Die Debatte um „Mein Kampf“ geht weiter

Irgendwann, damals, als ich noch in der Oberstufe war und George W. Bush gerade Präsident geworden war oder gerade noch nicht, traf mich das Schicksal in Form einer Facharbeit im Geschichte-Leistungskurs. Ich schrieb irgendetwas unsubstantielles über Adolf Hitler, der Text könnte noch auf irgendeiner alten 3,5″-Diskette liegen. Irgendwann kam die Idee auf, doch mal in Hitlers Machwerk „Mein Kampf“ nachzuschauen, was er zum schlecht ausgesuchten Thema schrieb. Die örtliche Kleinstadtbücherei hatte das Buch natürlich nicht, aber es war eine Kleinigkeit, das Buch per Suchmaschine zu finden. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich damals schon Google benutzt habe. Es könnten auch Yahoo, Altavista, Hotbot und wie sie alle hießen gewesen sein.

Heute ist es noch einfacher an den Text zu kommen. Eine simple Suche nach dem Titel führt zuerst zur Wikipedia, dann darf sich gerade der Spiegel über etwas Traffic freuen und dann taucht schon als drittes Suchergebnis der Volltext des Buches auf, gehostet beim amerikanischen Internetarchiv archive.org. Als verwandte Suchanfragen werden u.a. „mein kampf pdf“, „mein kampf ebook“, „mein kampf original kaufen“ und „mein kampf ebay“ vorgeschlagen. Selbst der tumbeste Dorfnazi dürfte folglich keinerlei Probleme haben, an den Text zu kommen. Dieser Zustand herrscht jetzt seit über einer Dekade, aber auch vorher brauchten interessierte Menschen meistens nur im Bücherschrank der Großeltern (oder in der gut versteckten Kiste in deren Keller) suchen.

Trotzdem führt die Politik gerade eine absurde Diskussion, ob der Text freigegeben werden kann und soll. Die Urheberrechte an Hitlers Schriften laufen am 1. Januar 2016 aus und dann endet auch diese merkwürdige Interpretation des Urheberrechtes durch die bayrische Staatskanzlei. Bekannterweise ist das Buch in Deutschland nicht verboten, man darf es besitzen und auch verkaufen. Am Ende des Krieges landeten die Urheberrechte beim Freistaat Bayern, der weitere Auflagen einfach nicht lizenzierte. Diese Situation endet 2016 und wird zwangsläufig dazu führen, dass das Buch wieder erhältlich wird. Und wir können jetzt schon vorhersehen, was am 2. Januar 2016 passiert: Das Buch wird in einer Neuauflage in den Buchhandlungen liegen, die elektronischen Buchstores von Apple, Amazon, Google und wer dann auch immer relevant sein wird, erleben eine Überflutung mit eBooks des Werkes.

Um zu verhindern, dass diese Werke kommentarlos in den Regalen liegen, wurde bereits vor einiger Zeit nach langen Querelen das Projekt einer historisch-kritischen Edition unter Federführung des Instituts für Zeitgeschichte in München in Angriff genommen. Doch auch dieses viel zu spät begonnene Projekt scheint jetzt in Gefahr zu geraten – sowohl die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Charlotte Knobloch als auch der bayrische Kultusminister Ludwig Spaenle fordern, dass auch eine historisch-kritische Edition strafrechtliche Konsequenzen wegen der enthaltenen Volksverhetzung haben müsse. Nachdem bereits die Nutzung des Urheberrechtes zur Verhinderung einer Publikation zumindest problematisch war, sind auch solche juristischen Tricks nicht angebracht. Ja, das Buch ist unangenehm. Es steckt voller Hetze und Unwahrheiten. Aber gleichzeitig schlägt ihm auch ein großes öffentliches Interesse entgegen: Menschen wollen wissen, was Adolf Hitler gedacht hat, hören, dass das Buch als Blaupause des späteren Regimes angesehen wird und wollen dann selbst nachschauen. Der Ruch des Verbotenen reizt natürlich erst recht.

Diese momentane Debatte ist daher mehr als absurd und blendet den wichtigsten Fakt aus: Wer an dem Buch interessiert ist, kann es seit Jahren bereits bekommen. Ein Urteil des Bundesgerichtshofes aus dem Jahr 1979 erlaubt den Besitz und den antiquarischen Handel, es liegt in tausenden Wohnungen herum, viele Unibibliotheken bieten es neben einem Haufen anderer Naziliteratur ohne sonderliche Nutzungsbeschränkungen an und wer will, kann es innerhalb von 0,3 Sekunden im Internet finden. Auch im Ausland ist es erhältlich. Jeder interessierte Neonazi kann es sich problemlos besorgen und hat es wohl schon seit langem im Schrank stehen.

Problematisch ist diese Blockadehaltung, weil das Werk einer Einordnung bedarf. Hitler nimmt es bei der Schilderung seines eigenen, bis dato dann doch eher jämmerlichen Lebensweges vom Wiener Obdachlosen zum inhaftierten Putschisten nicht so genau. Auch seine völkischen Denkmuster bedürfen einer Erklärung und Einordnung. Und genau das ist es, was eine vernünftige Ausgabe schaffen kann. Gefährlich ist so ein Werk nicht – wer sich einmal in Nazischriften vertieft hat, der merkt schnell, wie fremd diese Denkweisen uns dann doch sind. Die Sprache ist hölzern und steif und mit den Forderungen bekommt man auch keine Miliz mehr auf die Straße. Wer denkt ernsthaft, dass jemand nach der Lektüre des schwülstigen Mein Kampfes auf die Idee kommt, dass ein Anschluss Österreichs an Deutschland eine tolle Sache wäre? Das Buch ist fast 80 Jahre alt und folglich hat sich auch der Inhalt gnadenlos überlebt. Wer wirklich sorgen um nationalsozialistische Einstellungen in der Bevölkerung hat, der muss woanders ansetzen. Nicht Mein Kampf ist das Problem, sondern die Sarrazins, die Buschkowskys, die Stammtischbrüder und diese merkwürdige Sehschwäche auf dem rechten Auge. Gerade in Bayern.

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