Verliert Schavan am Dienstag ihren Doktortitel?

Die Verteidiger von Bildungsministerin Annette Schavan haben sich in der letzten Zeit ja Schritt für Schritt von einer Verteidigungslinie nach der nächsten zurückgezogen. Zuerst hieß es, dass anonyme Plagiatsvorwürfe ja generell nichtig seien, da ja anscheinend die Person des Anklägers wichtiger sei als die offen vorliegenden Anschuldigungen. Dann wurde darauf verwiesen, dass nur eine offizielle Untersuchung Klarheit verschaffen kann. Hat sie, dummerweise wurden die Vorwürfe bestätigt. Nächste Verteidigungslinie: Der Gutachter sei fachfremd, er kenne ja nicht die Gepflogenheiten des jeweiligen Faches. Und damals sei in dem Fach halt anders zitiert und gearbeitet worden. Von dem Vorwurf provoziert, dass in ihrem Fach systematisch geschummelt und plagiiert wurde, äußerten sich diverse Erziehungswissenschaftler, dass dies natürlich nicht der Fall sei und auch niemals so gewesen sei. Auch in den 70ern und 80ern sei es den Studierenden beigebracht worden, dass sie gefälligst sauber zu arbeiten hätten. Rückzug. Nächste Verteidigungslinie: Aber in Düsseldorf sei dies nicht so gewesen… und dann legt die Süddeutsche Zeitung jetzt nach und erobert eine der letzten Verteidigungslinien. Sie haben ein Heftchen aus dem Jahre 1978 ausgegraben, herausgegeben u.a. von Schavans Doktorvater Wehle, in dem feinsäuberlich das wissenschaftliche Arbeiten erklärt wird. Inklusive dem Hinweis, dass man natürlich alle seine Quellen angeben muss und dass Plagiieren verboten ist.

1. Zitierpflicht
Geistiger Diebstahl ist kein Kavaliersdelikt. Er ist ein Verstoß gegen die Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens und Denkens und hat – aufgedeckt – schon manchen Wissenschaftler um Ehre und Karriere und manchen Prüfungskandidaten um den Erfolg seiner Bemühungen gebracht. Und das ist gut so. Denn wer gegen die Zitierpflicht verstößt, verletzt nicht nur das Gebot der intellektuellen Redlichkeit, sondern auch seine Pflicht, den Leser zutreffend und genau über den Stand der wissenschaftlichen Diskussion zu informieren. Es ist deshalb selbstverständlich, daß man […] alle wörtlichen und sinngemäßen Entlehnungen aus fremden Texten kenntlich zu machen hat.

6. Wiedergabe sinngemäßer Zitate
Wenn man längere Ausführungen eines Autors zusammenfassend wiedergeben will, kommt an Stelle eines wörtlichen nur ein sinngemäßes Zitat, das man in eigene Worte fassen muß, in Frage. Jedes sinngemäße Zitat muß genauso wie ein wörtliches Zitat mit einer genauen Quellenangabe versehen werden.

9. Quellenangaben bei Zitaten aus erster und aus zweiter Hand
Zitiert wird grundsätzlich der Originaltext, nicht die Sekundärschrift, aus der u.U. das Zitat entnommen ist. Kann der Originaltext nicht eingesehen werden, so schreibt man bei Verwendung des MLA-Zitiersystems: “…” (Goffman 1959, S. 145 f.; zit. nach Cicourel 1974, S. 98 f.); entsprechend verfährt man auch bei Quellenangaben in Fußnoten oder Anmerkungen. […]

[mehr auf Causa Schavan]

Das ist dann natürlich etwas peinlich. Spätestens jetzt bleibt eigentlich nicht mehr viel übrig. Aus dem ursprünglichen Leugnen sämtlicher Vorwürfe ist mittlerweile eine Scheindebatte um lokale Zitierregeln geworden. Jetzt bleibt eigentlich nur noch die älteste und schwächste Verteidigung, das schlichte Leugnen und der Verweis, dass die Angeklagte natürlich eine integre Person sei. Heike Schmoll von der FAZ, an deren Artikeln sich Kollege Erbloggtes fleißig abarbeitet, versucht hingegen noch eine andere Erklärung zu finden: Eine Verschwörung gegen Frau Dr. Schavan.

„Es stand nie zur Debatte, dass auch 1980, in dem Jahr also, in dem Frau Schavan ihre Doktorarbeit veröffentlichte, klar war, wie zitiert werden muss. Aufschlussreich ist jedoch, dass nach Angaben der „Süddeutschen Zeitung“ nur ein Exemplar des Heftchens greifbar ist. Das Heft befindet sich in der Nachlassbibliothek der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Wehle selbst besitzt nach eigenen Angaben keines mehr. Wie gelangte es wenige Tage vor der entscheidenden Sitzung des Fakultätsrats plötzlich an eine Redaktion? Verbirgt sich dahinter eine Strategie?“

Danach folgt noch eine Passage, dass ja das Gutachten geleakt wurde und die Feststellung, dass mit dieser angeblich genau und perfide geplanten Strategie die Öffentlichkeit auf einen Entzug des Doktortitels vorbereitet werden soll. Eigentlich müsste ich hier den gesamten Artikel veröffentlichen, aber da macht leider das Urheberrecht einen Strich durch die Rechnung. Aber ernsthaft: Eine bewusste Strategie? Von wem? Von Seiten der Uni, die jetzt zusammen mit der Süddeutschen Vorwürfe gegen die Bildungsministerin aufbauscht, um diese in den letzten Monaten vor der Bundestagswahl aus dem Amt zu kegeln? Undurchsichtige und düstere Kreise an der Uni Düsseldorf? Irgendeine Weltverschwörung der Illuminaten?

Ich habe keine Ahnung, wie viele Leute zusammen mit Schavan in Düsseldorf Erziehungswissenschaften studiert haben. Es dürften aber sicherlich einige Hundert gewesen sein. Es ist davon auszugehen, dass ausgebildete Erziehungswissenschaftler im Bildungsbereich arbeiten und daher irgendwie die Vorgänge in dem Fachbereich und um Schavan mitbekommen haben. Es benötigt daher überhaupt keine dieser wilden Verschwörungstheorien, die Schmoll in der FAZ aufbaut, um das Auftauchen dieses Proseminarheftes zu erklären – in so einer Situation sollte eigentlich jeder damalige Student sich daran erinnern können, dass es so ein Heft gab. Der Rest ist dann nur eine Mail an einen Journalisten und etwas Recherche.

Tatsache ist aber auch: Die Plagiatsstellen liegen seit Anfang letzten Jahres öffentlich dokumentiert im Internet vor. Je nach Bewertung enthalten 60 bis 90 Seiten von insgesamt 350 Seiten Stellen, an denen Frau Schavan Formulierungen und Gedanken übernimmt ohne diese korrekt zu zitieren. Tatsache ist auch, dass noch weitere Werke Schavans Plagiate enthalten. Tatsache ist auch, dass am Dienstag die Entscheidung des Promotionsausschusses verkündet werden soll.

[Hinweis aus Transparenzgründen: Dieser Artikel wurde um einen Link ergänzt. Aus Intransparenzgründen wird nicht verraten, um welchen es sich handelt]

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6 Antworten zu Verliert Schavan am Dienstag ihren Doktortitel?

  1. Gebloggt: Verliert Schavan am Dienstag ihren Doktortitel? http://t.co/x1cINjCh #schavan

  2. @jurabilis sagt:

    Wirklich schon die Entscheidung in der Causa #Schavan in dieser Woche? http://t.co/CkEf5GJS

  3. Verliert Schavan am Dienstag ihren Doktortitel? http://t.co/Le4RDigv

  4. Erbloggtes sagt:

    Du hattest in meinem Netzwerkanalyse-Artikel angemerkt, dass Du lieber Schavans „reale, praktizierte Bildungspolitik“ thematisieren würdest. „Da gibt es so viele skandalöse Dinge, dass man eigentlich gar nicht über ihre Doktorarbeit reden müsste…“

    Hier musste ich daran wieder denken. Du siehst ja, wie objektive Sachverhalte, die auch relativ leicht sachorientiert überprüfbar sind, von einem massenmedialen Chor geleugnet, relativiert und verdreht werden. (Ich stelle mir den Chor wie im griechischen Theater mit diesen verzerrten Masken vor. Tatsächlich spielt der Chor ja auch mit den Affekten des Publikums, statt mit Fakten. Theater eben.)
    Es ist schon ein großer Gewinn, wenn überhaupt über Schavans Plagiate gesprochen wird, statt über Verschwörungen und Verfehlungen Dritter. Mehr kann man wirklich nicht erwarten. Morgen und übermorgen dürfte es dann nicht mehr um Schavans Doktorarbeit gehen, sondern um angebliche Verpflichtungen zur Heranziehung „unabhängiger“ externer Zweitgutachter. (Falls es soweit kommt, wüsste ich nur zu gern, wie eine derartige Kandidatenliste erstellt wird.)

    Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Schavan entdoktort werden muss.

  5. Pingback: Suchmaschinen suchen Schavan sonstwo | Erbloggtes

  6. Gestern abend gebloggt: Verliert Schavan am Dienstag ihren Doktortitel? http://t.co/x1cINjCh #schavan

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