Die Vorzüge der Anonymität

Nun ist es also geschehen: Der deutsche Bundestag hat am Freitag das umstrittene Leistungsschutzrecht für Presseverlage verabschiedet und damit einen potentiellen Flurschaden im Internet angerichtet. Die Folgen sind bislang noch nicht absehbar – Rivva wird dankenswerterweise erstmal weitermachen, hat aber die Snippets deaktiviert und ist damit ein Stück benutzerunfreundlicher geworden. Weitere Seiten werden folgen – wenn nicht in den nächsten Tagen, dann nach der (hoffentlich niemals stattfindenden) Beschließung im Bundesrat. Oder eben nach den ersten Abmahnwellen. In der zum Kampf zwischen Google und den deutschen Presseverlagen hochstilisierten Gesetzgebung ist nur eines klar – whoever wins, we lose. Die Aasgeier kreisen schon.

Bereits vor einer Weile hatte ich ja meine Linksammlung Links.Historische eingestellt, weil diese auch wohl unter das LSR fallen würde. Nicht nur, weil es irgendwie Ärger vermeiden würde, sondern auch, weil mir durch diese ganze Geschichte die Motivation verloren gegangen ist, eine Linksammlung zu Zeitungsartikeln zu betreiben. Das ist vielleicht der größte Kollateralschaden.

Parallel zu dieser politischen Debatte hat Erbloggtes einen Artikel über die Kommentierung von Wissenschaftsblogs und ihre Auswirkung auf die Reputation der kommentierenden Wissenschaftler veröffentlicht. Demnach sei nicht nur das Betreiben eines Blogs für Wissenschaftler gefährlich, sondern auch das Kommentieren in Wissenschaftsblogs könne die eigene Reputation beschädigen. Nicht nur mit einem Blog wagt der Wissenschaftler es demnach, eigene, unfertige Gedanken öffentlich zu denken, sondern auch per Kommentar. In der durchaus lesenswerten Abhandlung steckt gegen Ende ein kleiner Gedankensplitter, der durchaus interessant ist:

Und wäre dann nicht die Austreibung der Reputation aus dem Wissenschaftssystem eine radikale, aber dennoch sinnvolle Lösung – etwa durch eine Umstellung des Wissenschaftsbetriebs auf anonyme Blogs?

Anonyme Blogs haben durchaus Vorteile und ich spiele mit dem Gedanken, ob ich nicht auch nach einigen Jahren wieder zum anonymen Bloggen übergehen soll. Die Vorteile davon sind recht klar: Zum einen hat sich bei mir durchaus Frust über die durch geltende Gesetze entstehenden Begrenzungen breit gemacht, welche schlicht und einfach keinen Sinn machen. Es ist ja nicht nur das Leistungsschutzrecht, auch andere Dinge frustrieren: Der Umgang mit Bildern ist schwierig und ich kann manche Beiträge nicht so bebildern, wie ich es gerne hätte. Während der private US-Blogger dank Fair Use etwa auch mal ein Presseagenturbild einbinden kann, drohen mir die Abmahnungen. Manchmal würde ich gerne etwas mehr schimpfen und einen Betrug auch Betrug nennen ohne dann von schmierigen Gestalten vor’s Landgericht Hamburg geschleift zu werden. (Beispiel) Irgendwie blickt man dann doch neidisch über den großen Teich in die USA mit ihrem Fair Use-Urheberrecht, dem zwar fleißig missbrauchten, aber immer noch fairerem DMCA-Takedown-System und der starken Meinungsfreiheit. Die Flucht ins Ausland und die Anonymität kann einiges ersparen und vor allem neue Möglichkeiten eröffnen.

Im Prinzip wäre das eine Rückkehr zu dem Internet, wie es lange Zeit war und in manchen Bereichen noch ist. Für die meisten Nutzer ist es völlig irrelevant, ob ich meinen echten Namen nutze, ein Pseudonym oder einen Nicknamen – sie kennen mich eh nicht und müssen daher zwangsweise mein Blog anhand meiner Beiträge bewerten.  Schreibe ich Unsinn, nützt mir auch der Realname, ein Doktortitel oder der perfekte Lebenslauf nichts. In manchen Bereichen des Internets werden völlig selbstverständlich Pseudonyme benutzt und auch dort herrscht ein normaler Tonfall. Facebook hingegen beweist täglich, dass auch Klarnamen nicht vor Beleidigungen, Hetze, Rassismus & Co schützen.

Im Bereich der Wissenschaftsblogs könnten anonyme Blogs durchaus reizvoll sein. So haben etwa Hashtags wie #overlyhonesthistorians auf Twitter gezeigt, dass es neben den hohen Idealen der Wissenschaft auch die real gelebte Praxis gibt, in der eben ganz konkrete Sachzwänge herrschen. Anonymität kann es einfacher machen, so etwas öffentlich zu äußern. So kann etwa eine Kritik an einer bestimmten Forschungsrichtung, eine schlechte Rezension oder auch eine Offenlegung von wissenschaftlichem Fehlverhalten durchaus negative Folgen haben. Freunde macht man sich damit jedenfalls nicht – was übrigens auch einer der Gründe ist, warum Peer Review häufig in einem Doppelblindverfahren erfolgt. Die Anonymität schützt hier beide Seiten – der Reviewer kann nur die Inhalte der Arbeit bewerten und keine persönlichen Feindschaften pflegen, der Bewertete hingegen kann sich auch nicht für ein schlechtes Review revanchieren. Ähnliches gilt für die Praxis der Plagiatsjäger, die bis auf wenige Ausnahmen und mediensüchtige „Gründer“ häufig anonym agieren. Schaut man sich an, welche persönlichen Angriffe Andreas Fischer-Lescano in der Plagiatsaffäre Guttenberg oder Stefan Rohrbacher in der Causa Schavan aushalten mussten, hat Anonymität durchaus seinen Platz. Auch der wissenschaftlichen Blogkultur könnte sie einige Impulse und vielleicht etwas mehr Streitlust bringen.

Anonyme Blogs haben auch noch einen anderen Vorteil: Sie bauen Berührungsängste ab. Es gibt viele Leute, die bei dem Gedanken öffentlich und googlebar im Internet aufzutreten, sehr skeptisch sind. Das können diffuse Ängste vor dem Medium sein, das können aber auch konkrete Gründe wie etwa Mobbingerfahrungen oder einfach Schüchternheit sein. Da kann es durchaus eine Lösung sein, zuerst einfach mal ohne Namensnennung loszubloggen.

Von daher: Keine Angst vor der Anonymität! Sie kann einige Vorteile haben, manche Probleme ersparen und beenden kann man sie jederzeit.

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5 Antworten zu Die Vorzüge der Anonymität

  1. Zurück hinter den Schleier des Nichtwissens: @MschFr denkt nach Anregung aus anonymem Blog über anonymes Bloggen nach http://t.co/CZSlMTdrkR

  2. Das sind auch die Gründe für *Ultrà Biblioteka* anonym zu bloggen: Die Vorzüge der Anonymität http://t.co/onlqdHg1em

  3. Pingback: Abmahnung für Klaus Graf in der Causa Schavan | Schmalenstroer.net

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