Herr Latein und die Pflanzen

Wären Sprachen Personen, dann wäre Latein der Prototyp des Koks-Bankers. Lange Zeit der Hecht im Karpfenteich, der geilste Typ unter der Sonne, die Lingua Franca von Wissenschaft, Religion, Geistesleben, Politik, Unterhaltung und eigentlich von allem. Ohne Latein ging Jahrhunderte lang nix. Und dann der Abstieg. Die eine Party zu viel. Einen A.c.I. zu viel konsumiert. Einen armen Lateinschüler zu viel herablassend belehrt.

Ein A.c.I. zu viel: Herr Latein bei der Arbeit

Die Performance litt, das Aktien-Portfolio lief nicht mehr so gut. Die Boni sanken. Und zum Schluss der Crash, immer noch mit weißer Nase. Andere Sprachen verdrängten den einstigen Platzhirsch. Er wurde immer nutzloser. Die Bank feuerte ihn. Keiner wollte mehr Mr. Latein haben – nur ein kleiner Staat in Rom zeigte Erbarmen und gab der mittlerweile völlig heruntergekommenen Sprache ein kleines, aber bescheidenes Auskommen.

Doch dem Herrn Latein war nicht mehr zu helfen. Trotz vielem guten Willen – alle Resozialisierungsmaßnahmen blieben erfolglos – fristet Herr Latein jetzt ein trostloses Leben. Er belästigt arme Kinder mit staubigen Lehrinhalten. Lateinlehrer sorgen für das Überleben von Kordsakkos. Arme Studierende quälen sich durch Latinumsprüfungen, nur um die Sprache danach nie wieder zu nutzen. Herr Latein ist eigentlich nur noch in dem kleinen Teil der bildungsbürgerlichen Elite gern gesehen – und wird fleißig eingesetzt, um diese ganzen schmuddeligen Arbeiterkinder auszugrenzen.

Doch Herr Latein ist weiter auf dem absteigenden Ast, immer mehr ehemalige Freunde wenden sich von ihm ab. Jetzt sind es die Botaniker. Diese haben Herrn Latein lange Zeit die Treue gehalten. Jeder, der eine neue Pflanzenart benennen und beschreiben wollte, musste dies bislang auf Latein machen. Am 1. Januar 2012 endet auch diese Ära – ab sofort dürfen neue Pflanzen auch in anderen Sprachen beschrieben werden. Herr Latein geht langsam, aber sicher den Weg des Dodo.

Und auch ein anderer früherer High Performer wird durch diese Änderungen in der Botanik angezählt: Herr Buchdruck war ebenfalls lange Zeit der größte Held, aber Herr Internet macht ihm zunehmend Konkurrenz. Daher müssen neue Pflanzen jetzt nicht mehr in gedruckten Zeitschriften beschrieben werden, sondern es dürfen auch elektronische sein. Willkommen im 21. Jahrhundert, liebe Botaniker!

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