eBooks – sollten die Verlage sich langsam Sorgen machen?

Seitdem der 99€-Kindle in Deutschland erschienen ist, zeichnet sich in den Amazon-Verkaufscharts ein klarer Trend ab: Er führt die Rangliste der am häufigsten verkauften Elektrogeräte an. Noch vor den Weihnachtskrachern Galaxy S2, den iPads, Handys, BluRay-Playern und sonstigem Technikspielzeug. Die Kindle Keyboards tauchen ebenfalls häufiger in den Top 10 auf. Amazon selbst hält die genauen Verkaufszahlen unter Verschluss, verkündete aber letztens stolz, in den USA wöchentlich über eine Millionen Kindles zu verkaufen – in diesen Zahlen ist zwar das Tablet Fire enthalten, aber der Trend ist klar: eInk-Reader und eBooks scheinen sich langsam, aber sicher auf dem Massenmarkt durchzusetzen. Der Kindle scheint eines der beliebtesten Weihnachtsgeschenke 2011 zu werden.

Damit ist Amazon einen Schritt weiter, den deutschen Buchmarkt endgültig zu erobern. Die Verlage wehren sich (noch) gegen Amazons Vorherrschaft, aber sie werden am Ende auch nicht um Kindle-Versionen ihrer Bücher herumkommen. Sind erstmal genügend Geräte in den Händen potenzieller Kunden, kann es sich kein Verlag mehr leisten, ihnen keine Bücher zu verkaufen.

Die deutsche Konkurrenz zeigt sich hingegen harmlos: Thalia, Marktführer im Buchhandel, hat mit dem OYO ein technisch unausgereiftes, fehleranfälliges Produkt auf den Markt geworfen und so viel verspielt – da wird auch der OYO II nichts helfen. Auch die anderen großen Ketten von Hugendubel bis Weltbild haben keine überzeugende Strategie. Weltbild versucht es sogar mit einem TFT-Gerät, was eigentlich alles sagt. Und die Geräte des früheren Marktführers Sony haben sich technisch nicht so sehr weiterentwickelt und sind dem Kindle mittlerweile unterlegen und deutlich teurer. Wer sich einen eInk-Reader zulegen will, der sollte wirklich zum Kindle greifen und nicht zu den halbgaren Alternativen.

Erstaunlicherweise scheint es aber in einer ganz anderen Kategorie zu klemmen: Bei den Verkaufszahlen der einzelnen Bücher. Jonny Häusler von Spreeblick hat ein Experiment gewagt und ein Buch auf dem Kindle veröffentlicht (ja, ich weiß, jeder liest Spreeblick…) und verrät Verkaufszahlen. Demnach reichen ca. 1100 verkaufte Bücher in 5 Tagen für eine solide, permanente Platzierung in den Top 10. Schaut man sich diese an, findet man auch Schrottbücher wie „Die 219 besten Witze aller Zeiten“ oder „Kindle – das inoffizielle Handbuch. Anleitung, Tipps und Tricks„. Der Kindle-Verkauf boomt, der Buchverkauf wohl eher nicht.

Woran liegt das? Natürlich werden viele der jetzt verkauften Kindles erst am 24. ausgepackt und eingesetzt. Trotzdem birgt der Übergang vom analogen zum digitalen Medium für die Buchindustrie immense Risiken.

Zum einen sind hier Raubkopien zu nennen. Es ist extrem einfach, Bücher aus dem Internet zu laden. eBooks sind nur wenige Kilobytes groß und der erste Fix für viele dürfte es sein, sich bereits auf Papier vorhandene Bücher herunterzuladen. Gekauft ist ja gekauft, nicht wahr? Wenn man dann schon die üblichen Seiten kennt, ist der Versuch, mal eben die 25€ für das neue Hardcover einzusparen oder gleich das ganze Werk eines Autors zu ziehen, recht groß. Der Kindle könnte schnell das Napster der Buchindustrie werden.

Zum anderen schafft Amazons Autorenprogramm es, die Verlage geschickt zu umgehen. Einfach selbst ein Buch veröffentlichen, ohne lange Ochsentour durch verschiedene Verlage und ihre Lektoren? Und ohne dem Verlag am Ende einen viel zu großen Teil der Einnahmen abgeben zu müssen? Spätestens wenn ein paar berühmte Autoren diesen Weg gehen, wird es interessant.

Meine Lesegewohnheiten haben sich verändert seit ich meinen Reader besitze: Dank Instapaper und Wordcycler ist es ein leichtes Texte aus dem Internet auf den Reader zu ziehen. Entsprechend lese ich mittlerweile extrem viele Texte, die ich sonst am Rechner gelesen hätte, auf dem kleinen Sony. Das ist entspannender als vor dem Desktop zu sitzen, bedeutet für die Verlage aber eine neue Konkurrenz. Jeder gute Blogeintrag, jede spannende Reportage auf einer Nachrichtenseite, jede Seite mit Kurzgeschichten und natürlich die vielen gemeinfreien Bücher sind alle eine brandgefährliche Konkurrenz zum herkömmlichen Verlag.

Oder um es kurz zu fassen: Die deutschen Verlage brauchen dringend zündende Ideen, wie sie diese Veränderungen abfedern. Nur auf den Mythos des gedruckten Buches zu setzen, welches ja angeblich ein einzigartiges Lesevergnügen bietet oder gar auf den Geruch von Papier, ist keine Zukunftsstrategie.

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1 Antwort zu eBooks – sollten die Verlage sich langsam Sorgen machen?

  1. Martha sagt:

    Keine Frage, die deutschen Verlage brauchen in der Tat dringend eine zündenden Idee – aber die deutschen Autoren brauchen die genau so sehr. Was ich damit sagen will ist Folgendes: Ich denke, dass man der Kopierer auf der „strukturellen“ Ebene, d.h. mit DRM, Raubkopierer-Kriminalisierung, Copyright-Vermekren und Verboten etc. ppp. nicht beikommt. Was wir brauchen, ist ein anderes Bewusstsein. Konkret: Warum versucht man es nicht mal von der anderen Seite, warum bieten die Autoren die Bücher nicht gleich kostenlos an, zumal sie sich früher oder später doch viele kopieren) und setzt auf freiwilliges Bezahlen bzw. den kauf der gedruckten Bücher. Leute wie Cory Doctorow haben es doch vorgemacht – und im deutschsprachigen Raum sind inzwischen die QuandaryNovelists voll mit dabei:
    http://www.the-quandary-novelists.com/copyleft/

    Gewiss, die Vermarktung des gedruckten Buches durch die Werbung des geschenkten funktioniert jetzt vielleicht noch besser als es das einmal tun wird, wenn viele Schriftsteller das so machen. Aber in der Musik ist es ja auch zunehmend so, dass die Leute ihre Lieder mit CC-Lizenzen o.ä. versehen zum freien Download stellen und sich dann (zunehmend) über ihre Auftritte und/oder Vinyl finanzieren. Vielleicht sollte man das in der – traditionell konservativ ausgerichteten – Buchbranche mal versuchen. Aber vielleicht sollten die Auoren da gar nicht auf (ihre) Verlage warten, sondern selbst loslegen, ausprobieren und – zur Not – auch wieder verwerfen. Der Myhos des gedruckten Buches lässt sich, so denke ich, nur im offensiven Umgang mit dem elektronischen verteidigen und bewahren.

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