Das Ärgernis Mikrofilm

Den wohl interessantesten Blogartikel der letzten Woche hat Marc Mudrak mit seiner umfassenden Attacke auf Archivare und ihre seltsame Liebe zu den Mikrofilmen geschrieben. Ausgehend von seinen Erfahrungen bei der Archivarbeit kritisiert er die Mikrofilme und fordert, dass sie endlich aus den Archiven verschwinden. Die Gründe sind  folgende:

  1. Quellenbestände auf Mikrofilmen sind unübersichtlich und oft schlampig gespeichert.
  2. Mikroformate sind oft unleserlich und lassen zentrale Quellenbestandteile verschwinden.
  3. Die Arbeit an Mikroformat-Lesegeräten ist gesundheitsschädlich.
  4. Mikrofilme sind schwierig und teuer zu reproduzieren.
  5. Die Lesegeräte sind störanfällig, die Technik ist oft veraltet.
  6. Mikrofilme entfremden von den Quellen.

Die ausführlichen Begründungen zu diesen Thesen gibt es drüben und auch der Blick in die Kommentare lohnt sich, weil dort Archivare und Nutzer über das Thema diskutieren. Ich persönlich arbeite auch ungerne mit Mikrofilmen. Die meisten Geräte in Archiven und Bibliotheken sind schon deutlich in die Jahre gekommen und entsprechend störanfällig und die Qualität der Mikrofilme häufig extrem miserabel. Wenn man mal wieder irgendwelche kleinen Zeitungsnotizen in Fraktur entziffern muss, die schlicht und einfach nicht zu lesen sind oder wenn der per Fernleihe bestellte Mikrofilm einfach unscharf ist, dann ist der Frust groß. Dazu kommt, dass man selten so viele technisch überforderte Menschen trifft wie an den Lesegeräten in einer herkömmlichen Universitätsbibliothek – Mikrofilme gehören nicht mehr zu den Dingen, mit denen Studierende umgehen lernen.

Besonders gut gefällt mir Andreas Praefckes Vorschlag einer massenhaften Digitalisierung der Mikrofilmbestände inkl. Crowdsourcing:

Wenigstens die Mikrofilme einmalig massenhaft zu digitalisieren und ins Netz zu stellen, dürfte doch keine unüberwindliche Hürde sein. Kürzlich hat jemand die Kosten für die geplante DDB sehr schön mit “100 Meter Autobahn” verglichen, die Nachdigitalisierung der Mikrofilme wäre dagegen wahrscheinlich mit einem Katzensprung Autobahn zu bewerkstelligen. Und dann Schritt für Schritt mit “richtigen”, schönen Digitalisaten ersetzen. Wenigstens die nervigen Geräte und die Beschränkung auf den Lesesaal fielen dann bei Quellen ohne sonstige Zugangsbeschränkungen (Urheberrechte, Sperrfristen) weg.

Was man mit Online-Angeboten allerdings auch bewirken könnte, wäre eine viel bessere Erschließung als das mit den normalen Findbüchern der Fall ist.

Beispiel: jeder Nutzer könnte seine Notizen, Stichworte, Tags, Hinweise, Transkriptionen hinterlegen (und seien es nur ein paar Wörter wie Überschriften), und damit würden manche Dokumente auch mit der Zeit per Volltextsuche auffindbar. Die dabei natürlich möglichen Fehler scheinen gegen die nützlichen Aspekte zwergenhaft. Dass der gemeinnützige gute Wille des Benutzers als unbezahlter Hilfskraft durchaus vorhanden ist, zeigen Projekte wie die Wikipedia oder Wikisource.

Als Beispiel für die Nützlichkeit sei der Hinweis erlaubt auf:

1) WLB-Digitalisat einer Handschrift ”Architectura Capucinorum”

http://digital.wlb-stuttgart.de/purl/bsz337692173

2) Spiegelung desselben auf den Commons mit kurzer Inhaltsangabe

http://commons.wikimedia.org/wiki/Architectura_Capucinorum_Cod._Don._879

Was ist nützlicher?

Da kann man eigentlich nur zustimmen – Mikrofilme bieten sich durchaus für eine massenhafte und recht kostengünstige Digitalisierung an. Trotz aller oben geäußerten  Kritik an Mikrofilmen und -fiches, sie enthalten immer noch enorme, nicht online verfügbare Kulturschätze, die mit relativ wenig Aufwand digitalisieren ließen.

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5 Kommentare zu Das Ärgernis Mikrofilm

  1. @HansHuett sagt:

    Vorerst nur eine (gute!) Idee. Wer macht sie sich zu eigen? Und beschafft die Mittel? http://t.co/fsBrEueN

  2. @carta_ sagt:

    Das Ärgernis Mikrofilm | http://t.co/VYUhbT7r „massenhafte #Digitalisierung der #Mikrofilmbestände inkl. #Crowdsourcing“

  3. [DE] Das Ärgernis Mikrofilm | #Archiv #Digitalisierung #Mikrofilm #Crowdsourcing http://t.co/5NAGDCdW

  4. RT @MschFr: Gebloggt: Das Ärgernis Mikrofilm http://t.co/kC7xtu8f

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