Serious Games

Eigentlich sollte dieser Beitrag nur ein Kommentar zu dem Beitrag über Serious Games auf dem generell lesenswerten Blog „Das Eisparadies“ werden, wurde dann aber etwas länger. Was sind also Serious Games? Spiele, die neben dem Spiel noch etwas nützliches vermitteln sollen. Die Idee ist bestechend – warum sollten Zocker, die stundenlang vor ihrem Rechner sitzen, dabei nicht auch etwas sinnvolles lernen? Spieler können alle Pokemons aus dem Stegreif aufzählen, benutzen für den Uneingeweihten völlig unverständliche Geheimsprachen, analysieren die Skilltrees von Rollenspielen bis ins Detail oder vollbringen in Speedruns die unglaublichsten Dinge. Warum sollte man also nicht die Spiele mit etwas lehrreichem spicken und so im Nebenbei den Spielern etwas beibringen? Spielerisches Lernen liegt momentan im Trend.

Aber was kommt eigentlich am Ende dabei herum? Nehmen wir das wohl am häufigsten genannte Beispiel eines Computerspieles, bei dem man nebenbei was lernen kann: Sid Meiers Civilization, mittlerweile in Version 5 vorliegend. In dem rundenbasierenden Strategiespiel begleitet man eine Zivilisation von den frühen Anfängen bis zum erfolgreichen Weltraumprojekt. Man gründet neue Städte, führt Kriege, treibt Handel, erforscht neue Technologien und am Ende ist es 4 Uhr nachts. Dieses Spiel gilt als eines der wohl bekanntesten und erfolgreichsten Serious Games. Aber ist es wirklich so lehrreich? Und was lernt man?

Zum einen enthält das Spiel erstaunlich viel historischen Unfug. So führte etwa ein Programmierfehler dazu, dass der indische Anführer Gandhi zum atomwaffenschmeißenden Kriegstreiber wurde. Das wurde als Easter Egg auch in die Nachfolger übernommen. Ebenfalls schon legendär sind Kämpfe, in denen irgendwelche mittelalterlichen Ritter moderne Kampfpanzer besiegen.

Dramatischer ist allerdings das vermittelte Geschichtsbild, welches extrem eurozentrisch ist. Bestes Beispiel ist hier der Technologiebaum: Er erlaubt zwar gewisse Abzweigungen, erfordert aber trotzdem das Erforschen sämtlicher Technologien, um ins nächste Zeitalter vorzudringen. Eine Hochkultur ohne Schrift oder eine moderne Nation ohne Dampfmaschinen sind so nicht möglich. Auch die vorgegebene Struktur der Zeitalter ist die europäische – dabei macht es natürlich recht wenig Sinn, dass die Chinesen plötzlich das Zeitalter „Klassik“ oder „Renaissance“ erreichen.

Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass es sich um ein Computerspiel handelt. Verschiedene Technologiebäume oder Entwicklungsstufen wären aus der Sicht des Historikers sinnvoll, aber für den Spieler vollkommen verwirrend. Die Einstiegsbarriere ist bereits jetzt recht hoch. Taucht dann plötzlich zusätzlich statt „Schrift“ Quipu auf, wird der arme Spieler auf keinen grünen Zweig kommen. Die Spielbarkeit erfordert hier Vereinfachungen. Das bedeutet allerdings auch, dass Spiele wie Civilization als Lernprogramm nicht sonderlich gut geeignet sind. Es kann etwas Halbwissen hängen bleiben, das Spiel ist aber zum Erlernen von Geschichtswissen denklich ungeeignet. Umso tragischer ist es, wenn diverse Leute im Internet schreiben, dass sie viel aus dem Spiel gelernt haben.

Auch andere Serious Games haben das Problem, dass ihre Inhalte nicht überzeugen. So wird etwa Sim City gerne herangezogen, um irgendwie Stadtplanung zu vermitteln. Das Problem? Das stadtplanerische Konzept ist auch in der neusten Version immer noch in den 1950ern steckengeblieben und uramerikanisch – Transport per Auto, klar in Wohn-, Geschäfts- und Industriegebiete getrennte Städte und fehlende Integration des öffentlichen Personennahverkehrs. So stellt sich die Frage, was Spieler des Spiels lernen – moderne, lebenswerte Städte nach europäischem Vorbild mit lebendigen Innenstädten, die sowohl Wohn-, Geschäfts- und Freizeitfunktionen übernehmen und weitgehend autofrei sind, lassen sich nicht umsetzen.

Ähnliches ließe sich für viele andere in diesem Zusammenhang gerne zitierten Spiele sagen: Die mittelalterliche Welt von Medieval: Total War oder Age of Empires II macht Spaß und ich freue mich schon auf die Neuauflage von AoE II, wer allerdings wirklich etwas über das Mittelalter lernen will, ist mit einem Buch besser beraten.

Das soll nicht bedeuten, dass Spiele mit historischen Themen schlecht wären. Civilization V ist ein großartiges Spiel, in das ich schon so manche Stunde versenkt habe und ich werde definitiv noch einige andere Zivilisationen erobern. Man sollte sich nur nicht der Illusion hingeben, dass man dabei nebenbei etwas über die Geschichte lernen könne. Andere Dinge lassen sich natürlich in Spielen lernen, wie etwa Stephen B. Johnson in „Everything bad is good for you“ schön herausgearbeitet hat. Nur sollte man es sich nicht so einfach machen und denken, dass es ein sinnvolles pädagogisches Konzept sei, statt Pokémons plötzlich mittelalterliche Kaiser oder griechische Philosophen zu verwenden.

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3 Kommentare zu Serious Games

  1. Peter Marteau sagt:

    Wer sagt eigentlich, daß das die genannten, kommerziellen Unterhaltungsprodukte „serious games“ seien? Die Entwickler, die Marketingstrategen oder nur die Forschung, die meint, daß man in solchen Spielen auch etwas lernen sollte und müsste?

  2. @tazgezwitscher und vermittelt ein uramerikanisches Verkehrskonzept „autogerechte Gesellschaft“ usw. http://t.co/S53EY4bq12 cc @SilkeGebel

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