Bleierne Zeiten

Im amerikanischen Internet wird momentan ein Artikel von MotherJones heftig diskutiert, der einen Zusammenhang zwischen der Kriminalitätsrate und der Bleibelastung in der Kindheit herstellt. Wir wissen, dass Blei sehr ungesund ist und dass chronische Bleibelastung die Gehirnentwicklung von Kindern beeinträchtigt. Wer in seiner Kindheit einer hohen Bleibelastung ausgesetzt war, besitzt statistisch einen niedrigeren IQ, ist impulsiver, weniger konzentrationsfähig und entspricht damit eher dem Profil eines Gewalttäters:

One set of scans found that lead exposure is linked to production of the brain’s white matter—primarily a substance called myelin, which forms an insulating sheath around the connections between neurons. Lead exposure degrades both the formation and structure of myelin, and when this happens, says Kim Dietrich, one of the leaders of the imaging studies, „neurons are not communicating effectively.“ Put simply, the network connections within the brain become both slower and less coordinated.

A second study found that high exposure to lead during childhood was linked to a permanent loss of gray matter in the prefrontal cortex—a part of the brain associated with aggression control as well as what psychologists call „executive functions“: emotional regulation, impulse control, attention, verbal reasoning, and mental flexibility. One way to understand this, says Kim Cecil, another member of the Cincinnati team, is that lead affects precisely the areas of the brain „that make us most human.“

Wir wissen auch, dass gerade durch das verbleite Benzin massig Blei in die Umwelt gelangte. Vergleicht man jetzt die Kriminalitätsentwicklung in den USA mit dem Bleigehalt der Atmosphäre dort, erhält man einen erstaunlich übereinstimmenden Kurvenverlauf:

Eine Korrelation bedeutet natürlich keine Kausalität, aber auch die anderen Daten weisen auf einen klaren Zusammenhang hin – so sank etwa die Kriminalitätsrate in US-Bundesstaaten, welche verbleibtes Benzin schneller verboten haben, eher als in Staaten, in denen verbleites Benzin noch längere Zeit in Gebrauch war. An dieser Stelle gehe ich jetzt nicht auf weitere Hinweise ein, sie finden sich in dem angesprochenen Artikel. Wichtig ist natürlich, dass hier nur ein Zusammenhang, aber eben keine Zwangsläufigkeit beschrieben wird – da ja durch das vebleite Benzin nunmal die gesamte Bevölkerung betroffen war, sind natürlich nicht alle dumm und kriminell geworden. Die Bleibelastung in unterschiedlichen Gebieten ist allerdings unterschiedlich hoch – wer etwa in einer Großstadt neben einer vielbefahrenen Straße wohnte, bekam mehr Blei ab als jemand, der auf dem platten Land lebte. Andere Faktoren sind etwa Wasserleitungen aus Blei, bleihaltige Wandfarben, Abgase von Fabriken, Belastungen der Nahrung und so weiter. Dabei scheint in den USA der soziale Status auch mit der Bleibelastung zusammenzuhängen – in den reichen Suburbs fuhren weniger Autos als in den Innenstädten, die Rohre waren nicht aus Blei und reiche Menschen wohnen selten im Fabriksmog.

Needless to say, not every child exposed to lead is destined for a life of crime. Everyone over the age of 40 was probably exposed to too much lead during childhood, and most of us suffered nothing more than a few points of IQ loss. But there were plenty of kids already on the margin, and millions of those kids were pushed over the edge from being merely slow or disruptive to becoming part of a nationwide epidemic of violent crime.

Das lässt einen natürlich nachdenken – zum einen stellt man sich jetzt die persönliche Frage, wie viel Blei man so in der Kindheit abbekommen hat. Der Altbaubewohner darf auch mal fleißig beim Vermieter anfragen, aus welchem Material die Rohre sind. Wer Kinder hat, sollte vielleicht noch genauer nachschauen.

Der Historiker gerät aber weiter ins Grübeln: So ist die Verseuchung der Umwelt mit verbleitem Benzin zwar die quantitativ wohl größte Freisetzung von Blei innerhalb kürzester Zeit, aber gleichzeitig war Blei lange Zeit schlicht und einfach überall: Ess- und Kochgeschirr wurde daraus gemacht, es diente in der Medizin zur Heilung, wurde im Bergbau freigesetzt, Dächer wurden mit Blei gedeckt und so weiter. Und da Blei entsprechend schädigt, wird es auch früher einen Effekt gehabt haben.

Diskutiert wird das Thema vor allem im Zusammenhang mit den antiken Römern. Die verlegten in ihren Städten fleißig Wasserleitungen aus Blei. Sie kochten und aßen aus Bleigefäßen, süßten ihren Wein mit Bleizucker und sonstige Nahrung enthielt größere Mengen Blei. Entsprechend diskutieren diverse Historiker die Frage, ob dieser Bleikonsum irgendwas mit dem Niedergang des römischen Reiches zu tun habe.

Auch die Menschen anderer Epochen haben einen enormen Bleikonsum. Und auch die Menschen anderer Epochen haben eine Gewalttätigkeit, die uns heutzutage immer wieder erschreckt. Paradoxerweise scheint die Bleibelastung früher in den höheren Schichten der Gesellschaft höher gewesen zu sein – sie konnten sich die Bleigefäße leisten und den Wein, der das Blei aufnahm. Sie verwendeten bleihaltige Kosmetika, sie besaßen überhaupt Wasserleitungen. Sie besaßen Ärzte, die Blei anwendeten und so weiter. [Ausnahmen sind natürlich Professionen wie Buchdrucker, die naturgemäß viel mit Blei zu tun haben] Sucht man etwas, findet man einen Haufen Spekulationen mit häufig fragwürdiger Agenda: Starb Beethoven an Bleivergiftung? Hatte Julius Caesar wegen Blei nur einen Sohn? Nicht gerade sehr zielführende Fragen.

Mich würde vielmehr interessieren, ob und wie Blei bzw. auch unbewusste Schädigungen durch andere Giftstoffe wie Quecksilber euch irgendwo in euren Studien untergekommen ist. In meinem Spezialgebiet, den 1980er Jahren, ist es natürlich klar – die Giftigkeit von Blei ist bekannt, das Waldsterben in aller Munde und es werden massive Anstrengungen unternommen, die Luft wieder sauberer zu bekommen. Auch verbleites Benzin verschwand bis es dann im Jahr 2000 (!) endlich in der gesamten EU verboten wurde. In diesem Jahr soll es endlich auch weltweit überall verschwinden. In meinem zweiten Spezialgebiet, dem Zweiten Weltkrieg, ist die Luft ja generell bleihaltiger. Die Gesundheitsfolgen von bleihaltiger Munition werden in den USA gerade anhand von Jägern und Waffennarren diskutiert, entsprechendes dürfte aber auch für Soldaten und Kriege gelten. So dürften die ehemaligen Schlachtfelder gerade im Osten, wo nicht alle Munition geräumt wurde, immer noch eine erhöhte Bleibelastung aufweisen mit den entsprechenden Konsequenzen für die Leute, die heute dort wohnen.

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5 Antworten zu Bleierne Zeiten

  1. Gebloggt – Bleierne Zeiten. Bleivergiftungen, Kriminalität und Geschichte, mich interessiert da eure Meinung zu http://t.co/DgDjvCtp

  2. RT @MschFr: Gebloggt – Bleierne Zeiten. Bleivergiftungen, Kriminalität und Geschichte, mich interessiert da eure Meinung zu http://t.co/DgDjvCtp

  3. Erbloggtes sagt:

    Ich kann den Mother-Jones-Artikel sehr zur Lektüre empfehlen, finde das Thema insgesamt faszinierend. Das geht wahrscheinlich vielen so, weil es so etwas schön Monokausales hat. Gewalt, Dummheit und Blei – das passt auch metaphorisch so gut zusammen, dass wir etwas skeptisch werden sollten. Ebenfalls skeptisch macht mich Deine Bemerkung: „In diesem Jahr soll es endlich auch weltweit überall verschwinden.“ Da könnte man ja einen Zusammenhang dazu sehen, dass Blei gerade in diesem Jahr als Universalbösewicht identifiziert wird.

  4. Michael sagt:

    Ich bin da auch etwas skeptisch, gerade weil das so monokausal klingt. Daher frag ich halt mal in die Runde, ob jemandem da noch mehr untergekommen ist.

    Blei ist übrigens schon längere Zeit als schädigend bekannt, im Prinzip war auch die Entscheidung überhaupt verbleites Benzin zu verkaufen ein Skandal. Dessen Erfinder Thomas Midgley litt etwa unter einer Bleivergiftung, hielt diese aber geheim und sprach in Pressekonferenzen davon, wie sicher der neue Zusatzstoff ist. Weiterhin hat der auch noch die FCKWs erfunden, ein überaus umweltfreundlicher Mensch also ;)

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