Wikipedia, die Frauen und eine Schlammschlacht

Momentan wird das Thema Gender in der Blogosphäre heiß diskutiert. Zum einen gibt es die Diskussion um das pinke Überraschungsei, welches „nur für Mädchen“ ist und zum anderen tobt in der deutschsprachigen Wikipedia gerade ein hitziger Kampf um das Thema Beteiligung von Frauen. Eigentlich war der Plan der Wikimedia Foundation die Frauenquote unter den AutorInnen deutlich zu erhöhen, dies ist aber kräftig in die Hose gegangen. Soweit, so schlecht. Jetzt ist die ganze Geschichte besonders hochgekocht und brodelt in die Printmedien über. Anlass ist diesmal die Selbstsperrung der Benutzerin Fiona Baine und die folgende Debatte sowie der Gastbeitrag der Femgeeks auf dem Wikimedia-Blog, welcher die Situation von Frauen innerhalb der Wikipedia beleuchtet.

Die Geschichte zeigt eine der generellen Probleme der Wikipedia – die Anfälligkeit gegenüber kleinen, aber gut organisierten Gruppierungen. In vielen Bereichen ist nur eine handvoll Autoren unterwegs und hier können wenige Spinner schnell zu Problemen führen. Die basisdemokratischen Wahlen und Abstimmungen lassen sich schnell aushebeln und andersdenkende Autoren (und Autorinnen) geben irgendwann den Kampf gegen eine Horde wildgewordener Irrer auf.

Schauen wir uns doch einfach mal an, was passiert ist und wer da aktiv ist. Es sind eben nicht die „Wikipedia-Männer“, deren Handeln hier zu Problemen führt, sondern eine Gruppierung, die sich selbst als „Maskulisten“ bezeichnet. Diese Truppe besteht aus Männerrechtlern und Antifeministen, ist extrem lautstark und versucht ihre Sichtweise in die Wikipedia zu tragen. Dabei clashte sie mit Fiona Baine und fuhr daraufhin eine Kampagne, die einfach nur widerlich ist: In externen Forenbeiträgen wurde fleißig über sie gelästert, sie wurde beschimpft und es wurde versucht, ihren Klarnamen zu enthüllen. Dazu kamen feige Angriffe auf ihre Nutzerseite, auf der u.a. Bilder von Ejakulationen gepostet wurden. Ich will gar nicht im Detail wissen, was sie an privater Kommunikation ertragen musste.

Das ist schon verwerflich und schmutzig genug: Ein Blick auf die Kommentare dieser Leute in Blogs, die diese Kontroverse behandeln oder auch nur ein Blick auf deren eigene Seiten zeigt, was sich da für ein Haufen versammelt hat. Bestes Beispiel ist der entsprechende Eintrag im Wikimedia-Blog. Da gruselt es einen schon, wenn man die Kommentare liest. Schlimmer wird es aber auf deren eigenen Seiten. Schauen wir etwa mal ins Forum der Webseite „Wieviel ‚Gleichberechtigung‘ verträgt das Land (WGvdL)“, welches ich hier wie auch alle anderen dieser Seiten absichtlich nicht verlinke. Da wird fleißig gegen Frauen gewettert, diese sogar als „hormonell induzierte Parasiten“ beschimpft. Wikimedia.de-Vorstand Pavel Richter wird als „Blödmann“ tituliert, der einen „Kotau vor dem Feminismus“ macht und zur angeblichen „Kondom-Affäre“ der NRW-Piraten-Landtagsabgeordneten Birgit Rydlewski fällt den Usern nur ein „In ihrem Alter sollte sie um jeden „Arschlochtyp“ der mit ihr kopuliert froh sein“ ein. Die Liste könnte ich jetzt unendlich fortführen, diese Verbalentgleisungen stammen alle aus den letzten zwei Wochen und das Forum besteht schon seit 10 Jahren. Die Pubertät haben diese Leute anscheinend nie erreicht.

Es gibt noch weitere, entsprechende Foren und einen Haufen Blogs, die in eine ähnliche Kerbe schlagen. Mal ist der Ton etwas gemäßigter, mal tropft der Geifer ungehindert auf die Tastatur. Da werden Feministinnen mit Fotos und persönlichen Daten im Stile der rechtsradikalen Anti-Antifa online gestellt, Adressen von Frauenhäusern recherchiert und – naja, eigentlich sollte man nicht zu viel von diesem Müll lesen, sonst verliert man langsam das Vertrauen in die Menschheit. Entlarvend ist auch, wer bei einer hochtrabend „Wikipedia Files“ genannten „Enthüllungsseite“, die z.T. auch als offener Brief an Wikipedia-Gründer Jimmy Wales geschickt wurde, als Unterstützer gegen die „ideologische Unterwanderung“ der Wikipedia aufgezählt wird: Neben der neurechten Preußischen Allgemeinen Zeitung taucht hier auch die rechtspopulistische Bürgervereinigung „Bürger in Wut“ auf sowie Reconquista Europa (der Name sagt alles…) sowie die Hetz- und Schmuddelseite PI-News. Die weitere Liste der Unterstützer führt ebenfalls auf rechte Blogger, wilde Verschwörungstheoretiker und sonstige Wirrköpfe. Da hat sich also ein wirklich schöner Haufen versammelt, der lautstark und fleißig in der Wikipedia editieren will.

Also, was tun? Ich halte es für unmöglich, mit diesen Maskulisten sinnvoll zu diskutieren. Ihr Weltbild ist – ähnlich wie das der „Islamkritiker“ – geschlossen. Sie vernetzen und informieren sich über einen Haufen eigener Seiten und leben so in einer wirren Scheinrealität, ähnlich der von Sekten und Verschwörungstheoretikern. Sie bringen viel, viel Zeit mit. Zeit, die andere Menschen lieber anders verbringen. Daher ist ein Rauswurf aus der Wikipedia und ein konsequentes Contra-Geben wohl die einzige Möglichkeit, diese Wirrköpfe zu vertreiben. Und hier liegt auch gerade das Problem in der aktuellen Affäre: Sie hat es anscheinend nicht getan und stattdessen diesen Leuten eine Plattform gegeben. Gleichzeitig wurde das Thema auf eine falsche Ebene gehoben – indem „den Wikipedia-Männern“ eine generelle Diskriminierung von Frauen vorgeworfen wurde, fühlen sich die 99% normal editierenden Männer natürlich ebenfalls auf den Schlips getreten. Dabei haben sie mit dem unangenehmen Mob nur das Geschlecht gemeinsam.

Erste Ansätze für eine Lösung gibt es zum Glück – Wikimedia-de hat sich klar positioniert, es gibt aufgeregte Diskussionen und auch eine eigene Mailingliste zum Thema. Und natürlich das, was diese Gestalten am wenigsten vertragen – öffentliche Aufmerksamkeit.

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3 Kommentare zu Wikipedia, die Frauen und eine Schlammschlacht

  1. Marcus Cyron sagt:

    Danke für deinen Beitrag! Zum einen fasst er Dinge zusammen, wie es an anderer Stelle leider in der Form versäumt wurde. Ich beispielsweise habe das alles nur in Teilen mitbekommen – aber die Vorwürfe an Männer im Allgemeinen immer komplett mitbekommen. Nach deiner Zusammenfassung kann ich dir eigentlich in allen Punkten nur zustimmen.

  2. RT @MschFr: Gebloggt: Wikipedia, die Frauen und eine Schlammschlacht http://t.co/x2ANRHW5 #wikipedia

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