Zur Situation in Timbuktu

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Die Lage in Mali ist unübersichtlich. Letztes Jahr, nach dem Zusammenbruch des Gaddafi-Regimes in Libyen hatte eine gut bewaffnete Koalition aus Turareg und Islamisten den Norden des Landes überrollt und unter anderem Timbuktu erobert. Dort zerstörten sie unter anderem die Mausoleen von Sidi Mahmud, Sidi Moctar und Alpha Moyaunter, führten drakonische Strafen ein und terrorisierten die Bevölkerung.

Anfang Januar rückten sie dann weiter nach Süden vor, was daraufhin die ehemalige Kolonialmacht zum Eingreifen veranlasste. Über die Motive Frankreichs wird fleißig gestritten. Als offizielle Begründung dient die Bekämpfung des Terrorismus und eine Bitte um Unterstützung durch die malische Regierung. Andere Stimmen unterstellen Frankreich, dass es mit der Operation nur die Uranmine im Niger schützen wolle oder dass es auch um eine Bekämpfung von Migration nach Europa und Drogenhandel gehe.

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Momentan entwickelt sich die Militäroperation nach dem üblichen Muster – da selbst Fanatiker nicht wahnsinnig genug sind, um in offener Feldschlacht gegen eine moderne Armee anzutreten, haben sie sich quasi in Luft aufgelöst, in Verstecke zurückgezogen und werden wohl zu einer asymetrischen Kriegsführung mit Attentaten, IEDs, Hinterhalten und so weiter übergehen. Vorher begingen die Fanatiker einen Akt barbarischer Kulturgutzerstörung und zündeten das Ahmed Baba Institute of Higher Learning and Islamic Research an. Diese von der UNESCO geförderte Bibliothek enthielt 20.000 einzigartige Manuskripte – zum Glück haben sich die ersten Befürchtungen, dass alle jetzt vernichtet sind, nicht bestätigt. Eine mutige Rettungsaktion hat einen Teil von ihnen bewahrt, aber momentan ist noch völlig unklar, wie viele gerettet werden konnten und was alles zerstört wurde. Die offizielle Seite des Tombouctou Manuscripts Project verkündet beruhigendes:

Since the start of this week there are reports about the destruction of library buildings and book collections in Timbuktu. It sounds as if the written heritage of the town went up in flames. According to our information this is not the case at all. The custodians of the libraries worked quietly throughout the rebel occupation of Timbuktu to ensure the safety of their materials. A limited number of items have been damaged or stolen, the infrastructure neglected and furnishings in the Ahmad Baba Institute library looted but from all our local sources – all intimately connected with the public and private collections in the town – there was no malicious destruction of any library or collection. […] By Monday night we finally managed to contact our colleague, Dr Mohamed Diagayeté, senior researcher at the Ahmad Baba Institue, now based in Bamako. He heard much the same reports that we heard. However, he added that the majority of the mss. of the Institute was still stored in the old building – opened in 1974 and on the other side of the town, from the new building.  He told us that the latest news about the new building, as of eight days before the flight of the Ansar Dine, was that the building had not been destroyed. He said that around 10,000 mss had been stored in the new building since there was no more space for the mss in the old building.  They were placed in trunks in the vaults of the new building.  Upstairs, where the restoration was taking place and boxes were made there were only a few mss.  After seeing Sky News footage, he says that the images were of the few mss upstairs waiting to be worked on by the conservators.

Ein ebenfalls von der UNESCO gestartetes Digitalisierungsprojekt kam zu spät – nur ein Bruchteil der Manuskripte ist bislang digitalisiert worden. Es dürfte neben der offiziellen Digitalisierung aber auch noch eine „wilde Digitalisierung“ von Menschen geben, die ihre in Privatbesitz befindlichen Dokumente abfotografierten. Auch die Rettung kann Dokumente zerstören – sie wurden vielfach in der Wüste vergraben. Dort können sie Schaden nehmen oder verloren gehen.

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Die Vorfälle zeigen aber mal wieder, wie wichtig es ist, Dokumente zu digitalisieren und via Internet zugänglich zu machen. Die Originale können zerstört werden – nicht nur durch Terroristen oder Revolutionen in fernen Ländern wie Mali, sondern auch ganz konkret durch U-Bahnbauten in deutschen Städten. Und zum anderen werden sie so überhaupt erst einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. War etwa bereits in den vergangenen Jahren eine Reise nach Timbuktu schon aufwändig und vor allem teuer, dürfte das Land jetzt die nächsten Jahre für westliche Forscher schon alleine aus Sicherheitsgründen unzugänglich bleiben.

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Eine weitere Frage lautet: Warum zerstören eigentlich Islamisten islamische Dokumente? Das hängt mit der Tatsache zusammen, dass sich diese Spinner auf eine sehr radikale Variante des Islams berufen, welche in der Tradition der Wahabiten steht. Alles, was nicht direkt im Koran erlaubt ist, ist verboten und auch andere Strömungen des Islams gehören demnach bekämpft. Gerade die Verehrung von islamischen Gelehrten widerspricht dieser Ansicht. Entsprechend rücksichtslos wird auch in Saudi Arabien mit dem kulturellen Erbe umgegangen. Das alte Mekka ist praktisch komplett zerstört. Da wird alles plattgewalzt, inklusive dem Geburtshaus Mohammeds. Auch archäologische Ausgrabungen sind nur unter erschwerten Umständen möglich, eine vorislamische Archäologie oder gar eine Archäologie der Zeit Mohammeds war lange Zeit nicht möglich. Mittlerweile gibt es einige Zeichen der Öffnung. Die Zerstörungen in Mali führen dieses Denkmuster einfach nur konsequent weiter. In dem man die fremde Tradition des Islams vernichtet, kann man seine eigene durchsetzen. So ist es leider nur logisch, dass sie eine Tür zur Sidi Yahya-Moschee aufbrachen, die nach lokaler Tradition bis zum Ende der Welt geschlossen bleiben sollte.

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