Nachrichtendienst für Historiker stellt seinen Betrieb ein

Das Leistungsschutzrecht setzt seinen Saubannerzug durch das deutsche Internet ungebremst fort: Der allseits beliebte und extrem praktische Nachrichtendienst für Historiker wird seinen Betrieb einstellen. Die Begründung:

Sehr geehrte Damen und Herren,

aufgrund des am 1. März 2013 in Kraft getretenen Leistungsschutzrecht für Presseverleger müssen wir den Betrieb des Nachrichtendienst für Historiker nach 17 Jahren vorerst einstellen.

Die unklare Lage bezüglich der Textlänge für Snippets (siehe auch:http://de.wikipedia.org/wiki/Leistungsschutzrecht_für_Presseverleger bei Wikipedia) zwingt uns zu diesem Schritt.

Ob und wie dieser Dienst weiter zur Verfügung gestellt werden kann, können wir erst nach den ersten klärenden Urteilen zur eher unsicheren Ausgestaltung des Gesetztes sagen.

Mit freundlichen Grüßen
Tobias Berg
(bergtobi@historiker.de)

Damit gibt es momentan keinen Dienst mehr, der aktuelle Zeitungsartikel zu historischen Themen und die Debatten über die Geschichte versammelt. Ich glaube, dass man nicht extra betonen muss, dass dies extrem tragisch ist und auch den Zugang zur Geschichte deutlich erschwert. Wer wissen wollte, über welche historischen Themen gerade in den Feuilletons diskutiert wurde oder auch nur interessanten Lesestoff suchte, konnte in den letzten Jahren auf den Nachrichtendienst zurückgreifen.

Das Fiese daran: Es handelt sich um eine klassische Lose-Lose-Situation. Die Seite wird den historischen Artikeln in den Zeitungen einiges an Traffic gebracht haben, gerade da sie so gebündelt vorhanden sind und kaum einer die Zeit hat, jeden Tag 12 oder 25 Nachrichtenseiten nach passenden Artikeln zu durchstöbern. Für so ein mit etwas Werbung finanziertes Projekt sind auch irgendwelche irgendwie geratenen Zahlungen zu viel, es wird entweder ein Zuschussgeschäft oder das finanzielle Risiko von Abmahnungen oder Zahlungsaufforderungen wird zu groß. Am Ende verlieren alle drei Seiten: Die Leser finden nicht mehr die übersichtliche tägliche Presseschau, die Seite muss ihren Betrieb einstellen und die Zeitungen bekommen weniger Leser. Das ist einfach großartig!

In anderen Nachrichten: Bundeskanzlerin Merkel warb auf der Cebit für eine „wirkliche Gründungskultur“ in Deutschland und Europa. Ihr zufolge gehe es auch darum, ein Klima zu fördern, in dem die Ansiedlung von Firmen nicht von Bürokratie behindert werde. Wenige Tage zuvor beschloss ihre Regierung eben dieses Leistungsschutzrecht, welches die Gründung von Firmen mit zusätzlicher Bürokratie und Kosten be- und verhindert.

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14 Responses to Nachrichtendienst für Historiker stellt seinen Betrieb ein

  1. RT @MschFr: Jammerschade – Historiker. de stellt aufgrund des #LSR seinen Betrieb ein http://t.co/uWu0qn9ZOu

  2. In Kraft getreten ist es noch nicht. Es muss noch durch den Bundesrat; es ist unklar, ob die EU ein Wörtchen mitzureden hat; der Bundespräsident muss es noch unterzeichnen und es muss im Bundesgesetzblatt verkündet werden – dann tritt das Gesetz mit einer Übergangszeit von 3 Monaten (momentan vorgesehen) in Kraft.

  3. Pingback: Leistungsschutzrechtsopfer (2): “Nachrichtendienst für Historiker” hört auf — neunetz.com

  4. RT @presseschauer: Nachrichtendienst für Historiker stellt seinen Betrieb ein #LSR http://t.co/SRYjJAym3o

  5. @Nordhues sagt:

    RT @MschFr: Jammerschade – Historiker. de stellt aufgrund des #LSR seinen Betrieb ein http://t.co/uWu0qn9ZOu

  6. Nachrichtendienst für Historiker stellt seinen Betrieb ein http://t.co/A7pkWAxFVW

  7. Pingback: Nachtwächter-Blah » Leistungsschutzrecht-Opfer des Tages: Der Nachri…

  8. Mag sein, dass es für die einzelnen Seiten erst einmal zu einem Traffic-Verlust kommt. Der Punkt ist der: Jetzt können die Verlage übernehmen. Dauert vielleicht ein zwei Jahre, dann haben die die lohnenden Angebote online, und die nicht lohnenden lassen sie eh weg. Verloren haben dann nur die Aggregatoren. Den Usern wird es egal sein.

    • Klaus Fries sagt:

      Hallo,

      ich denke sie sollten uns mal einen Vortrag über eine funktionierende Marktwirtschaft halten, das wird sicher interessant. Also ihrer Meinung nach muß der Gesetzgeber erst mal mit der Planierraupe das Gelände einebnen und dann kommt der Unternehmer und übernimmt von den Amateuren das Lohnende?

      Ich dachte immer die glorreiche Unternehmerkultur geht vorran und schafft erst einmal Angebote, aber so kann man sich irren.

      • … vielleicht kam falsch dabei rüber: Ich finde das keineswegs gut. Die Verlage werden hier künstlich gestärkt. Das finde ich falsch. Zumal nirgends geklärt ist, ab wann man ein Verlag im Sinne der Internets ist. Ein Verlag ist offline leicht zu definieren, aber online ist entweder jeder Blogger auch ein Verlag oder keiner.

        • Karl Siegemund sagt:

          Ein Verleger ist im Grunde jeder Unternehmer, der Rohmaterialien einkauft, Auftragsarbeiten nach außen gibt bzw. direkt beim Erzeuger einkauft und die Produkte dann unter eigenem Namen vertreibt — soweit die historische Definition.
          Bei Buchverlagen sind es die Autoren, die als Auftragnehmer bzw. Erzeuger ihre Werke verfassen, die dann der Verleger unter eigenem Label vertreibt. Ähnliches gilt für Presseverlage, wo es die Korrespondenten und freien Journalisten sind, deren Werke der Verleger im eigenen Presseerzeugnis veröffentlicht.

          Ein Blogger ist also zunächst erst einmal kein Verleger, denn er vertreibt eigene Werke. Dass diese Links zu externen Quellen enthalten, ist hier erstmal unerheblich, da die externe Quellen auch extern bleiben.

          Erst dann, wenn das Blog soweit gedeiht, dass andere Autoren ihm zuarbeiten, so wie es bei der Huffington Post der Fall ist, wird der Blogbetreiber zum Verleger.

          Und genau hier war der Punkt, an dem die Verleger ein eigenes Schutzrecht haben wollten: Sie sind nicht die Urheber der Werke, die sie vertreiben. Das, was die fremden Texte zum eigenen Produkt macht, die eigene Verlagsarbeit wie Redaktion und Lektorat, sind nicht durch das Urheberrecht geschützt. Ob dieser Schutz notwendig und sinnvoll ist, sei dahingestellt. Warum die Verleger ihn für wichtig erachten, ist aber klar.

          • Danke, eine schöne Erklärung. Da wir mittlerweile auf unserem Blog auch die Arbeit andere Journalisten veröffentlichen, sind wir also ab jetzt Verleger. Muss ich das irgendwo anmelden, damit in den Genuss des LSR komme?

          • Alerta! sagt:

            @Stephan Goldmann:
            Am besten einfach eine Mail an die FDP-Fraktion schicken, die sind nämlich dafür zuständig, den Markt überall gut zu finden und dann Verlegersozialismus durchzusetzen.

            Die durchforsten dann als Gegenleistung für eine stattliche Parteispende das Netz (die haben eh sonst nichts zu tun), die Sie zitieren und verklagen sie. Das Geld wird dann kollegial geteilt.

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