PolitPlag – eine ganz schlechte Idee

Hach, es ist zum Verzweifeln. Die Plagiatsjäger erreichten nach Guttenberg und Koch-Mehrin momentan ihren dritten wirklich großen Erfolg und bringen die Bundesbildungsministerin Annette Schavan in einige Erklärungsnöte. Diese darf sich jetzt auf ein Verfahren zum Entzug ihres Doktortitels freuen. Und dann sowas: Martin Heidingsfelder startet eine Plattform, die so schlecht durchdacht ist, dass ich im ersten Moment an eine False Flag-Aktion dachte. PolitPlag bietet es gegen Bezahlung an, die Doktorarbeiten von Politikern zu überprüfen.

Im Jahr 2013 finden wichtige Wahlen statt, bei denen die Bürger entscheiden, wer in Zukunft den Weg unseres Landes bestimmt:

20. Januar Niedersachsen: Landtagswahl, Rot-Grün hat die Wahl knapp gewonnen und befindet sich in Koalitionsverhandlungen.
26. Mai Schleswig-Holstein: Wahlen für Kreistage, Stadtvertretungen, Gemeindevertretungen
15. September (Termin steht noch nicht fest) Bayern: Landtagswahl, Bezirkstage
15. oder 22. September (Termin steht noch nicht fest) alle Bundesländer: Bundestagswahl
bis 15. Dezember (Termin steht noch nicht fest) Hessen: Landtagswahl
Politiker sollten Vorbilder sein, insbesondere, was Ehrlichkeit anbelangt. Leider hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass es gerade auch unter Politkern immer wieder Einzelne gibt, die es mit der Aufrichtigkeit nicht ganz so ernst nehmen, wie sie es selbst vom Bürger verlangen. Bekannte Beispiele sind Karl-Theodor zu Guttenberg, Annette Schavan, Jorgo Chatzimarkakis, Silvana Koch-Mehrin oder Matthias Pröfrock, bei denen der Doktortitel mit einer gewissen Nonchalance – man nennt es auch Plagiieren – erworben wurden.
In solchen Fällen ist besser, gar nicht erst zur Wahl anzutreten, als später zurückzutreten.
Wir bieten deshalb für die Wahlen im Jahr 2013 ein Plagiatometer an:
Wir untersuchen für Sie die wissenschaftlichen Arbeiten promovierter Kandidatinnen und Kandidaten zu den Wahlen 2013 unabhängig von der Parteizugehörigkeit, Alter, Geschlecht und Fachgebiet, nur den Fakten verpflichtet.

Die Prüfung wissenschaftlicher Arbeiten auf Plagiate ist natürlich ein erheblicher Aufwand. Ganz umsonst können wir es nicht machen. Und wir haben dabei für alle – auch für diejenigen, die sich keinen kompletten Auftrag leisten können – einen Weg gefunden, den einen oder anderen Kandidaten zu prüfen: wir sammeln Beiträge, bis wir mit der Überprüfung beginnen können. Die Details dazu finden Sie hier:
Sie können sich ab einem Beitrag von 20,- € an den Prüfungskosten beteiligen. Wenn Sie dies namentlich machen, erhalten Sie von uns auf Wunsch eine Rechnung mit ausgewiesener MwSt. Bei anonymen Überweisungen können wir keine Rechnung versenden.
Bitte vermerken Sie bei Ihrer Banküberweisung, welcher Kandidat geprüft werden soll. Ob er einen Doktortitel führt und kandidiert, können Sie anhand dieser Kandidatenliste überprüfen.

Plagiatsprüfung gegen Geld, damit kann man ganz sicherlich nicht den Vorwurf entkräften, dass es den Plagiatsjägern nicht um die Wissenschaft geht, sondern um politische Blutgrätschen. Man sieht die Kommentatoren schon aus ihren feuchten Erdhöhlen in die Kommentarspalten von Welt Online kriechen, wo sie lautstark verkünden, dass die Lichtgestalt Karl-Theodor von kleinen, fiesen Gnomen aus dem Hinterhalt gemeuchelt wurde.
Wer Plagiatsprüfung als Mittel des Rufmordes in die politische Praxis einbringt, zerstört ihren eigentlichen Zweck: Die wissenschaftliche Redlichkeit. Plagiieren ist eine ganz bewusste Entscheidung und ein ganz bewusster Verstoß gegen wissenschaftliche Grundlagen. Jeder Studierende bekommt bereits im ersten Proseminar erklärt, dass er nicht abschreiben darf. Jeder Schüler bekommt schon in der Grundschule beigebracht, dass er seine Hausaufgaben nicht morgens im Schulbus vom besten Freund abschreiben darf. Wer das bis zum Ende einer Promotion nicht verstanden hat, darf seinen Doktortitel nicht behalten. Entweder er/sie hat ganz bewusst betrogen oder er/sie ist wissenschaftlich eine absolute Niete und hat die (nicht sehr schwierigen) Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens nicht verstanden. Durch eine Plattform wie PolitPlag bietet sich den prominenten Plagiatoren aber leider ein bequemer Ausweg aus dem Dilemma: Jetzt kann man die Plagiatsvorwürfe bequem als Schmierenkampagne des politischen Gegners abtun.

Auch der Rest der Seite wäre, wenn sie nicht so traurig stimmen würde, reinste Comedy. So gibt es nicht nur eine Liste von Doktoren, die für den Bundestag kandidieren, sondern auch diese gar amüsante Preisliste:

Für die einzelnen Arbeitsschritte fallen die folgenden Kosten an (wir führen für alle Einzahlungen 19% Umsatzsteuer ab):
– Bestellen und Scannen der Arbeit: 50,- €
– OCR (Texterkennung): 100,- €
– Softwareanalyse: 50,- €
– Erste Analyse der Arbeit und der Softwareergebnisse, Untersuchungsplan (evtl. Kurzbericht) für die weitere Analyse: 300,- €
– Jeder weitere Arbeitstag eines Plagiatssuchers: 500,- €
Hinweise:
Die Überprüfung einer Dissertation mit Plagiatssoftware ist nur der erste Schritt der Analyse. Die eigentliche Fehlersuche beginnt im Anschluss: Sorgfältige Lektüre der Dissertation, Identifizierung von Schwachstellen, Sichtung potentieller Quellen für Plagiate, …

Einzahlen und uns unterstützen:
Bankverbindung [Daten hier entfernt]

Bitte geben Sie im Betreff einen Kandidaten oder eine Partei an, welche Sie untersucht haben möchten.
Sollte die für die Überprüfung eines bestimmten Parlamentskandidaten notwendige Summe nicht erreicht werden, werden wir mit dem bis dahin eingezahlten Betrag die Dissertation eines anderen Politikers der gleichen Partei analysieren. Frau Professor Dr. med Ursula Gresser und der Wissenschaftliche Beirat wachen über die Mittelverwendung.
Weiterhin können Sie uns unterstützen durch die Zusendung von Scans von Dissertationen und die Übermitlung von Informationen. Wir schreiben freiwillig erbrachte Leistungen mit dem entsprechenden Wert dem jeweiligen Kandidatenkonto gut.

Das ist mehr als ein Bärendienst, den die Beteiligten den ehrenamtlichen Plagiatsjägern hier erweisen. So ein Dienst zerstört nachhaltig den Ruf und die moralische Autorität von Personen, die sich wirklich um wissenschaftliches Fehlverhalten sorgen. Schon alleine der Verdacht, dass es eben nicht nur um die Wissenschaft, sondern um gezieltes „Mobben“ von Personen geht, taucht ja immer wieder in den Kommentarspalten auf und Menschen ohne akademischen Background sehen das Abschreiben häufig nicht als so verwerflich an. Denn irgendwann hat jeder schnell in der großen Pause die Hausaufgaben vom Nebenmann abgeschrieben. Da müssen diese Streben aus der ersten Reihe, diese „Wissenschaftler“ jetzt nicht so moralisch überlegen tun. Oder um es anders zu sagen: Hätte es PolitPlag schon während des Falles Guttenberg gegeben, wäre er noch im Amt. Oder Bundespräsident.

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17 Antworten zu PolitPlag – eine ganz schlechte Idee

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  4. Sotho Tal Ker sagt:

    Eines sollte man dabei nicht ausser acht lassen: die „Plagiatsjägerszene“ kann man als ‚zerstritten‘ bezeichnen. Neben kostenfreien (sieht man mal vom zeitlichen Aufwand und dem eventuellen Anschaffungspreis von Literatur ab) Freizeitplagiatstöbereien im Vroniplag Wiki gibt es semi-kommerzielle Angebote wie http://www.profnet.de von Prof. Dr. Uwe Kamenz, der es sich zum Ziel gesetzt hat, „Plagiate auszurotten“. Dort reichen die Preise von 500€ bis zu 1500€ pro Jahr.

    Daneben gibts dann noch vollkommerzielle Angebote wie z. B. Vroniplag® von Herrn Heidingsfelder und http://plagiatsgutachten.de von Dr. Stefan Weber. Bei Herrn Heidingsfelder geht es ab 30€ los, für software-automatisierte Prüfungen (inwieweit die Preise noch aktuell sind, kann ich leider nicht sagen, aber bei Politplag gab es wohl eine leichte Inflation). Bei Dr. Weber liegen die Preise wohl so im mittleren 4-stelligen Bereich. (http://www.zeit.de/2012/40/Plagiat-Professorin-Sachsen/seite-2)

    Auch ist PolitPlag nicht unbedingt eine neue Idee. Von 3 Studenten gab es mal das Projekt „Doktorarbeiten Domino“. Das Projekt verschwand irgendwann spurlos, die Domain hat jetzt andere Inhalte. Ein Blick in die Wayback Machine bringt z. B. folgendes zu Tage: http://web.archive.org/web/20110522023113/http://www.doktorarbeitendomino.de/bundestag/start?DokuWiki=6fde7842f7d4c385f47b983c02e621d5
    Im Guttenplag Wiki wurde auch drüber geschrieben, einer der Leute hat auch geantwortet: http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/Forum:Neue_Plattform:

    Wenn man dann noch das http://de.plagipedi.wikia.com/wiki/PlagiPedi_Wiki mitnimmt, wo die verschiedensten Dissertationen von Politikern und Managern gesammelt wurden, kann man wirklich nicht sagen, dass PolitPlag eine wirklich neue Idee ist – bis auf die Kommerzialisierung.

    Aber vielleicht funktioniert es ja so besser? Anstatt Zeit und Arbeit selbst zu investieren, werden 50€ überwiesen, für eine unabhängige unvereingenommene Überprüfung. Das machen 20 Leute und schon kann eine Arbeit geprüft werden.

  5. Sotho Tal Ker sagt:

    Bei Guttenplag Wiki gehört der „:“ zum Link dazu. Bitte reparieren, falls möglich :)

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  11. ttt sagt:

    Heidingsfelder schreibt auf der Startseite des Wikis, wie oben zitiert: „In solchen Fällen ist [es] besser, gar nicht erst zur Wahl anzutreten, als später zurückzutreten.“ Wenn ich recht orientiert bin, ist Heidingsfelder selbst nicht promoviert, kandidiert allerdings für den Bayerischen Landtag und den Bundestag. Ich finde es bemerkenswert, dass hier Promotionsleistungen als zentrales Bewertungskriterium zur Einschätzung der Integrität von (konkurrierenden) Politikern hochstilisiert werden, der (fachkundige?) Prüfer jedoch (mangels eigener Qualifikation) immun gegen entsprechende Anwürfe bleiben wird. Ein geschicktes politisches Geschäftsmodell kann das wohl nur jemand nennen, der Wissenschaft als Teil des publizistischen Boulevards begreift.

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