Wie Geschichtspolitik funktioniert.

Wie funktioniert eigentlich Geschichtspolitik, diese merkwürdige parteiische Beeinflussung der Geschichtsdeutung durch offizielle Stellen, im Detail? Es ist ja leicht festzustellen, dass etwa die Türkei den Völkermord an den Armeniern leugnet. Aber wie funktioniert so etwas in der Praxis? Im eigenen Land kann man per Gesetz bestimmte historische Äußerungen unter Strafe stellen, im Ausland sieht das allerdings anders aus.

Ein wunderschönes Beispiel kommt aus Palisades Park, New Jersey. Diese Kleinstadt ist eigentlich relativ unbedeutend. 19000 Einwohner, irgendwo im New Yorker-Speckgürtel gelegen und ansonsten absolut unauffällig. Palisades Park besitzt allerdings einen größeren koreanischen Bevölkerungsanteil. Und wohl darum wurde im Jahr 2010 das erste Denkmal in den Vereinigten Staaten errichtet, welches an die “Comfort Women” erinnert. Im Deutschen gibt es dafür die wirklich schreckliche Übersetzung “Trostfrauen”. Das sind natürlich fürchterliche Euphemismen für “von den Japanern im Zweiten Weltkrieg verschleppte und als Sexsklavinnen missbrauchte Frauen”. Ich kann hier nicht auf die gesamte Kontroverse eingehen, aber gerade diese Frauen und ihr Andenken ist momentan die wohl heißeste geschichtspolitische Streitigkeit zwischen Korea und Japan.

Wir haben also eine Expat-Community von Koreanern, die in dieser Debatte buchstäblich Land besetzen und anfangen, mit einem ersten Denkmal außerhalb Koreas das Thema zu besetzen und an die Frauen zu erinnern. Natürlich ließ die japanische Reaktion in diesem Fall nicht auf sich warten und die ist wirklich interessant, denn sie zeigt, wie die geschichtspolitische Wurst gemacht wird: Mitarbeiter des japanischen Konsulats in New York kontaktierten die Stadt, baten um ein treffen und versuchten die Entfernung des Denkmals zu erreichen:

The first meeting, on May 1, began pleasantly enough, he said. The delegation was led by the consul general, Shigeyuki Hiroki, who talked about his career, including his work in Afghanistan — “niceties,” Mr. Rotundo said.

Then the conversation took a sudden turn, Mr. Rotundo said. The consul general pulled out two documents and read them aloud.

One was a copy of a 1993 statement from Yohei Kono, then the chief cabinet secretary, in which the Japanese government acknowledged the involvement of military authorities in the coercion and suffering of comfort women.

The other was a 2001 letter to surviving comfort women from Junichiro Koizumi, then the prime minister, apologizing for their treatment.

Mr. Hiroki then said the Japanese authorities “wanted our memorial removed,” Mr. Rotundo recalled.

The consul general also said the Japanese government was willing to plant cherry trees in the borough, donate books to the public library “and do some things to show that we’re united in this world and not divided,” Mr. Rotundo said. But the offer was contingent on the memorial’s removal.

Als dieser Versuch scheiterte, wurde der Einsatz erhöht. Gleich vier (!) Abgeordnete des japanischen Parlaments tauchten in der 19000 Einwohner Stadt auf:

The second delegation arrived on May 6 and was led by four members of the Japanese Parliament. Their approach was less diplomatic, Mr. Rotundo said. The politicians, members of the opposition Liberal Democratic Party, tried, in asking that the monument be removed, to convince the Palisades Park authorities that comfort women had never been forcibly conscripted as sex slaves.

“They said the comfort women were a lie, that they were set up by an outside agency, that they were women who were paid to come and take care of the troops,” the mayor related. “I said, ‘We’re not going to take it down, but thanks for coming.’ ”

So funktioniert das also: Eskalation auf erstaunlich hohe Rangordnungen, finanzielle Zuwendungen und natürlich historische Debatten mit Personen, die dafür einfach nicht vorbereitet sind. Der normale Beamte in einer Kleinstadt oder das Mitglied einer städtischen Kommission zum Thema wird es schwer haben, mit japanischen Offiziellen über so ein Thema zu diskutieren, für die eine kleine Bronzeplakette so wichtig ist, dass sie mal eben über den Pazifik jetten.

Trotz dieser Bemühungen scheiterte der Versuch der Japaner, das Denkmal zu entfernen an der Vehemenz der koreanischen Gruppierungen. In anderen Städten, mit anderen Entscheidern hätte es aber durchaus funktionieren können. Die koreanischen Gruppierungen planen jetzt, in weiteren US-Städten Denkmäler zu errichten. Und wir können darauf wetten, dass auch in diesen plötzlich japanische Offizielle auftauchen.

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1 Response to Wie Geschichtspolitik funktioniert.

  1. Erbloggtes sagt:

    Welches ist denn nun die Hauptform des Funktionierens von Geschichtspolitik?
    – Denkmäler Errichten?
    – Delegationen dagegen Entsenden?

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