Ein Buch aus dem Ersten Weltkrieg und eine digitale Rettung

Das Thema Digitalisierung wird meistens aus der Sicht von Institutionen betrachtet. Es sind Museen, die ihre Sammlungen online stellen. Es sind Archive, die ihre Archivalien verfügbar machen. Es sind Bibliotheken und Google, die Bücher scannen. Dabei gerät häufig die „Digitalisierung von unten“, die von vielen tausenden Menschen betrieben wird, etwas ins Hintertreffen. Dabei birgt gerade die massenhafte Digitalisierung durch viele verschiedene Privatpersonen enormes Potential.

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Ein Beispiel mag das verdeutlichen: Irgendwann letztens entdeckte der Redditor „twikken“ bei einer Wohnungsauflösung irgendwo in Florida ein historisches Kleinod: Ein Buch, in dem ein Pionier der US Army während seiner Ausbildung 1918 Notizen über den Bau von Schützengräben und alles andere, was man so als Ingenieur so benötigt aufschrieb. Er wartete geduldig 9 Stunden lang, bis der Auktionator endlich das gewünschte Büchlein anbot und erwarb es für 25 Dollar. Dann hätte er es lesen, ein paar Freunden zeigen und dann im Regal verstauben lassen können – stattdessen fotografierte er das Buch ab und lud die Bilder ins Internet hoch. Dann verfasste er einen Beitrag im weltgrößten Forum, Reddit. Der stieß auf ein großes Interesse und führte zu insgesamt 82 Kommentaren, in denen die Nutzer fleißig Informationen über den Autoren des Buches sammelten und eine Transkription des Buches planten. Dieses liegt mittlerweile auf den Wikimedia Commons. Parallel dazu verschickten einige Nutzer Mails an die Veteranenorganisation des entsprechenden Regimentes und diverse Museen. Das US Army Engineer Museum bekundete daraufhin Interesse an einer Leihgabe des Buches.

Besser kann es einem derartigen historischen Artefakt gar nicht ergehen. Statt einfach im Rahmen der Haushaltsauflösung unauffällig von den Erben entsorgt zu werden oder im Schrank eines Sammlers zu verschwinden, ist es jetzt einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Unter Umständen landet es sogar in einen Museum.

Von daher kann man einfach nur fordern: Digitalisiert mehr. Digitalisiert viel. Wenn ihr keinen Scanner besitzt, dann fotografiert einfach, Selbst ein schlechtes, mit einem Handy gemachtes Foto ist besser als gar kein Digitalisat. Scannt eure alten Fotos, die alten Tourismusprospekte, alte Liederbücher, alte Atomkraftpropaganda, alles, was bei euch in der Wohnung rumliegt und interessant sein könnte.

[An dieser Stelle zeigt sich mal wieder die absolute Irrsinnigkeit unseres Urheberrechtes. Der Autor des Notizbuches starb im Jahr 1961 und es ist nur legal, es zu fotografieren und ins Internet zu stellen, weil Werke von US-Regierungsmitarbeitern und damit auch von Soldaten generell gemeinfrei sind. Wäre er etwa ein Deutscher oder Franzose, dann wäre das im Jahr 1918 entstandene Werk erst am 1. Januar 2032 gemeinfrei. Die Urheberrechte daran von den nicht bekannten Erben zu bekommen, dürfte ebenfalls recht unmöglich sein. Auf jeden Fall wird es sehr, sehr umständlich. Dazu kommt, dass das Urheberrecht nicht nur an einen Erben geht, sondern an alle. Und an deren Erben.]

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5 Responses to Ein Buch aus dem Ersten Weltkrieg und eine digitale Rettung

  1. @Goobi_org sagt:

    RT @biblioblogs: Ein Buch aus dem Ersten Weltkrieg und eine digitale Rettung http://t.co/0jLxAKrl

  2. RT @biblioblogs: Ein Buch aus dem Ersten Weltkrieg und eine digitale Rettung http://t.co/0jLxAKrl

  3. SW sagt:

    Danke für diesen Artikel und einen Ausdruck, eine Kernaussage auf den Punkt zu bringen scheint: „Digitalisierung von unten“

    Das Internet Archive hat seine digitale Bibliothek um eine physische Sektion erweitert: http://blog.archive.org/2011/06/06/why-preserve-books-the-new-physical-archive-of-the-internet-archive/

    Dort wird eine Adresse genannt, an die man eigene Bücher (warum nicht auch andere Archivalien) senden kann:

    Internet Archive
    300 Funston Avenue
    San Francisco, CA 94118

  4. AndreasP sagt:

    Der Aufruf ist schön, und ich mache das ja seit vielen Jahren (Postkarten und viele, viele Bücher auf Wikimedia Commons und im Internet Archiv), aber der Aufruf, zu scannen, was das Zeug hält, ist leider bei der geltenden Rechtslage geradezu gefährlich. Alte Tourismusprospekte sind oft noch geschützt, alte Liederbücher oft auch, alte Atomkraftpropaganda so gut wie immer. Das Urheberrecht muss endlich auf eine gewisse Zeit nach Veröffentlichung beschränkt werden, und diese Zeit muss deutlich unter 40 Jahren liegen. Für die paar wirklichen Kunstwerke kann man dann immer noch ein System mit ausdrücklicher Anmeldung schaffen, in Zeiten des Internets ist das ein Klacks.

  5. SW sagt:

    Andreas, da hast Du bestimmt nicht Unrecht!

    So wie ich das beim Internet Archive verstanden habe, werden die dort angefertigten Digitalisate erst nach Ablauf des Urheberrechts freigeschaltet. Ergänzend kommt die Archivierung der physischen Bestände hinzu.

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