Die „Causa Stralsund“

Stralsund im Jahr 1652 von Matthäus Merian dem Älteren

Klaus Graf schäumt drüben bei Archivalia schon seit Tagen und das völlig zurecht: Die Stadt Stralsund hat den Großteil ihrer historische Gymnasialbibliothek an einen Antiquar veräußert, welcher die Bestände jetzt fleißig auf diversen Plattformen verkauft. Wenn Bibliotheken auseinander gerissen werden, sind sie praktisch zerstört und für die Nachwelt verloren. Die Bücher landen bei verschiedenen Sammlern und es ist unmöglich, etwa in den Büchern stehende Kommentare etc. zu rekonstruieren. Es ist nicht mehr nachvollziehbar, wer welche Bücher hat. Sammler lagern Bücher nicht immer perfekt. Nach dem Tod eines Sammlers passiert es immer wieder, dass unachtsame Erben wertvolles Kulturgut im Altpapiercontainer entsorgen. Und das größte Problem ist, dass die Bücher nicht mehr zugänglich sind. In private Bibliotheken kommt man nur mit guten Kontakten und der Wissenschaftler ist immer auf den guten Willen des Besitzers angewiesen.

Daher ist es ein Skandal, dass die Stadt Stralsund – immerhin UNESCO-Weltkulturerbestätte – einfach so, ohne vorige Diskussion, ihre historisch wertvolle Bibliothek verkauft hat. Die Stadt ging dabei auch sehr geheimniskrämerisch vor – der Verkauf wurde nur publik, weil in einer kleinen Meldung zur Schließung des Stadtarchives wegen Schimmelbefalls erwähnt wurde, dass Teile der Bibliothek verkauft wurden. Falk Eisermann machte in einem Kommentar auf Archivalia auf diese Tatsache aufmerksam:

Nanu? Ich wundere mich, daß hier bislang niemand zu folgendem Passus aus der Aussage des OB Stellung bezogen hat:

„Grund für die Maßnahme ist ein Gutachten des Leipziger Zentrums für Bucherhaltung (ZfB), das von der Stadt in Auftrag gegeben wurde, nachdem es nach Veräußerung eines Teilbestandes der ehemaligen Gymnasialbibliothek an einen Antiquar Hinweise gegeben hatte, dass der Bücherbestand in schlechtem Zustand sei.“

Da wüßte man aber gerne, welcher Teibestand betroffen ist und aus welchem Grund (und auf welcher rechtlichen Grundlage) der Verkauf erfolgte.

Verkauft wurde nicht nur die Gymnasialbibliothek, sondern auch Teile anderer Sammlungen:

 Neben der Gymnasialbibliothek sind auch eine nicht genannte Zahl von Büchern aus anderen wertvollen Teilbeständen der Archivbibliothek, unter anderem auch der bedeutenden Löwenschen Sammlung, in den Handel gegeben worden, wie Online-Angebote (Abebooks, ZVAB, Ebay) vor allem von Antiquariaten aus dem Raum Augsburg (Peter Hassold, Augusta-Antiquariat, Ebay-Verkäufer Robert Hassold) beweisen. Es sind darunter auch zahlreiche Pomeranica vertreten, auch äußerst seltene oder derzeit nicht außerhalb von Stralsund nachgewiesene Stücke.

Seitdem mauert die Stadt und äußert sich nur sehr zurückhaltend und verweist bei Nachfragen auf „schutzwürdige Interessen„. Auf Anfrage von Klaus Graf hieß es nur knapp angebunden:

Bestätigen können wir Ihnen deshalb, dass ein Antiquar die bisher im Stadtarchiv Stralsund befindliche Gymnasialbibliothek angekauft hat. Darüber hinaus können wir jedoch keine weiteren Informationen geben, da es sich hierbei um schutzwürdige Interessen handelt. Deshalb wurde dem Verkauf durch ein Gremium der Bürgerschaft im nichtöffentlichen Teil der entsprechenden Sitzung zugestimmt.

Kein Wunder, denn es ist fraglich, ob der Verkauf legal war. Ausgehend von der schnell wachsenden Empörung in Fachkreisen und der ausführlichen Berichterstattung in Archivalia zieht das Thema jetzt größere Kreise. In der Blogosphäre regt man sich fleißig auf, die ersten großen Zeitungen haben Artikel gebracht, der NDR berichtete und ja, die Stadt Stralsund schweigt. Eine wirklich gute Erklärung für den Verkauf außer „Wir brauchten Geld“ wird sie auch nicht vorbringen können – eine derartige Zerschlagung von Kulturgut kennt man sonst nur aus Kriegszeiten.

Wer den Protest unterstützen will, darf diese Petition unterschreiben, sich der Facebook-Seite zur Rettung der Bibliothek anschließen und die weitere Berichterstattung verfolgen.   Und man darf sich ob dieses Vorganges auch völlig zurecht richtig aufregen.

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4 Kommentare zu Die „Causa Stralsund“

  1. RT @siwiarchiv: RT @mschfr: Gebloggt: Die Causa Stralsund oder wie eine Stadt ihr historisches Erbe verkauft http://t.co/IpmAKS01

  2. RT @MschFr: Gebloggt: Die Causa Stralsund oder wie eine Stadt ihr historisches Erbe verkauft http://t.co/mtF9mvK1

  3. Jim sagt:

    Das ist wirklich heftig, ich würde es völlig unabhängig von der juristischen Betrachtungsweise als Verbrechen bezeichnen. Gerade eine so geschichtsträchtige Stadt wie Stralsund! Dass sich die Verantwortlichen da nicht in Grund und Boden schämen. Ich persönlich halte ja nicht viel von Stolz und Patriotismus, aber ein Verständnis für den Ort, wo man wohnt und auch noch was zu sagen hat, sollte gegeben sein. Ach ich sag wie es ist, nämlich scheiße.
    Danke für den Hinweis übrigens. Ich hoffe, dass das nicht Mode wird in Deutschland. Es ist durch die Jahrhunderte und durch den Zweiten Weltkrieg ohnehin immens viel verloren gegangen, da muss das nicht sein.

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