Jack Tramiel ist tot

Der Commodore 64 (CC-BY-SA 2.5 Bill Bertram)

Er war Holocaust-Überlebender, Schreibmaschinenhändler, Taschenrechnerproduzent und der Mensch, der günstige Computer massenhaft in die Haushalte brachte. Und einer der brutalsten Geschäftsmänner der frühen Computerära: Jack Tramiel, bis 1984 Chef von Commodore und danach Chef von Atari, ist am Sonntag im Alter von 83 Jahren gestorben.

Er wurde im Jahr 1928 im polnischen Lodz geboren und von den Nazis zuerst nach Auschwitz und dann in ein Arbeitslager bei Hannover verschleppt, wo er 1945 von den Amerikanern befreit wurde. Er siedelte in die USA über, lernte bei der Army das Reparieren von Schreibmaschinen und machte sich dann mit einer eigenen Schreibmaschinenwerkstatt selbstständig. Als Geschäftsmann merkte er allerdings schnell, dass der Vertrieb von importierten Schreibmaschinen deutlich lukrativer war als die reine Reparatur. Im Laufe der Zeit baute er seine Firma aus und stieg auch in den neuen und boomenden Sektor der Taschenrechnerproduktion ein.

Der Durchbruch für Commodore kam 1976 mit dem Kauf von MOS Technology. Der Rest ist mittlerweile legendär – die vertikale Integration von Commodore, welches Chipherstellung und Rechnerproduktion in einer Firma verband und so günstiger als die Konkurrenz produzieren konnte, ermöglichte nicht nur Produkte wie den Commodore PET oder den VIC20, sondern vor allem auch den Commodore 64. Was soll man zu diesem Rechner sagen? Mit 30 Millionen verkauften Exemplaren ist er einer der erfolgreichsten Heimcomputer, um den sich schnell die neu entstehende Computerszene in Deutschland scharrte. Wenn in Deutschland irgendwer im Alter ab 25 oder 30 Jahren über seine frühen Computererfahrungen spricht, dann wird fast zwangsläufig der C64 erwähnt. Der Brotkasten prägte eine ganze Generation.

Aber Tramiel wäre nicht Tramiel ohne seine harte Geschäftspolitik: Er führte die Firma mit harter Hand, Gerüchten zufolge unterzeichnete er jeden Scheck über 1000$ persönlich. Seine „Jack Attacks“ sind ebenfalls legendär: Reihenweise trieb er Konkurrenten aus der Firma oder brachte Mitarbeiter um ihre Firmenanteile und Boni. Ebenfalls berüchtigt war sein Verhalten gegenüber Zulieferern, die er so lange nicht bezahlte bis sie in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten – und dann von ihm günstig übernommen werden konnten. Und Tramiel ist immer noch einer der ganz Wenigen, die es geschafft haben, Bill Gates in einem Geschäft richtig über den Tisch zu ziehen.

Aber Tramiel verlor die Kontrolle über seine Firma: Während des rasanten Aufstieges von Commodore musste er weitere Finanziers ins Boot nehmen, welche schließlich die Aktienmehrheit besaßen. Tramiel führte Commodore allerdings immer weiter wie ein Privatunternehmen und der Konflikt eskalierte 1984 als er versuchte, einen seiner Söhne in die Firmenleitung zu bringen. So musste er Commodore verlassen und begann gleich damit, einen Krieg gegen seine ehemalige Firma zu führen: Er verkaufte alle seine Aktienanteile und übernahm mit dem Geld die konkurrierende Firma Atari von Warner Communication. Mit dem Atari 800XL heizte er den Preiskampf weiter an – 499DM kostete er im Weihnachtsgeschäft 1984, mehr als 100DM weniger als der C64.

Der Niedergang der Heimcomputer bedeutete auch das Ende der großen Karriere Tramiels: Sowohl Commodore als auch Atari gingen den Weg in die Insolvenz als die günstigeren, leistungsfähigeren und flexibleren IBM-Kompatiblen den Markt übernahmen. 1995 zog sich Tramiel aus dem Geschäft zurück und 1996 wurde Atari an den Festplattenhersteller Jugi Tandon Systems verkauft – der drei Jahre später promt bankrott ging. Im Alter führte Tramiel ein eher zurückgezogenes Leben ohne große Auftritte und spendete größere Summen seines Vermögens an Stiftungen, die an den Holocaust erinnern. Seine letzte Spende ging an das Warschauer Museum für die Geschichte der polnischen Juden, welches 2013 anlässlich des 70. Jahrestages des Aufstandes im Warschauer Ghetto eröffnet werden wird.

Wer mehr über die Geschichte Commodores und Jack Tramiel wissen will, der darf bei Commodore.ca vorbeisurfen, welches eine wirklich gut gemachte und ausführliche Sektion über die Geschichte der Firma hat. Wer es ganz genau wissen will, der sollte das aktuelle Standardwerk in die Hand nehmen: Brian Bagnalls „On the edge. The Rise and Fall of Commodore“ bzw. die zweite Auflage „Commodore. A company on the edge“. Das auf Deutsch erhältliche „Commodore – Aufstieg und Fall eines Computerriesen: Ein kurzer Streifzug durch die Firmengeschichte mit Daten, Fakten und den Gründen, warum der Computerpionier am Ende scheiterte“ von Boris Kretzinger ist deutlich weniger ausführlich und detailreich, aber auch durchaus lesenswert. Vielleicht ist es aber das Beste nicht zu viel zu lesen, sondern einfach mal wieder C64 zu zocken. Mittlerweile kann man das ganz bequem im Browser erledigen.

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