Ende einer Ära – Indien stellt die Telegraphie ein

Das Rieplsche Gesetz besagt, dass kein neues Medium hat bisher ein altes ersetzt hat.

„Trotz aller solchen Wandlungen ist indessen festzustellen, daß neben den höchstentwickelten Mitteln, Methoden und Formen des Nachrichtenverkehrs in den Kulturstaaten auch die einfachsten Urformen bei verschiedenen Naturvölkern noch heute im Gebrauch sind […]. Andererseits ergibt sich gewissermaßen als Grundsatz der Entwicklung des Nachrichtenwesens, daß die einfachsten Mittel, Formen und Methoden, wenn sie nur einmal eingebürgert und brauchbar befunden worden sind, auch von den vollkommensten und höchst entwickelten niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt und außer Gebrauch gesetzt werden können, sondern sich neben diesen erhalten, nur daß sie genötigt werden können, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen.“

Wolfgang Riepl

Dieses mittlerweile 100 Jahre alte „Gesetz“ wird in den momentanen Debatten über die Zukunft von Printmedien und Zeitungen gerne zitiert. Doch so einfach ist es nicht: Medien verändern im Laufe des technischen Wandels nicht nur ihre Aufgaben und Verwertungsgebiete, sondern ein Medium kann auch komplett verschwinden. Bestes Beispiel? Die Telegraphie. Heute endet in Indien ihre 163jährige Geschichte. Im Jahr 1850 wurde die britische Kronkolonie an das weltweite Telegraphennetz angeschlossen und so die Kommunikation nach Europa revolutioniert. Statt mehrerer Monate per Schiff dauerte die Übertragung einer Nachricht plötzlich nur noch wenige Minuten. Indien rückte näher ins Empire. George Orwell fasste später die Auswirkungen dieser ersten globalen Vernetzung treffend zusammen:

„The thing that had killed them was the telegraph. In a narrowing world, more and more governed from Whitehall, there was every year less room for individual initiative. Men like Clive, Nelson, Nicholson, Gordon would find no place for themselves in the modern British empire. By 1920 nearly every inch of the colonial empie was in the grip of Whitehall. Well-meaning, overcivilised men, in dark suits and black felt hats, with neatly rolled umbrellas crooked over the left forearm, were imposing their constipated view of life on Malaya and Nigeria, Mombasa and Mandalay. The one time empire-builders were reduced to the status of clerks, buried deeper and deeper under mounds of paper and red tape.“

George Orwell

Die Telegraphie sorgte aber nicht nur für eine effektivere Verwaltung und globale Kommunikation: In einem Land, in dem der Brieftransport häufig unzuverlässig und langsam war und Telefone immer noch nicht flächendeckend verbreitet sind, dienten Telegramme als schnelles Kommunikationsmittel für wichtige Nachrichten. Damit ist jetzt Schluss: E-Mail, Handys und SMS haben der alten Telegraphie den Garaus gemacht. Sie ist nicht mehr profitabel und daher wurde heute letzte indische Telegramm verschickt und der Telegraphieservice geschlossen. Damit endet nicht nur eine Ära, sondern das Medium verschwindet komplett aus dem Land.

Ganz vorbei ist die Geschichte der Telegraphie allerdings noch nicht: In Deutschland bietet die Post immer noch Telegramme an. Wer will, kann ab 15,20€ bis zu 10 Wörter verschicken, die am Folgetag persönlich vom Briefträger übergeben werden. Wer kommunikationsfreudiger ist, bekommt für 18,35€ insgesamt 30 Wörter und darf für je 10 weitere Wörter dann jeweils 5,25€ zahlen. Dazu kommt ein Zuschlag von 10,50€ für die Zustellung an Sonn- und Feiertagen. Schnäppchenjäger sollten nach Österreich fahren: Dort kostet ein Inlandstelegramm 7,95€ und selbst ein Auslandstelegramm ist mit 14,75€ günstiger als der Dienst der deutschen Post. Demnächst solltet ihr also dringend überlegen, ob ihr aus dem Ausland wegen der horrenden Roaminggebühren nicht lieber ein Telegramm statt einer Mail verschickt und gleichzeitig Herrn Riepls Gesetz bestätigt.

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