Boardwalk Empire – das Problem historisch korrekter Fernsehserien

Gestern habe ich es endlich geschafft, das Ende der dritten Staffel der HBO-Serie Boardwalk Empire zu schauen. Mit dem im Atlantic City der Prohibitionszeit spielenden Mafiaepos ist dem Sender ein absolutes Meisterwerk gelungen – die Atmosphäre ist gigantisch, Steve Buscemi als Enoch ‚Nucky‘ Thompson ist überragend und in der dritten Staffel nimmt die Story richtig an Fahrt auf. Die erste Staffel beginnt recht langsam und führt die Hauptcharaktere erstmal in der nur Serien möglichen Behutsamkeit ausführlich vor. Nach den ersten paar Folgen blieb das Gefühl der unglaublich gut umgesetzten Atmosphäre und unglaublich guter Kulissen, in denen aber recht wenig passiert. Dann aber wird die Geschichte sehr schnell sehr, sehr packend und komplex, wie es nur in einer mehrstündigen Fernsehserie mit Millionenbudget möglich ist. Wer ein Mafiaepos sehen will, das den Vergleich mit dem Paten nicht scheuen muss, sollte sich jetzt schon die DVDs auf die nächste Weihnachtswunschliste schreiben.

Gerade die großen US-Serien und gerade die des US-Senders HBO haben aber zwei Probleme – zum einen funktionieren sie im deutschen Fernsehen meistens nicht. Boardwalk Empire etwa schloss im Dezember in den USA die dritte Staffel ab, hier läuft sie erst am 10. Januar an. Im Free-TV sieht das noch schlimmer aus – gerade da die Serien so spannend sind, man keine Folge verpassen sollte und man immer wissen will, wie es weiter geht, wandert das Publikum nach wenigen Folgen ganz schnell auf die üblichen Internetplattformen ab. Serien nach historischen Vorbildern haben aber noch ein weiteres Problem – die Leser können sich selbst über den weiteren Verlauf der Geschichte informieren, was die Spannung aus der Serie nehmen kann. In einem Interview mit Wired spricht der Drehbuchautor Terence Winters über seine Erfahrungen mit der (ebenfalls grandiosen) Westernserie Deadwood, welche ebenfalls reale Charaktere verwendet und mit Boardwalk Empire, welches bestimmte Schlüsselcharaktere fiktionalisiert:

Obviously Boardwalk Empire is historical fiction, but how much is real history and how much is fiction?

Terence Winter: Starting out, I had inherited the book [Boardwalk Empire by Nelson Johnson]. HBO gave me the book and said, “Why don’t you read this, and see if you think there’s a series there.” The book itself is really the history of Atlantic City. There was a chapter on the real Nucky Johnson, and he’s the guy who ran the town during Prohibition. I thought, “OK, that’s the guy. This is the era I’d like to explore.” Then everything else really from there was my own invention. Taking the character Nucky, and then, early on I made the decision to fictionalize him.

I’ve talked about this before, but I was inspired to fictionalize as many people as possible because of Deadwood, which I loved. I was a big fan, but once I found out that all those people were real, the first thing I did was Google everybody. Then I was ahead of the story. I thought, “Wow. I really wish I didn’t know, for example, that Al Swearengen lived till the 20th century, because it took a lot of the jeopardy of the show away from me. I was just waiting for events to get checked off. Even Swearengen died like he was destitute. I think he died running for a train or something. It was one of these really pathetic deaths.

I guess you’d say the same thing about watching Titanic. We all know that there’s an iceberg out there. That was what was great about Inglourious Basterds when Hitler died in a movie theater. It was like, good for him. I just know I’m going to be out there explaining to my kids one day, “No, Hitler did not die in a movie theater fire actually. It was a bunker in Germany.” But we’ll cross that bridge when we come to it.

How do you avoid doing the same thing with your characters?

Winter: I knew we had a few people — Al CaponeArnold RothsteinLucky Luciano — who I knew I could not deviate their major life arcs. I’m not going to kill Capone off in 1925. The guy lived till the ’40s. Everywhere along the line, whenever I felt I could fictionalize a character, I would, starting with Nucky.

I didn’t want to be beholden to the actual Nucky Johnson’s life, because my Nucky I would like to have do things that the real Nucky probably didn’t do. Again, it’s partly to be able to surprise the audience, and partly because I don’t know if the real Nucky has relatives that are still living who are going to watch and say, “My uncle never murdered nine people” or whatever I want to have my guy do. That was the decision going into it.

Das gesamte Interview ist übrigens sehr, sehr lesenswert, da es zeigt, wie so eine Serie entwickelt und recherchiert wird und wie viel Arbeit auch in kleinste Details gesteckt wird.

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20 Responses to Boardwalk Empire – das Problem historisch korrekter Fernsehserien

  1. @ClioMZ sagt:

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  2. Erbloggtes sagt:

    Ich finde die Begründung für Abweichungen von einer selbst historisch dicht sehr spannenden Geschichte irritierend und die These „Leser können sich selbst über den weiteren Verlauf der Geschichte informieren, was die Spannung aus der Serie nehmen kann“ nicht plausibel. Was ist denn das Problem von Titanic? Das Wissen um den Eisberg macht die Geschichte doch erst spannend.

    • Michael sagt:

      Titanic ist hier ein schlechtes Beispiel, da der Untergang ja das eigentliche Spektakel ist, auf den alle warten. Nehm lieber mal die Harry Potter-Reihe. Wenn du anfängst die zu lesen und noch 6 Bände vor dir hast, dann ist der jeweilige Endkampf zwar spannend, aber du weißt auch ganz genau, dass der werte Harry nicht vom Drachen gefuttert wird. Genauso wie du damit rechnest, dass eben der werte Frodo nicht direkt am Anfang von den Nazgul gefangen genommen wird, nur damit Tolkien dann auf den nächsten 1000 Seiten beschreibt, wie der böse Sauron ganz Mittelerde unterjocht und versklavt. Das macht ja Game of Thrones so spannend – gerade weil Martin dieses Muster durchbricht, sorgt er permanent für Hochspannung. Da muss auch Frodo schon auf Seite 34 um sein Leben fürchten.
      Die Realität hat ja allgemein recht wenig für Helden übrig und die geschichtswebenden Nornen neigen ja doch eher zu Martins Schreibstil. Du kannst dir aber selbst recht viel Spannung kaputt machen, indem du den Charakteren nachgooglest. Wenn du weißt, dass der grummelige Saloonbesitzer aus Deadwood bis ins 20. Jahrhundert lebt, dann ist die entsprechende Konfrontation mit Schusswaffen oder die Entführung doch nicht so spannend. Da zeigen sich eben die unterschiedlichen Prioritäten von Filmproduzenten und Historikern – der Produzent will ja v.a. eine spannende Geschichte erzählen, welche die Leute dazu bringt, auch die nächste Folge einzuschalten.
      (Nebenbei sollte man da auch den zweiten angesprochenen Effekt nicht unterschätzen: Es ist extrem schwierig, historische Figuren wirklich korrekt wiederzugeben. Gerade wenn man auch das Privatleben zeigt, ist das extrem schwierig)

      • Erbloggtes sagt:

        Ich fände es viel sinnvoller, die Figuren zu erfinden, aber ihre Schicksale, ihr Erleben, ihr Umfeld usw. möglichst historisch korrekt darzustellen (Strukturgeschichte statt Personengeschichte). Es macht doch gar keinen Sinn, von jemandem mit verbürgtem Namen zu berichten, und dann aber seine Geschichte so zu erzählen, als sei er aus einem Paralleluniversum. (Außer natürlich Tarantino, der darf Hitler im Theater abknallen.)
        Das einzige, was Martin tut, ist die Erzählkonvention brechen, nach der die Hauptfiguren sich durch die Geschichte ziehen. Mit Realismus hat das nichts zu tun. Er macht einfach nur das Gegenteil vergleichbarer Erzähler.

        • Michael sagt:

          Ich verstehe hier dein Problem nicht – das ist ja genau die Lösung von Boardwalk Empire. Der Hauptdarsteller basiert auf einer realen Person, wurde aber genau aus diesen Gründen verfremdet.

          • Erbloggtes sagt:

            Mein Problem ist vielleicht, dass ich dem Winters das nicht glaube. Wie bei Martin bin ich der Überzeugung, dass sie das aus erzählstrategischen Gesichtspunkten tun.
            Warum einen historischen Personennamen aufgreifen, um eine eigene Figur zu erschaffen? Wegen des Markenkerns? Das zieht vielleicht bei König Artus (der im Wesentlichen eine erzählerische Gestalt ist, weniger eine historische). Aber doch nicht bei Nucky, um den sich (vermutlich) kaum Fiktionales dreht.

          • Michael sagt:

            Gegenfrage: Warum denn nicht? Du wirst bei einer Serie um das Atlantic City der Prohibitionszeit nicht um einen Charakter wie Thompson herum kommen. Und dann musst du dich entscheiden, ob du den realen Charakter nimmst oder einen verfremdeten – wobei du den realen Charakter auch durch deine Arbeit verfremden wirst. Gerade bei einem Mafiosi, der eben vieles im Verborgenen tut, wirst du ja so oder so nicht an „die Wahrheit“ herankommen.
            Dann ist es IMHO besser, dem so oder so fiktionalen Charakter einen anderen Namen zu geben und nicht der realen Person mit der Bearbeitung irgendwas in die Schuhe zu schieben.

          • Erbloggtes sagt:

            Das ist genau meine Meinung. (Wo lag das Missverständnis?) Die sollen bloß nicht mit „basiert auf einer wahren Begebenheit“ oder „eine wahre Geschichte“ werben, nur weil sie historische Namen und ein paar Basisfakten aus den Geschichtsbüchern übernehmen.

          • Michael sagt:

            Da sind andere Serien aber doch schlimmer als die gut und durchaus genau recherchierten HBO-Serien. Bei Blödsinn wie etwa Spartacus: Blood and Sand braucht man ja gar nicht über historische Korrektheit diskutieren.

          • Erbloggtes sagt:

            Ja. Der alternative Serien-Name „Gladiator“ war aber schon besetzt ;-)
            Eine interessante Frage wäre: Was gibt solcher vorgebliche Realismus dem Publikum?

  3. Jan Hodel sagt:

    Das Thema ist (wie mir auch schon auffiel) keineswegs ein Problem von Nischen-Programmen – mit Titeln wie „Mad Men“ oder „Downton Abbey“ stossen ja immer mehr Serien in den Bereich des „authentisch-historischen“ vor – und lösen das hier angesprochene Problem auf je eigene Weise der Fiktionalisierung von Handlung und Personen. Man müsste Zeit haben, da dran zu bleiben – um beispielsweise auch den Einfluss auf Geschichtsbilder der porträtierten Epochen zu erforschen. Oder gibt es schon solche Forschungsprojekte?
    Ich habe übrigens zunächst „politisch korrekte“ gelesen. Das sagt ja auch einiges…

    • Michael sagt:

      Ich kenne keine entsprechende Forschung zu den aktuellen HBO-Serien, würde aber mal einen Blick auf die entsprechende zeitgeschichtliche Forschung zur Rezeption der Fernsehserie „Holocaust“ werfen.

      • Jan Hodel sagt:

        Hmm, Holocaust ist wohl ein Spezialfall – wäre aber interessant, ob die Ergebnisse (und Kriterien) der Auseinandersetzung damit auch für die genannten HBO-Serien was taugen.
        Was man übrigens ob all der HBO-Begeisterung auch nicht vergessen sollte: Edgar Reitz‘ kongeniale „Heimat“-Serien-Trilogie; auch hinsichtlich der Frage des Verhältnisses von Fiktion und Fakten interessant.

  4. Erbloggtes sagt:

    Historische Korrektheit ist immer auch politisch korrekt. ;-)

  5. http://t.co/Mh4q245G: Boardwalk Empire – das Problem historisch korrekter Fernsehserien http://t.co/YvvuVGgc

  6. Im Blog wird übrigens gerade fleißig über die Fiktionalisierung von Charakteren in Serien diskutiert http://t.co/M2mbgD7C

  7. Danke für den Hinweis! RT @MschFr Gebloggt: Das Problem historisch korrekter Fernsehserien http://t.co/965map5M

  8. @eisenmed sagt:

    RT @epenschmied: Danke für den Hinweis! RT @MschFr Gebloggt: Das Problem historisch korrekter Fernsehserien http://t.co/965map5M

  9. @JW_Fr sagt:

    Ich google auch immer gleich! RT @mschfr Gebloggt: Das Problem historisch korrekter Fernsehserien http://t.co/90Lw8y6C

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