Neues aus Stralsund

Die Geschichte um das Stralsunder Archiv und den Verkauf der dort gelagerten Gymnasialbibliothek wird immer unglaublicher: An der Oberfläche scheint alles geklärt – der Kauf wurde rückabgewickelt, die Bücher kehren nach Stralsund zurück und die verantwortliche Archivarin wurde vorerst suspendiert. Ein großer Sieg für das Kulturgut. Oder?

Zum einen betrifft die Rückabwicklung nur die bislang nicht verkauften Bücher – und bislang wurde so einiges verkauft. Die Gewinne dabei dürften für den verantwortlichen Antiquar durchaus noch lohnenswert gewesen sein – immerhin wurde ein Buch für über 40.000€ verkauft während er für die gesamte Bibliothek nur 95.000€ bezahlte. So sehr lassen sich Städte meistens nur im Rahmen von Public-Private-Partnerships und Crossborder-Leasing über den Tisch ziehen. Die verkauften Bücher dürften jetzt erstmal verloren sein – es ist extrem fraglich, ob und wie die Stadt Stralsund diese von den Käufern zurückfordern kann. Damit bleibt eine enorme Lücke in der Bibliothek. Der Focus berichtet davon, dass 5278 der über 6000 verkauften Bücher jetzt wieder zurück nach Stralsund gebracht wurden.

Noch interessanter sind hingegen die weiteren Vorwürfe an die Archivleitung: Die Facebook-Seite „Rettet die Stralsunder Archivbibliothek“ berichtet aus einem Bericht der Ostsee-Zeitung, der besagt, dass bereits im März 2012 über 1000 Bücher für 20.000€ ohne Zustimmung der Stadtspitze und Bürgerschaft verkauft wurden. Es stellt sich also die Frage, wie lange diese Geschäftsbeziehung schon besteht. Ebenfalls sollen einige Bücher unter der Hand verkauft worden sein. Klaus Graf hingegen ist gerade dabei nachzuweisen, dass auch Bücher aus anderen Sammlungen wie der Löwen’schen Sammlung verkauft wurden und auch weiterhin vom entsprechenden Antiquar angeboten werden. Immerhin hat die Stadt Stralsund jetzt Anzeige gegen die suspendierte Leiterin des Stadtarchives erstattet.

Die Lage ist auch deswegen so unübersichtlich, weil die Bibliothek (und anscheinend auch andere Stralsunder Sammlungen) nur unzureichend dokumentiert sind, schlecht gelagert werden und es anscheinend auch keine ernsthafte Kontrolle gibt. Es wurde noch nicht einmal genau dokumentiert, welche Bücher genau verkauft wurden. Wenn man bedenkt, dass es sich hier nicht um eine alte, zerfledderte Sammlung von Lustigen Taschenbüchern handelt, sondern um eine Bibliothek, aus der ein einziges Buch für über 40.000€ verkauft wurde, ist dies ein unglaublicher Vorgang. Man darf gespannt sein, was noch ans Licht kommt, ob es sich um einen unsensiblen Umgang mit dem Archivgut seitens eines chronisch unterfinanzierten Archives handelt oder ob dort korrupt-kriminelle Strukturen aufgedeckt werden.

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