Über Twitter

Der Berliner Pirat Christopher Lauer kündigt in der FAZ an, Twitter in Zukunft nicht mehr nutzen zu wollen. Sein Artikel ist nicht wirklich überzeugend und zeigt nur, dass Social Media recht schwer skaliert. Die Kommuniktation mit einer Hand voll Leute funktioniert, wenn plötzlich mehrere zehntausend aktiv sind, wird das ganze eben stressig. Das ist jetzt aber auch keine Besonderheit von Twitter – wenn mir täglich 2 Leute per Postkutsche einen handgeschriebenen Brief schicken, kann ich das bewältigen und antworten. Bekomme ich 200, wird das deutlich schwieriger. Bei 2000 müsste ich den ganzen Tag nichts anderes machen. Es ist jetzt auch nicht gerade die Schuld des Mediums, dass bekannte Politiker Beleidigungen geschickt bekommen. Die kommen im Bundestag auch per Post oder Faxgerät an.

Jetzt müsste man eigentlich nicht viel zu den Kommunikationsplänen eines Berliner Lokalpolitikers schreiben. Aber gleichzeitig bin ich auch mit Twitter als Kommunikationsmedium in letzter Zeit recht unzufrieden, aber aus anderen Gründen als Lauer.

Gerade die #aufschrei-Debatte hat gezeigt, dass 140 Zeichen häufig zu kurz sind. Komplexe Sachverhalte wie die Schilderung einer sexuellen Belästigung benötigen einfach mehr Platz. Die Debatte zerfaserte auch sehr schnell – 60000 Tweets kamen anscheinend zum Thema innerhalb weniger Tage zusammen und wer den Hashtag in TweetDeck abonnierte, bekam einen stetigen, kaum zu verfolgenden Feed, in dem einzelne Schilderungen, Diskussionen, Hinweise auf den Hashtag, Hinweise auf Medienberichte und Spam. Trotz aller Aufmerksamkeit wird keiner die Debatte auch nur ansatzweise verfolgt haben, denn es war praktisch unmöglich. Als Diskussionsmedium für wirklich viele ist Twitter definitiv gescheitert. Zu zerfasert ist die Debatte, in viele Diskussionskreise unterteilt, welche dann in einem Hashtag aufeinanderprallen. Die #aufschrei-Debatte ist etwa in Blogs deutlich gesitteter und rationaler verlaufen, da sie eben mit ausführlicheren, längeren und damit irgendwie auch durchdachteren Texten geführt wurde. Wir erinnern uns, Marshall McLuhan, The Medium is the Message. Für Twitter gilt das auch und der Befund ist nicht gerade positiv. Für diverse Dinge ist es ein sehr spaßiges Netzwerk, ernsthafte Diskussionen über ernsthafte Dinge sollte man woanders führen.

Dazu kommt, dass der Dienst praktisch unmoderiert ist. In jedem guten Forum schmeißen die Moderatoren etwa die übelsten Störenfriede raus. Facebook lässt sich halbwegs auf privat stellen. Mailinglisten lassen sich auch moderieren. Twitter hingegen läuft praktisch ohne Moderation. Man kann selbst Personen blocken (wenn man das Feature kennt und nutzt) und Leute melden. Hashtags hingegen sind ungeschützt. Wenige Personen können dort extrem viel Schaden und Verbitterung verursachen – man stelle sich die wissenschaftliche Konferenz mit Twitter-Wall vor, auf der diverse Trolle ungestört ihr Unwesen treiben.

Twitter erlebt gerade weiterhin etwas, das man wohl als „Eternal September“ bezeichnen kann. Damals, als das Usenet noch der Diskussionskanal im Internet war, strömten jeden September die Erstis der US-Universitäten in die Newsgroups und missachteten natürlich erstmal fleißig die bestehenden Regeln. Am Ende des Monats waren die übelsten Trolle von ihrer Uni gebannt und der Rest fügte sich irgendwie ein. Im September 1993 schaltete dann AOL das Usenet für seine Nutzer frei – und sorgte so für den ewigen September, den ewigen Zustrom neuer, unerfahrener Nutzer. Soziale Netzwerke leiden unter ähnlichen Problemen – letztens suspendierte der CDU-Bürgermeister von Düsseldorf einige Feuerwehrleute, weil diese auf Facebook bei einer Zusammenstellung von Leserbriefen aus der Lokalzeitung auf „Gefällt mir“ gedrückt hatten. Haben derart unentspannt agierende Personen erstmal ein Netzwerk entdeckt, macht es schnell keinen Spaß mehr. Twitter ist kurz davor, ebenfalls umzukippen und zum stinkenden Tümpel zu werden. Gerade die spontanen Kurzgedanken machen den Reiz aus. Wenn einem irgendwann der Chef, Oma und der komisch riechende Mensch, der hinten im Seminar sitzt, folgen, verfliegt dieser Reiz. Irgendwann demnächst wird die Karawane ins nächste Netzwerk weiterziehen (oder ist es bereits) und wird Twitter den PR-Fuzzis, Werbeheinis, unentspannten Lokalpolitikern und sonstigen garstigen Gestalten überlassen. Ich wage zu prognostizieren, dass dieses Netzwerk dann wieder privater wird.

Und zum Schluss ist da die Firma Twitter selbst. Diese will natürlich auch Geld verdienen, was legitim ist. Was hingegen nicht legitim ist, ist die zunehmende Einschränkung des Dienstes. Drittanbieter werden in ihren Features und Möglichkeiten beschnitten – besonders die IFTTT-Einbindung vermisse ich praktisch jeden Tag. Die Zahl der möglichen API-Zugriffe wird limitiert. Die RSS-Feeds wurden auch gestrichen, ebenso die Einbindung von Bildern diverser Fotodienste wie Instagram. Das ist keine gute Entwicklung – Twitter darf gerne Geld verdienen, aber dabei sollte es eben nicht seine Plattform zerstören. Ich würde etwa für eine IFTTT-Schnittstelle oder andere Features sogar Geld bezahlen, aber entsprechendes wird nicht angeboten.

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4 Responses to Über Twitter

  1. RT @MschFr: Bin ich zu spät oder ist das Thema noch nicht durch? Ich habe was über Twitter gebloggt: http://t.co/Lx1lerPyei

  2. RT @MschFr: Gestern Abend gebloggt: Etwas über die Probleme von Twitter. Mit nur wenig Lauer http://t.co/Lx1lerPyei

  3. Pingback: Ein Stöckchen | Schmalenstroer.net

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