Der Copyfraud des Jahres?

Vor kurzem ging der Award “Copyfraud des Jahres 2012” durch die Blogosphäre: Die Betreiber der Höhle von Lascaux beanspruchten das Urheberrecht auf die dort vorhandenen Höhlenmalereien, deren Urheber seit 17.000 Jahren tot sind. Das ist schon ein starkes Stück, oder? Schauen wir mal genauer hin.

Viele Kulturstätten sind durch den Besucheransturm einer gehörigen Belastung ausgesetzt. Die engen Gänge der ägyptischen Pyramiden leiden unter den Millionen Besuchern, welche mit Rucksäcken an den Wänden schaben und mit ihrem Atem die Luftfeuchtigkeit erhöhen. Das Gedränge in der Sixtinischen Kapelle zerstört nicht nur sämtliche Atmosphäre, sondern auch die Farbe an den Wänden. Je bekannter und beliebter eine Stätte ist, desto mehr wird sie in Mitleidenschaft gezogen. Der Trend geht daher in letzter Zeit dazu, die Touristen schlicht und einfach gar nicht mehr in die originale Stätte zu lassen, sondern ihnen eine Nachbildung zu zeigen. Den Arbeitsprozess kann man schön anhand dieses Berichtes über eine Nachbildung der Grabkammer Tutankhamuns anschauen. Die Technik dafür ist mittlerweile erstaunlich genau und komplex – Laserscans, millimetergenaue Abgüsse, 3D-Drucker, genau passende Farben und so weiter. Auch in Lascaux dürfen Besucher seit den 1960ern nicht mehr in die originale Höhle, sondern in eine Lascaux II genannte Nachbildung, welche allerdings nur zwei Wände zeigt. Das ändert sich nun: Lascaux III ist fertig und wird als Wanderausstellung um die Welt geschickt, Nachbildung 4 sollte ein ganz großer Wurf mit Besucherzentrum werden, hat aber größere Finanzierungsprobleme.

 

In dem Rechtsstreit, der zur Verleihung dieses Schandpreises führte, geht es also um mehr als nur normale Dreistigkeit: Es geht eben anscheinend nicht nur um die simplen Abbildungen (die eh im Web verfügbar sind), sondern anscheinend um die 3D-Rekonstruktion der Höhle. Die vom Département Dordogne beauftragte Produktionsfirma ZK Productions meldete Konkurs an und nun scheint das Département verhindern zu wollen, dass die Reproduktion dabei in die falschen Hände geraten. Und es scheint enorm viel persönliche Streitereien rund um die Geschichte zu geben. Die gesamte Geschichte ist also deutlich komplexer als nur ein simples Copyfraud und daher auch nur bedingt zur Skandalisierung geeignet.

Die Geschichte zeigt aber auch schon die Möglichkeiten und Gefahren solcher Reproduktionen: Besitzt man nämlich einmal die Daten für eine Nachbildung, kann man auch problemlos eine zweite herstellen. Und eine dritte. Alleine die Vorstellung, dass neben der offiziellen Höhle plötzlich diverse Nachmacherhöhlen den Konkurrenzbetrieb aufmachen, hat etwas. Auch die völlige Verwirrung von Archäologen in ein paar hundert Jahren, wenn sie plötzlich einen riesigen Cluster von identischen Höhlen finden, wäre ein schöner Stoff für eine Science Fiction-Geschichte. Auch unser Kult des Originals wird vollständig in Frage gestellt – warum sollte ich mich etwa im Louvre mit tausenden Leuten vor der Mona Lisa drängeln, wenn ich das Bild als Reproduktion besser betrachten kann? Und warum sollte ich etwa nach Ägypten reisen, um mir irgendwas ägyptisches anzuschauen, wenn ich in einem deutschen Museum eine Nachbildung sehen könnte, an die ich unter Umständen sogar näher dran kann? In diesem Zusammenhang kann ich es sogar gut verstehen, dass das Département gewisse Rechte angemeldet hat.

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7 Antworten zu Der Copyfraud des Jahres?

  1. Erbloggtes sagt:

    Missbrauch des Urheberrechts ist es – nur auf Basis Deines Artikels geurteilt – trotzdem. Missbrauch wird geradezu zum zweiten Vornamen des Urheberrechts.

  2. RT @MschFr: Gebloggt: Der Copyfraud des Jahres? http://t.co/qODcjVna

  3. Michael sagt:

    Schwierige Sache – zum einen handelt es sich hier um ein 3D-Objekt, das auch als Nachbildung gewisse Urheberrechte des Urhebers besitzt. 2D-Reproduktionen von 2D-Objekten sind ja urheberrechtsfrei, bei 3D-Objekten sieht dies AFAIK anders aus. Aber das dürfte dann wieder französisches Urheberrecht betreffen, von dem ich keinerlei Ahnung habe.

  4. Erbloggtes sagt:

    Falls für 3D-Reproduktionen andere Maßstäbe gelten als für 2D-Reproduktionen, ist das bestimmt wieder so eine „Innovationen schützen“-Gesetzgebung wie damals bei der Erfindung der Fotographie und dem generellen Schutz für Lichtbilder als Kunstwerke. Absurd. In 20 Jahren kann man einen 3D-Scanner in die Höhle stellen, der dann automatisiert auf einem 3D-Drucker das Profil mit Bemalungen reproduziert. Und dank solcher Gesetze wird das dann alles „geistiges Eigentum“ von dem sein, der den „Start“-Button betätigt (oder noch wahrscheinlicher: „geistiges Eigentum“ von demjenigen, der den bezahlt, der den „Start“-Button betätigt).

  5. Michael sagt:

    Die aktuellen Gesetze sind ja nicht auf moderne Techniken ausgerichtet. Als jemand Urheberrechte für 3D-Reproduktionen eingeführt hat, gab es Bildhauer, es gab irgendwelche Leute, die Dinge in Bronze oder sonstigen Materialien gegossen haben, aber an Laserscanner und 3D-Drucker hat da keiner gedacht.

  6. H-stt sagt:

    Mona Lisa: Welches ist wohl das meist reproduzierte Gemälde der Welt? Und welches Originalgemälde wird wohl in seinem Museum von den meisten Menschen aus aller Welt besucht? Ob es da nicht doch einen Zusammenhang gibt, der anders ist als von dir angenommen?

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