Das andere Web 2.0-Geschäftsmodell

Wir haben uns mittlerweile irgendwie an den Verkauf unserer privaten Daten gewöhnt. Wer sich bei einem Internetdienst anmeldet, muss damit rechnen, dass er umfassend ausspioniert wird und die Daten dann fleißig an Werbetreibende verhökert werden. Einer der schlimmsten Täter ist hier eindeutig Facebook, das nicht nur jeden Klick, jedes Like und jedes Statusupdate auf Ewigkeiten speichert und selbst gelöschte Beiträge fleißig in der Datenbank behält und mit Hilfe des Like-Buttons größere Teile der Webaktivitäten seiner Nutzer beobachten kann. Aber auch Google, Twitter & Co sind nicht sonderlich besser.

Abgesehen davon, dass Facebooks Geschäftsmodell nach deutschem Recht recht illegal ist, haben wir uns daran gewöhnt. Wir rechnen sogar damit – angeblich, um mit Hilfe von Targeted Ads für uns relevante Werbung anzuzeigen, die uns wirklich interessiert. Endlich müssen Männer keine o.b.-Werbung ertragen und Vegetarier keine von Burger King. Die Realität sieht anders aus: Facebook schafft es mit allen seinen gesammelten Daten mir gerade Werbung für ein 400km entferntes Schwimmbad, eine Verlosung für Frauenohrringe und Mittel zur Steigerung der “Manneskraft” anzuzeigen. Da verzichte ich doch gerne.

Es geht aber auch anders: Einige kleine Anbieter versuchen sich erfolgreich an einem anderen Geschäftsmodell. Der von den Delicious-Machern entwickelte Bookmarkingdienst Pinboard verlangt von seinen Nutzern eine einmalige Anmeldegebühr. Für knapp 10 US-Dollar bekommt man dort einen Account und wird in Ruhe gelassen. Es gibt keine Werbung, die Daten werden an keine Dritten weitergegeben und auf wildes Tracking wird verzichtet:

Pinboard runs on dedicated servers that only I have access to.

Wherever possible, the site uses SSL. My goal is to have the site be SSL by default as soon as practicable.

I do not share individual user data with third parties under any circumstances.

The site will never show ads.

With the exception of Google Analytics on certain public pages, and payment buttons on the signup and upgrade pages, Pinboard does not serve third-party content anywhere on the site. Google Analytics scripts are not served to logged-in users.

The site tracks clickthroughs on your bookmarks for the sole purpose of generating a ‚history‘ page for your account. This information is stored in the Pinboard database. You can disable this behavior on your settings page.

If there is a privacy breach, I promise to disclose it as soon as possible on the site blog and Twitter account.

Ähnliches gilt für einige andere Dienste: Der unglaublich praktische Dienst Instapaper zeigt in der kostenlosen Variante Anzeigen an, wer 1 US-Dollar pro Monat zahlt, bekommt zusätzliche Features wie einen API-Zugang und die Möglichkeit, die Werbung zu deaktivieren.

Der Bücher-Katalogisierungsseite LibraryThing verzichtet ebenfalls auf Werbung und setzt darauf, dass Nutzer, die mehr als 200 Bücher katalogisieren wollen, entweder für 10 Dollar ein Jahresabo oder für 25 Dollar einen lebenslangen Account kaufen. Damit verbunden ist das Versprechen, niemals persönliche Daten weiterzugeben.

Erstaunlicherweise funktionieren diese Geschäftsmodelle: Librarything feiert gerade sein siebenjähriges Bestehen, Pinboard ist im dritten Jahr und hatte schon im Oktober 2011 über 25000 Nutzer. Instapaper bringt es auf über 2 Millionen Nutzer und macht operativen Gewinn. Es geht also auch ohne das Ausspionieren der User, in vielen Fällen ist nämlich mehr Zahlungsbereitschaft vorhanden als mancher denkt.

Aber was macht den Erfolg dieser Dienste aus? Zum einen die doch recht geringen Kosten. 10 Dollar für einen Dienst zahlen viele einfach mal so und wer bei Librarything schon 199 Bücher katalogisiert hat, zahlt auch im Zweifelsfall die 25 Dollar für den Lifetime-Account. 1 Dollar Abogebühren im Monat wie bei Instapaper tun vielen auch nicht weh. Wenn dazu die Betreiber noch sympathisch kommunizieren, sitzt das Geld doch recht locker. Übertriebene Preise hingegen schrecken ab – vielleicht würde so manch einer etwa für einen älteren FAZ-Artikel zahlen, aber wenn ein alter Artikel mehr kostet als eine neue Zeitung, dann läuft etwas schief.

Zum anderen zeigt es, dass es ein nachhaltigeres Modell gibt und dass das klassische Startup-Modell mit Venture Capital, vielen Angestellten, massiven Überstunden und dem folgenden Börsengang nicht das einzig durchführbare ist. Man muss es nur probieren.

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1 Antwort zu Das andere Web 2.0-Geschäftsmodell

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