Der Einfluss des Urheberrechts auf die Weiternutzung von digitalem Content

Die Wikimania 2012 ist vorbei, die Videos der Vorträge sind noch nicht online, aber dafür einige Powerpoints – und da gibt es einige interessante Beiträge. Ins Auge gefallen ist mir der Vortrag “The Effects of Copyright Law on the Reuse of Digital Content” des MIT-Ökonomen Abhishek Nagaraj. Dieser zeigt wunderbar elegant, welche ungeplanten Auswirkungen das Urheberrecht auf die Weiternutzung von Inhalten hat.

Es geht um Baseball, eine der drei großen US-Sportarten. In diesem Sektor gibt es häufig das Problem, dass Artikel zu älteren Sportlern, Spielen oder Veranstaltungen nur schwer zu bebildern sind. Bilder von aktiven Sportlern kann im Prinzip jeder erstellen, der ein Sportevent besucht. Manchmal stellen auch die Sportler oder ihr Management Bilder zur Verfügung. Sind Sportler nicht mehr aktiv oder schon eine Weile tot, ist es allerdings sehr schwer, gemeinfreie Bilder zu finden. Diese sind entweder in den kostenpflichtigen Archiven diverser Nachrichtenagenturen verschlossen oder eben verstreut in Privatbesitz. Entsprechend findet man etwa von Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Berti Vogts oder sonstigen Fußballlegenden keine Bilder aus ihrer aktiven Zeit. Dem Baseball geht es ähnlich.

Die Baseball-Enthusiasten der englischen Wikipedia hatten allerdings Glück: Google stellte im Rahmen seiner Zeitschriftendigitalisierungsoffensive auch alte Ausgaben des ältesten Baseball-Magazines online. Aufgrund einer Klausel im US-Urheberrecht, die es im deutschen leider nicht gibt, waren die Ausgaben aus den Jahren vor 1964 gemeinfrei geworden. Dieser Schatz wurde gehoben und die Bilder aus dem Magazin für die Artikel verwendet. Soweit so gut, dank einer Weiternutzung konnte die Wikipedia so besser bebildert werden. Schön, aber eigentlich unspektakulär.

Nagarajs Studie geht aber noch einen Schritt weiter: Er erstellte zwei Untersuchungsgruppen. Eine beinhaltet Spieler, die ihre ersten Spiele zwischen 1945 und 1964 bestritten und deren Bilder somit gemeinfrei sind. Eine weitere Gruppe versammelt Spieler von 1964 bis 1984, deren Bilder nicht frei verfügbar sind.  Daraufhin verglich er die Spielerartikel: Die durchschnittliche Artikellänge beider Gruppen unterschied sich kaum – immerhin sind Fakten nicht geschützt und solche Beschreibungstexte lassen sich problemlos umschreiben. Der Effekt der Bebilderung – im Schnitt haben Spieler aus der Prä-1964-Gruppe doppelt so viele Bilder – war allerdings, dass die Besucherzahlen deutlich anstiegen. Die Artikel der urheberrechtlich nicht geschützten Gruppe stiegen für die 10 Prozent der populärsten Artikel um 70 Prozent an, aber auch die wenig besuchten Artikel erhielten einen Trafficanstieg von 25 Prozent. Dieser Anstieg sorgte dann auch für einen deutlichen Anstieg der Bearbeitungen:

page25-755px-Wikimania_nagaraj.pdf

Die Erklärung: Google rankt bebilderten und aktuellen Content deutlich besser. Durch den Bilderfund kamen mehr Besucher, diese editierten häufiger, was wieder zu mehr Besuchern führte. Die “älteren” Spieler profitierten so von einem sich stetig verstärkenden Kreislauf. Sein Fazit:

1 Copyright has a large impact on the reuse of digital material
2 This impact is particularly salient for images and not for text
3 In the context of Baseball Digest, this tends to lead to other
negative outcomes for newer players: their pages are edited less
often and the long-tail effect is exaggerated.

Die Ergebnisse dürften auch auf andere Sportarten übertragbar sein. So fehlen der deutschen Wikipedia einige Bilder von Fußballern – Andi Möller muss ebenso wie Rauhbein Walter Frosch ohne Bild auskommen. Ähnliche Effekte dürfte es jenseits des Sportes bei Politikern, Schriftstellern, Wissenschaftlern oder Künstlern geben. Unser Urheberrecht hat also auch Folgen, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Die Baseball Digest-Ausgaben nach 1964 werden übrigens nicht kommerziell verwertet – sie sind ebenfalls bei Google online, aber eben urheberrechtlich geschützt und damit nicht weiternutzbar. Die ursprünglichen Fotografen der Bilder werden von den Lizenzkosten, die Google vielleicht an den Verlag gezahlt hat oder von den wohl doch recht kargen Werbeeinnahmen keinen Cent bekommen.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Der Einfluss des Urheberrechts auf die Weiternutzung von digitalem Content

  1. @MschFr sagt:

    Frisch gebloggt: Der Einfluss des Urheberrechts auf die Weiternutzung von digitalem Content http://t.co/sLhhaBP2 #wikipedia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.