Die Drucksachen und Plenarprotokolle des Bundestages von 1949 bis 2005 online

Der Deutsche Bundestag hat uns Zeitgeschichtlern einen tolles Geschenk gemacht und alle Drucksachen und Plenarprotokolle des Bundestages von 1949 bis 2005 digitalisiert.

In den insgesamt 1,25 Millionen Blatt Papier verbergen sich richtige Schätze. Seien es obskure Anfragen über „politisch bedenkliche“ Schriftstücke, die in den 50ern in der Bundesbahn vertrieben wurden oder die Anfrage eines Dr. Mommer aus dem Jahr 1962, ob die Bundesregierung nicht „den Autofirmen zu empfehlen [könne], serienmäßig oder als Zusatzgerät in die Automobile einen Papier- und Abfallbehälter so einzubauen, daß er am Parkplatz oder zu Hause leicht entleert und somit ein Beitrag zur Reinhaltung unserer Straßen geleistet werden kann?“ Großartig ist auch der Vorschlag, „Oberstufen der höheren und entsprechender Schulen [anzuregen], während des naturwissenschaftlichen Unterrichts in der Umgebung der Heimatgemeinden in einfacher Weise nach Uranerzen zu prospektieren“ zu lassen.

Weniger skurill ist das parlamentarische Nachspiel der Spiegel-Affäre. Man findet auch die Anfrage des SPD-Abgeordneten Dr. Schwencke, der 1978 wissen will, ob die Bundesregierung nicht ihren Einfluss einsetzen kann, um die Ausstrahlung der „wegen ihrer Oberflächlichkeit und historischen Fragwürdigkeit als eine im kommerziellen Horror-Show-Stil inszenierte Darstellung anzusehende“ TV-Serie Holocaust zu verhindern. Dies ist übrigens die erste Erwähnung des Begriffes im Bundestag überhaupt.* Oder wie wäre es mit einer Anfrage über Computer-Kriminalität aus dem Jahr 1974? Die Protokolle, Reden, Anfragen sind eine enorme Schatzgrube – ich habe mich heute Abend in alten Debatten der 50er Jahre über die NS-Zeit festgelesen. Wer einmal ins Stöbern gerät, findet Unmengen an völlig banalen Verwaltungsvorgängen und Unmengen an interessanten Dingen.

Das Portal benötigt allerdings einiges an Vorkenntnissen über die Arbeitsweise des Bundestages. Man sollte wenigstens wissen, was eine kleine Anfrage ist und wie das Spiel zwischen Regierung und Opposition mit den Anfragen funktioniert. Auch Kenntnisse des zeitgenössischen Sprachgebrauchs sind hilfreich. Ansonsten ist die technische Umsetzung erstaunlich gut gelungen. Die Suche funktioniert und die PDFs haben ein vernünftiges OCR und interne Verlinkungen. Auch der Gang des parlamentarischen Prozesses wird auf einfachen Übersichtsseiten dargestellt – wer sich einmal durch die gedruckten Protokolle gewühlt hat, wird das zu schätzen wissen.

*Das liegt übrigens nicht an der völligen Ausblendung des Holocausts, sondern an der Begriffsgeschichte.
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4 Responses to Die Drucksachen und Plenarprotokolle des Bundestages von 1949 bis 2005 online

  1. Die Drucksachen und Plenarprotokolle des Bundestages von 1949 bis 2005 online http://t.co/sfRRJmBmD5

  2. Gebloggt: Drucksachen des Bundestages online http://t.co/ssPZkQekDc

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  4. . @MschFr weist dankenswerter Weise darauf hin, dass der Bundestag seine Drucksachen online zur Verfügung stellt: http://t.co/STO7jvrNHk

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