Bezahltes Editieren in der Wikipedia?

Vor ein paar Tagen schrieb ich zur hohen Kunst der Wikipedia-Manipulation. Und ich schrieb, dass bezahltes Editieren in der Wikipedia generell untersagt sei. Diverse Menschen machten mich darauf aufmerksam, dass dem nicht so ist. Das Thema der bezahlten Autoren steht mal wieder auf der Agenda, nicht nur nach diversen Skandalen vor einer Weile. Wie sieht es denn jetzt aus mit der Wikipedia und Leuten, die für ihre Artikelarbeit Geld verlangen?

Daher mal ein paar Gedanken: Zum einen kann ich es gut verstehen, wenn Personen, Firmen, Tourismusregionen und so weiter in der Wikipedia korrekt und auch positiv dargestellt werden wollen. Gerade da die Wikipedia weit oben in den Suchergebnissen auftaucht, kann es etwa für eine Firma recht negativ sein, wenn im Wikipedia-Artikel steht, dass sie Giftgas an das syrische Regime liefert und diese bunten Kärtchen druckt, welche zwielichtige Autohändler immer in die Fensterdichtungen stecken. Liefert die Firma wirklich kein Giftgas, ist es völlig legitim, dass sie die Information entfernen will und dafür auch jemanden engagiert. Druckt sie hingegen Autohändlerkärtchen, ist eine Entfernung dieser Tätigkeit eine unzulässige Manipulation. Die herkömmliche PR-Abteilung versteht normalerweise den Unterschied nicht.

Gleichzeitig gibt es ein enormes Ungleichgewicht: Zum einen interessieren sich wohl nur wenige Menschen für den Artikel über die Schmalenstroer Giftgas & Autohändlerkärtchen GmbH. Meine PR-Abteilung hat aber mehr Zeit und kann im Zweifelsfall auch von morgens um Acht bis zum Feierabend den Artikel bewachen. Der Artikel kann rein äußerlich erstaunlich profitieren – so kann ein bezahlter Autor professionelle Fotos vom Firmengelände und den Vorstandsmitgliedern machen, die häufig vernachlässigte Firmengeschichte darstellen (“Der Durchbruch auf dem Weltmarkt gelang während des ersten Golfkrieges als Schmalenstroer Autohändlerkärtchen an Saddam Hussein lieferte”), die Firmendaten bleiben immer aktuell und auch neue Entwicklungen (“giftige Autohändlerkärtchen”) werden zuverlässig hinzugefügt. Eigentlich eine extrem positive Sache, könnte man meinen.

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Der Teufelskreis (CC-BY-SA 3.0 Minderbinder)

Für mich hingegen liegt der Wert der Wikipedia gerade in den ausführlichen Kritikspalten: Ich will da an diesem Ort alles miese, verwerfliche und schändliche über eine Person oder eine Firma lesen. Auf den offiziellen Seiten finde ich das nicht. In den Medien ist das gut versteckt. Und Kritiker tauchen häufig nur sehr, sehr weit hinten bei Google auf. PR-Editing bringt das durcheinander. Gerade weil jeder PR-Mensch seinen Auftraggeber gut darstellen muss, kann er keine neutralen Artikel schreiben. Tut er dies, wird der Auftraggeber nicht begeistert sein. Ich würde auch jeden meiner Paid-Editoren feuern, der in den Wikipedia-Artikel schreibt, dass die Terroristen in Mali ihre Toyota-Pickups natürlich nur über Autohändlerkärtchen der Schmalenstroer Giftgas & Autohändlerkärtchen GmbH erwerben. Selbst, wenn es stimmt.

Paid-Editing ist also immer ein nur schwer aufzulösender Interessenkonflikt und es gibt nur sehr wenige Bereiche, in denen diese Interessenkonflikte nicht auftauchen. Eine Firma, Stiftung oder ähnliches könnte etwa einen Autoren engagieren, der die Artikel zu den Schwanzlurchen überarbeitet und die fehlenden zum Krallenfingermolch, dem Vulkan-Querzahnmolch und dem Schlammsalamander schreibt. Dabei ist allerdings eine inhaltliche Unabhängigkeit vom Sponsor nötig – wenn der Geknöpfte Birma-Krokodilmolch aufgrund von weggeworfenen, giftigen Autohändlerkärtchen vom Aussterben bedroht ist, gehört das in den Artikel.

Das WikiProjekt Nachwachsende Rohstoffe hat das erfolgreich durchgeführt. Im Prinzip würde es auch den üblichen Wissenschaftsorganisationen nicht schlecht stehen, wenn sie statt dem siebenundzwanzigsten Projekt zur mittelalterlichen Keramikkultur des südöstlichen Molvaniens einfach mal ein paar Experten bezahlen, die ihr Themengebiet auf Fehler überprüfen und überarbeiten. Auch die Wikipedians in Residence sind im Prinzip bezahltes Editieren – gegen eine Kontaktperson im British Museum kann man nichts sagen, beim Mercedes Benz-Museum sieht das schon anders aus.

Das große Problem beim Paid Editing in der Wikipedia wird allerdings bleiben, dass dieser altruistische Ansatz eben wenig verbreitet ist. Es dominieren die PR-Abteilungen, Personen, welche das Aufhübschen von Artikeln anbieten, SEO-Spammern und eben Selbstdarsteller. Das Problem ist, dass man so etwas auch kaum verhindern kann. Die Wahlkampfmitarbeiter von Christian Lindner werden auch zur nächsten Wahl seinen Artikel aufhübschen und natürlich wird das Tourismusbüro in Freckenhorst vertuschen wollen, dass dort noch im Jahr 1972 Hexen verbrannt wurden. Diese Leute sind schon lange da und diese Leute werden sich auch nicht vertreiben lassen. Sie werden auch erst gehen, wenn die Wikipedia entweder nicht mehr frei editierbar ist oder wenn sie nicht mehr relevant geworden ist.

Daher hilft meiner Meinung nach nur eines: Bezahltes Editieren braucht ganz klare Richtlinien, von denen eine der zentralen ganz klar die Transparenz ist. Wer nicht offen legt, dass er für Bezahlung arbeitet, der muss gnadenlos gesperrt werden. Wenn nicht frühzeitig gegen PR-Spam vorgegangen wird, greift der oben abgebildete Teufelskreis.

Es gibt aber auch andere Meinungen, einige Wikipedianer sehen kein Problem beim bezahlten Editieren. Dirk Franke plant im Rahmen des Community-Projektbudgets ein Projekt zum Thema, wer weiter diskutieren will, darf dies hier tun.

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10 Kommentare zu Bezahltes Editieren in der Wikipedia?

  1. Pingback: dirk franke (@southgeist)

  2. Marcus Cyron sagt:

    „Auch die Wikipedians in Residence sind im Prinzip bezahltes Editieren“ – sorry, aber vor allem im deutschsprachigen Raum ist das einfach unwahr. Keiner der bislang vier Residents hat in dieser Funktion Artikel geschrieben. Andernorts mag das so gewesen sein – und theoretisch wäre das auch hier ein Modell – doch es trifft einfach bisher nicht zu. Ich verstehe ehrlich gesagt auch nicht, warum das British Museum OK sein soll, das Mercedes-Benz-Museum aber nicht. Auch das British Museum verfolgt nicht nur „here“ Ziele, auch für sie ist das PR-Arbeit. Alle Organisationen haben – berechtigt! – ihre eigenen Gründe, so etwas mitzumachen. Auch wenn Organisationen in Deutschland das leider fast noch nicht für sich entdeckt haben.

    • admin sagt:

      Das ist ein schwieriges Feld – bei den angesprochenen Automuseen besteht meiner Meinung nach das Problem, dass so eben Werbung für den Autokonzern in die Wikipedia fließt. Schauen wir uns mal die Aufgaben eines WIR an:

        Serves as a liaison between the organization and the Wikimedia community to promote a mutually beneficial cooperation.
        Promotes understanding of Wikimedia among staff at the organization through workshops and events.
        Works with organizational staff to digitize, compile, and organize resources that can be shared with the Wikipedia community.
        Facilitates the improvement of content by the Wikipedia community, rather than directly editing articles as a core goal.
        Coordinates events, such as Hack-a-Thons, Edit-a-Thons, or Backstage Passes, that bring Wikipedians on-site to work with staff on content creation and improvement.
        Avoids Conflict of Interest by not editing articles directly relating to the organization.
        Formally coordinated by the institution, allowing the resident to work closely with staff for various projects.
        Ultimately, a residency lays the foundation for a more lasting partnership between the Wikipedia community and an organization.

      Kurz: Er bringt dem Museumspersonal das Editieren bei, sorgt mit Aktionen für entsprechende Edits und besorgt Dateien, Fotos, Scans und so weiter. Führen wir mal das Beispiel des Mercedes-Museums fort: Das sorgt dann dafür, dass die Artikel über Mercedes im Idealfall alle deutlich verbessert werden, dass jeder Artikel über deren Autos ein Foto besitzt und dass wir auch historische Bilder bekommen. Soweit, so gut. Problematisch wird es dann allerdings, wenn das in Artikel über andere Autos oder Automarken übergreift. So wäre etwa denkbar, dass das erste Bild im Artikel „Auto“ dann plötzlich ein Mercedes ist. Oder dass diverse Motorsportevents dann die Mercedes-Wagen zeigen und so weiter.

      Beim British Museum stellt sich dieses Problem weniger, da es dort ja nicht um eine einzige Marke geht.

  3. Pingback: Nico (@nkaleidoskop)

  4. Pingback: M. Schmalenstroer (@MschFr)

  5. Erbloggtes sagt:

    Oh, Hexenverbrennungen in Freckenhorst? Das sollte gleich mal jemand in den Abschnitt „Regelmäßige Veranstaltungen“ eintragen.

    Der „Teufelskreis“ hat einen Ausgangspunkt, und der ist das sich verschlechternde Verhältnis zwischen PR-Leuten und unabhängigen Amateuren in der Wikipedia. Das wird das größte Wikipedia-Problem des nächstens Jahrzehnts sein.

    Nicht zu vergessen ist das Problemfeld des „schwarzen“ bezahlten Editierens, also der Verbreitung von negativen Behauptungen (wahr oder unwahr) über die Konkurrenz.

  6. Arcy sagt:

    Die Grafik krankt an zwei Annahmen

    1. Bezahlte Autoren stellen nicht neutrale Inhalte ein
    2. Unbezahlte Autoren stellen neutrale Inhalte ein.

    In den mir bekannten Artikeln sind es im wesentlichen nie die als „befangen“ vermuteten Autoren, die einen Artikel in eine nicht neutrale Richtung entwickelten, sondern, im Gegenteil, zumeist bekannte Power-Autoren. Die erstere Gruppe wies oftmals ein höheres Know-How hinsichtlich des Artikelgegenstands auf und konnte besser Quellen basiert arbeiten.

    Den größten Stressfaktor in Artikeln stellen Power-Autoren vom Typus „Missionar“ dar. Religiöse Hintergründe finden sich in der Regel nie. Zumeist werden von diesem User politische Themen, seltener eigene Steckenpferde in seinem Sinne geritten und gerade gerückt. Unter „gerade gerückt“ ist die Nicht-Verwendung von Quellen, die Verwendung von schlechten Quellen, die selektive Auswahl von Quelleninhalten sowie das Arbeiten mit Beleidigungen und das Arbeiten mit Ausschlussversuchen anderer Autoren (in der Regel mit gegenteiliger Meinung) zu verstehen.

    Persönliche Transparenz ist bei diesen Autoren nahezu nie zu finden. Weder arbeiten diese offen mit einer nach verfolgbaren IP noch deuten der Benutzername oder sonstige Äußerungen auf organisatorische Zusammenhänge hin.

    In diesem Zusammenhang mit den Bearbeitungen aus dem Lindner Umfeld von einer „hohe Kunst der Wikipedia-Manipulation“ zu sprechen verkennt die Wikipedia-Gegebenheiten. Rückverfolgbare IPs oder sonstige zuordenbare Informationen sind im Gegenteil das krasse Gegenteil einer „hohe Kunst der Wikipedia-Manipulation“. Sie sind im Gegenteil sogar als ein transparenter Umgang mit den eigenen Bearbeitungen zu werten.

    Das Nicht-Verdecken von Identitäten als „absolute Anfängerfehler“ zu bezeichnen (wie in einem der verlinkten weiteren Blog-Artikel) mutet an wie eine kenntnisreiche Handlungsanleitung zum Bankeinbruch. Wenn schon ein Artikel „geknackt“ werden soll, dann doch bitte vorher die „(Socken) Strumpfmaske“ aufzusetzen und angemeldet arbeiten .

    Einem transparenten offenen Umgang mit Bearbeitungen redet der Blog-Artikel meiner Meinung nach nicht das Wort.

  7. RT @MschFr: Für die Nachmittags-Twitterer: Bezahltes Editieren in der Wikipedia? http://t.co/v6HBnC5Y

  8. Wer nicht offen legt, dass er für Bezahlung arbeitet, der muss gnadenlos gesperrt werden. #Wikipedia http://t.co/Sasln5PW

  9. Pingback: Relevanzkriterienirrrelevanzqualitätsprioritäten | Sensiblochamaeleon's Blog

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