Digitale Geschichtswissenschaft jenseits der Blogs?

Ich habe eine Frage, liebe Leser: Gibt es eigentlich Historiker, die YouTube und sonstige der Web 2.0-Dienste für sinnvolle Anwendungen nutzen? Wir müssen uns ja nicht mehr streiten, dass Blogs, Twitter und sonstige Social Networks sinnvolle Anwendungsbereiche auch in der Geschichtswissenschaft haben, aber wie sieht es mit anderen Diensten aus?

Einer der großen Trends in den USA sind sogenannte MOOCs, Massive Online Open Courses, in welchen mehrere hundert oder gar tausend Studierende weltweit Kurse diverser Universitäten online besuchen können und am Ende einen Schein bekommen. Anbieter wie Coursera, EdX, Udacity oder die Khan Academy schreiben sich auf die Fahnen, die Bildung zu revolutionieren. Dabei preschen die MINT-Fächer und vor allem die Computer Sciences momentan vor, die Humanities sind bislang noch nicht stark auf den Trend aufgesprungen. Im deutschsprachigen Bereich sind mir keine Universitäten bekannt, die einen geisteswissenschaftlichen MOOC anbieten. Es gibt maximal einige Vorlesungen als Podcast und eben die mehr oder weniger gut umgesetzten internen Lernplattformen, die mehr oder weniger sinnvoll genutzt werden. Schaut man sich dazu auch den Bericht von Herr Larbig über die diesjährige Didacta an, scheint dieser Trend noch nicht in Deutschland angekommen zu sein.

Auf YouTube sind mir keine Historiker bekannt, die dort wirklich aktiv sind. Es finden sich dort zwar einige Vortrags- oder Vorlesungsmitschnitte, aber eben keine genuin für YouTube produzierten Inhalte. Einzige Ausnahme ist der großartige Crash Course World History, eine speziell für YouTube produzierte Videoserie, welche in zehnminütigen Videos einmal quer durch die Weltgeschichte zieht. Sie macht ihren Job erstaunlich gut und ist sogar noch erstaunlich unterhaltsam.

Im deutschsprachigen Raum gibt es sowas anscheinend nicht. Ansonsten ist YouTube eine gigantische Müllhalde aus Dokumentations-Schnipseln, wirrer Nazi-Propaganda, Unfug und sonstigen Verschwörungsvideos. Falls ich irre, schreibt was in die Kommentare.

Podcasts dienen meistens nur als Zweitverwertung. Im deutschsprachigen Bereich gibt es einige Vorlesungen, aber neben den Stimmen der Kulturwissenschaft keine dediziert der Geschichte gewidmeten Podcasts. Wer Englisch beherrscht, findet mit Hardcore History und dem BBC History Extra nette Podcasts. Dazu gibt es einen Haufen weiterer Podcasts mit historischen Themen.

Die nächste große Baustelle sind Location Based Services. Jedes Handy hat mittlerweile einen GPS-Chip und per mobilem Internet kann man weitere Daten hinzuziehen. Wer will, kann mit dem Handy navigieren, seine sportlichen Aktivitäten messen oder sich per Foursquare in irgendwelchen Geschäften einchecken. Ähnliches macht etwa die Seite HistoryPin, welche historische Fotos mit Geotags versieht und auf einer Karte präsentiert. Die Stadt München bietet Audiowalks an, mit welchen man die Geschichte der Stadt auch ohne Stadtführung per Smartphone oder MP3-Player erkunden kann. Noch ist das etwas rudimentär, Potential ist aber vorhanden und wird die lokalen Stadtführer irgendwann vor gewisse Probleme stellen. Daniel Bernsens Experimente mit lokalhistorischem Geocaching sind hier auch zu nennen.

Kurz: Es gibt riesige Bereiche der neuen Medien, die von der Geschichtswissenschaft bislang vernachlässigt werden. Die Gründe dafür sind vielfältig, dürften aber häufig mit fehlendem Interesse, fehlenden zündenden Ideen und fehlender technischer Kompetenz zu tun haben. Blogs sind vergleichsweise einfach in die wissenschaftliche Arbeit einzugliedern, bei einem Location Based Service sieht die Sache schon deutlich anders aus. Videos benötigen technische Fähigkeiten, andere Dienste muss man sogar programmieren und das alles kostet Zeit. Trotz allem: Es gibt noch viele Möglichkeiten, die noch nicht mal ansatzweise ausgeschöpft sind. Es schadet nicht, mal einen Blick auf Webanwendungen jenseits des Blogs zu werfen.

Die Schlussfrage ist: Habe ich etwas vergessen? Gibt es irgendwelche Trends, Projekte und Angebote, die ich übersehen habe?

Dieser Beitrag wurde unter Digitales Werkzeug abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Responses to Digitale Geschichtswissenschaft jenseits der Blogs?

  1. Anknüpfend an die Frage von gestern gebloggt: Digitale Geschichtswissenschaft jenseits der Blogs? http://t.co/U18ReBcHtg

  2. Benjamin sagt:

    Ich finde es aber auch ein wenig zu enthusiastisch, wenn ständig von einer „Revolution“ gesprochen wird. Diese Netz-Angebote sind natürlich alle ganz wunderbar. Aber im Grunde ist daran nicht vieles revolutionär, so dass von einem gewaltigen Sprung in der Entwicklung moderner Technik gesprochen werden muss. Man muss sich nur fragen, was sich eigentlich tatsächlich mit den Entwicklungen verändert hat: Es ist einfach alles schneller geworden. Kommunikation, Publikation, Kritik… Das läuft mittlerweile so schnell ab, dass natürlich auch neue Wege entstehen, die vielleicht vorher nicht beschritten werden konnten. Auch weil sie vielleicht zu risikoreich gewesen wären… Man stelle sich ein Twitter in Brief-Form vor.
    A propos Twitter… Das wurde hier vergessen!
    Die Seite http://www.twhistory.org scheint gerade leider offline, aber da ging es darum, dialogisch bestimmte Szenarien in komprimierter Form nachzustellen. Ob das sinnvoll ist, sei dahingestellt. Wer es gut machen will, muss sich aber genau überlegen, welche 140 Zeichen er von welcher Äußerung auswählt, um sie dort einzubetten.
    Ansonsten ist Twitter ja einfach auch ein gutes Informationsportal für die Geschichtswissenschaften, um auf dem laufenden zu bleiben.

  3. Michael Schmalenstroer sagt:

    MOOCs haben ihre Probleme – sie sind v.a. in vielen Fällen schlicht enthusiastisch verkappte Sparmaßnahmen. Dann muss die Uni nicht mehrere Einführungskurse, Sprachkurse, Proseminare oder Vorlesungen jedes Semester mit großem Personalaufwand anbieten, sondern kann auf die Onlinekurse verweisen, die mit geringem Personalaufwand jedes Semester recyclet werden können und noch nicht mal Räumlichkeiten benötigen. Das hat durchaus was vom Sprachlabor-Hype der 70er Jahre.

    Trotzdem kann man damit natürlich spannende Sachen machen. Mir ging es hier v.a. um eine Bestandsaufnahme. Ich weiß auch nicht, ob etwa ein Dienst wie HistoryPin sinnvoll ist oder ob lokales Geocaching irgendwie Geschichte besser vermitteln kann als ein Buch. Oder ob man unbedingt Videos auf YouTube erstellen muss.

  4. Klaus Graf sagt:

    Es gibt von mir zwei oder drei screencasts auf Youtube, mehr bekomme ich technisch nicht hin. Auch im hochschularchiv gibt es keine ständige Hilfskraft, die videoschnitt beherrscht. In unserem Channel sieht’s entsprechend leer aus.

  5. Da gerade auf der entsprechenden Konferenz in Marburg (#ICM2013) vielleicht noch der Hinweis auf die Versuche von Geschichtslehrern mit selbst erstellten Screencastvideos auf Youtube:

    http://www.youtube.com/user/seguGeschichte
    http://www.youtube.com/flippedhistory
    http://www.youtube.com/user/flippedHistoryVideos

  6. Digitale Geschichtswissenschaft jenseits der Blogs? http://t.co/Kpe0H7eFlp #geschichte

  7. AndreasP sagt:

    „Digitale Geschichtswissenschaft jenseits der Blogs?“ Das Wort Wiki sollte da vielleicht nicht ganz außen vor bleiben. Für die Verbreitung historischer Erkenntnisse außerhalb des engen Kreises der Fachkollegen, insbesondere was Prosopographisches oder Landesgeschichtliches angeht, halte ich die Wikipedia für außerordentlich wichtig.

  8. Koffeeinist sagt:

    Wie mein Vorredner bereits sagte, spielen die Wikis eine wichtige Rolle. Neben der Wikipedia ist hier vor allem Wikisource zu nennen, das sich wunderbar zum Nachweisen der älteren Fachliteratur eignet. Für meine Dissertation lege ich im Moment gerade Digitalisatslisten wichtiger Quelleneditionen zur frühneuzeitlichen preußischen Geschichte an, Benutzer:Froben hat eine Quellenkunde zu den Burgunderkriegen online gestellt. Auf diese Weise lässt sich das Web 2.0 auch für die eigene Forschung nutzen.

  9. Jan sagt:

    Oh, mit augmented reality könnte man tolle Sachen machen. So in Richtung: Mit Videobrille vor Ruinen stehen und den früheren Bauzustand sehen. In 20 Jahren wird das selbstverständlich sein. Vielleicht sogar in zehn…

  10. Michael Schmalenstroer sagt:

    Jan: Wenn du es mal nach Cluny schaffst, siehst du nicht nur die immer noch beeindruckenden Ruinen der gigantischen Klosterkirche, sondern kannst dort auch an fest installierten, schwenkbaren Bildschirmen dir eine Rekonstruktion der Kirche vom jeweiligen Standort anschauen. Siehe hier:
    http://blog.culture-to-go.com/2010/09/28/hightech-in-cluny-augmented-reality-3-d-film/

    Die Wikis habe ich schlicht und einfach vergessen. Ich nutze sie täglich und hatte sie unbewusst nicht mehr als wirklich neues Medium eingeordnet, da sie irgendwie zum Alltag gehören.

  11. In den Kommentaren zu meinem Artikel zur digit. Geschichtswissenschaft jenseits der Blogs wird fruchtbar diskutiert http://t.co/U18ReBcHtg

  12. Pingback: Gelesen in Biblioblogs (9.KW’13) | Lesewolke

Kommentare sind geschlossen.