Das Urheberrecht als Mittel zum Zweck

Vor ein paar Tagen hat Sascha Lobo einen wichtigen Text verfasst, in dem er auf die dringend benötigte Renaissance des selbsthosten von eigenen Webseiten hinweist. Denn nur wer seinen eigenen Server besitzt, seine eigene Domain hat, der kann damit im Rahmen der üblichen Gesetze machen, was er will. Wer allerdings sein Blog bei irgendeinem kostenlosen Bloganbieter betreibt, ansonsten auf Twitter aktiv ist, ein Facebook-Profil angelegt hat oder bei irgendeinem anderen Anbieter aktiv ist, der begibt sich in eine Welt der völligen Willkür, die es außerhalb des Internets sonst nur vor Diskotheken gibt.
Alle großen Anbieter, von Google über Facebook hin zu Twitter, haben in der Vergangenheit die Konten einiger Nutzer wegen „Verstößen gegen die AGB“ gesperrt. Und die AGB schränkt den Nutzer stark ein, die Anbieter achten extrem auf eine saubere Version ihres Dienstes. Und sauber bedeutet in diesem Zusammenhang häufig eine prüde, konservative, ja irgendwie amerikanische Version. Keiner kann mir auch meine Seite hier wegnehmen – das Blog hier wird automatisch gesichert und selbst wenn mein Hoster mir aus irgendeinem fadenscheinigen Grund kündigen sollte, ziehe ich einfach zu einem anderen weiter.
Die großen Anbieter funktionieren anders – ist man einmal gesperrt, ist der Account weg. Dann kann man sich mit dem aus Textbausteinen bestehenden Support herumärgern, aber damit kommt man meistens auch nicht weiter. Und an die Daten kommt man erst recht nicht mehr heran – ganz berüchtigt ist hier etwa der Fotodienst Flickr, der direkt beim Sperren fleißig alle Bilder löscht. Selbst wenn man den Account wieder entsperrt bekommt, sind die Bilder weg.
Selbsthosten ist daher einer dieser Trends, die sich dringend wieder einer größeren Beliebtheit erfreuen sollten. Es kostet nur wenige Euro pro Monat, die eigene Seite wird nicht mit fremder Werbung verunstaltet und man kann machen und lassen, was man will. Ein Blog mit eigenen Plugins aufmotzen. Einen eigenen eBook-Server betreiben. Ein privates Photolog vernachlässigen. In Sekundenschnelle kleine Nebenblogs einrichten. Die eigene Dropbox hosten und die Kontrolle über die eigenen Daten behalten. Ein Wiki betreiben. Daten sicher und außerhalb von Amazons Cloud backuppen. Und vieles mehr – ich kann es einfach nur empfehlen.

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Ein weiteres dieser Beispiele völliger Willkür liefert passend dazu Dropbox: Der Journalist Mario Sixtus hat einen DMCA-Takedown für eine Datei in seiner Dropbox bekommen. Als Folge wurde ihm zum einen der direkte öffentliche Link zur Datei gesperrt, was dazu geführt hat, dass alle im Web darauf zeigenden Links plötzlich tot sind. Und ihm wurde nicht nur dieser eine Link gesperrt, sondern gleich die ganze Sharing-Funktion des Accounts, der jetzt einen wichtigen Teil der Funktionalität eingebüßt hat. Immerhin war Dropbox so freundlich und hat nicht den gesamten Account dicht gemacht – wie etwa Twitter in einer ähnlichen Situation.

Ich erwähne den Fall, weil es sich um den Steller des DMCA-Takedowns um einen alten Bekannten handelt: Wolfgang Stock, seines Zeichens Professor an der Viadrina Universität Frankfurt/Oder und bei der fraglichen Datei handelt es sich um die Dokumentation von problematischen Wikipedia-Änderungen durch einen Professor der Uni Frankfurt/Oder. Das Thema ging vor einer Weile durch die Blogs, auch durch dieses hier. Schnell wurden weitere Vorwürfe rund um Pharmalobbying und evangelikale, homophobe Propaganda laut.

Alles in allem eine sehr unschöne Geschichte, die ein schlechtes Licht auf den Professor wirft. Sixtus hatte die Dokumentation der Wikipedia-Änderungen damals in seiner Dropbox gespiegelt, also das PDF in den Public-Ordner kopiert und dann die öffentlichen Links verbreitet. Die Dokumentation liegt auch auf den Wikipedia-Servern, was ganz klar gegen Urheberrechtsverletzungen spricht. Kaum eine Seite ist da restriktiver als die Wikimedia-Projekte. Ich kann auch keine Urheberrechtsverletzung drin erkennen:

http://upload.wikimedia.org/wi…..GundCo.pdf

Die fraglichen Wikipedia-Edits sind ja unter einer CC-BY-SA-Lizenz veröffentlicht worden und auch die wenigen Zitate aus Stocks Vorträgen sind vom normalen Zitatrecht gedeckt – vor allem da Dropbox ja eine US-Firma ist und unter US-Recht agiert. Stock hat mit dem DMCA-Takedown ja auch klar US-Recht benutzt und dort gibt es ja das Recht auf Fair Use. Der Takedown von Dropbox ist daher deutlich übertrieben. Der Rechtsanwalt Thomas Stadler spricht daher von einem “Missbrauch des Urheberrechts”:

Über den Vorwurf, Wolfgang Stock hätte Wikipediaeinträge manipuliert, hat beispielsweise auch Heise berichtet, verbunden mit dem Hinweis, Stock würde nunmehr auch juristisch gegen diese Vorwürfe vorgehen. Und damit ist auch klar, woher der Wind weht. Das Urheberrecht wird von Stock nur als Vorwand und Vehikel dafür benutzt, um Dokumente aus dem Netz zu bekommen, in denen besagter Manipulationsvorwurf enthalten ist. Wenn sich Herr Stock gegen angeblich falsche Tatsachenbehauptungen wehren will, dann soll er das tun, aber er sollte nicht das Urheberrecht für diese Zwecke missbrauchen.

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