Kernforschungszentrum Karlsruhe, dass der gesamte Atommüll des Jahres 2000 »in einen Kasten« passe. Wenn man den »gut versiegelt, verschließt und in ein Bergwerk steckt, dann wird man hoffen können, daß man das Problem gelöst hat«.

Zeit.de – Aufbrauch ins Wunderland

Es lohnt sich, den gesamten Artikel zu lesen. Wer verstehen will, warum die Anti-Atomkraftsbewegung zu einer der größten und dauerhaftesten Protestbewegungen der Bundesrepublik wurde, der muss die Planungen und die Naivität der Verantwortlichen kennen. Die Atomkraft, die wir bekamen, ist nämlich nur ein winziger Teil der geplanten Meiler. Auch die momentane Schlacht um Endlagerung und Laufzeitverlängerung ist nur ein Nachhall – gewonnen hatten die Antiatomkraftgegner bereits in den 80ern, spätestens nach Tschernobyl, als der Bau neuer Atomkraftwerke in Deutschland undenkbar wurde.

Und was ist jetzt mit dem Müll? Der ist da. Und wir haben immer noch keine sichere Lösung, ihn zu lagern. Das Argument, dass die Wissenschaft irgendwann, vielleicht in wenigen Jahren oder in ein paar Jahrzehnten eine sichere Endlagerungsmöglichkeit finden wird, halte ich persönlich für extrem problematisch: Dieses auf Morgen verschieben machen wir bereits seit Beginn der Atomkraft – seit 40, 50, 60 Jahren warten wir immer noch auf den Durchbruch. Auch das geplante Endlager in Gorleben hat sich als Desaster erwiesen: Nachdem herausgekommen ist, dass die Planungen für dieses Endlager eher aus politischen denn aus fundierten wissenschaftlichen Überlegungen erfolgt sind und das nahe gelegene Endlager Asse absäuft, soll die Endlagersuche jetzt wieder bei Null anfangen. Wir dürfen gespannt sein, was daraus wird. In der Zwischenzeit benötigt der Castor gerade länger denn je und ist bislang trotz Rekordverspätung noch nicht einmal in der Verladestation in Dannenberg angekommen. Wenn doch bloß unser gesamte Atommüll in einen kleinen Kasten passen würde. Oder sich risikofrei in die Sonne schießen ließ. Dann wäre vieles einfacher. Oder wenn das Zeugs nicht so gefährlich wäre – denn den Traum der unerschöpflichen, billigen und harmlosen Energie, den träumen wir insgeheim doch noch, trotz des Scheiterns des Atomtraumes, trotz des nagenden Gefühles im Hinterkopf, dass der Klimawandel etwas mit unserem Verbrauch an fossilen Brennstoffen zu tun hat, trotz immer weiter steigender Energiepreise.

Weitere, lesenswerte Artikel zur euphorischen Anfangszeit der Atomenergie in Deutschland:

http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur…1.9949461.html
http://www.faz.net/aktuell/2.2032/ge…tts-16211.html
http://einestages.spiegel.de/static/…_ja_bitte.html
http://www.faz.net/aktuell/2.2032/de…m-1613327.html

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