Unter dem Teppich der HRK

Den Anfang machte Karl Theodor zu Guttenberg – die Dissertation des damaligen Verteidigungsministers löste eine intensive Beschäftigung mit Plagiaten in der Wissenschaft aus. In der Folgezeit wurden diverse weitere Plagiatoren entlarvt – darunter auch die amtierende Bundesbildungsministerin höchstpersönlich. Es ist aufgefallen, dass irgendwo irgendwas falsch läuft. Zum Glück hat die Hochschulrektorenkonferenz jetzt endlich gehandelt und beschlossen, das Problem an der Wurzel zu packen: Das öffentliche Anprangern von Plagiaten soll demnach als wissenschaftliches Fehlverhalten gebrandmarkt werden.

Ja, richtig gelesen. Die offizielle Reaktion der HRK auf die Plagiate ist es, das öffentliche Anprangern von Plagiaten zu untersagen.

Habt ihr das verdaut? Ich hoffe, dass ihr euch jetzt euren Vorderschädel nicht zu stark beim heftigen Auf-die-Tischplatte-Hauen verletzt habt oder euch beim In-die-Tischplatte-Beißen nicht zu viele Splitter ins Zahnfleisch gehauen habt.

Laut Aussage der HRK soll der Sinn hinter dieser Aktion sein, dass falsche Verdächtigungen nicht zu einer Vorverurteilung der Person führen. Man stelle sich nur mal vor, dass Frau Schavan nicht plagiiert habe. Die arme Dame wäre dann völlig unschuldig durch ein mediales Fegefeuer gegangen. Statt die Vorwürfe öffentlich zu äußern hätte der bis heute anonyme Autor von Schavanplag sich an den Ombudsmann der Universität Düsseldorf wenden sollen und dieses Plagiat anzeigen.

Es soll in Zukunft also anders laufen als in den bekannten Fällen: Dort wurde der Plagiatsverdacht zuerst öffentlich geäußert und dann erst von den entsprechenden Gremien der Universitäten behandelt. Der Begriff Plagiatsverdacht lenkt hier übrigens ab: Es handelt sich ja nicht um irgendwelche aus der Luft gegriffenen Vorwürfe, sondern um genau dokumentierte Plagiate. Es handelt sich in all diesen Fällen nicht um unbegründete Vorwürfe, die bekannten Balkengrafiken sprechen eine ganz klare Sprache.

Und wo ist jetzt das Problem am Vorschlag der HRK? Ist es nicht eigentlich egal, wie ein Übeltäter entlarvt wird? Wäre der Knalleffekt nicht viel größer, wenn aus heiterem Himmel die Universität Düsseldorf der Bildungsministerin den Doktortitel aberkennt? Zuerst einmal greift dieser Vorschlag in die Wissenschaftsfreiheit ein. Stoße ich beim Sichten der Literatur auf wissenschaftliches Fehlverhalten (Plagiat, Datenfälschung etc.), dann gehört es zum wissenschaftlich korrekten Verhalten, dass ich dies in meiner Bewertung der Literatur erwähne. Verschweige ich dies, ist es ebenfalls wissenschaftliches Fehlverhalten. Jetzt könnte ich mich natürlich an den entsprechenden Ombudsmann wenden und den Fall klären lassen und mit meiner Veröffentlichung warten. Dies würde aber mir direkt schaden – das Stipendium läuft aus, as Bafög-Amt fragt, warum ich meinen Abschluss nicht mache, der Abschluss verzögert sich bis der Plagiatsvorwurf geklärt ist und die Karriere gerät ins Stocken. Gleichzeitig sind weder die Person noch die Umstände des Aufdeckens von Belang. In den Fällen Guttenberg und Schavan gab es Versuche, die Vorwürfe als gezielte Schmutzkampagne des politischen Gegners darzustellen. Dabei würde es auch nichts am tatsächlichen Fehlverhalten ändern, wenn Peer Steinbrück auf einer Wahlkampfveranstaltung hämisch grinsend Plagiate in Angela Merkels Doktorarbeit aufdecken würde. Das Fehlverhalten liegt immer bei der Person, die es begeht.

Der andere Punkt ist, dass eigentlich kaum einer den entsprechenden Unigremien traut. In den letzten Jahren haben einige Unis selbst bei ganz klaren Fällen sehr merkwürdige Entscheidungen getroffen. Das ist sehr verständlich – ohne öffentlichen Druck ist es etwa schwierig, sich wie die Uni Düsseldorf gegen die Bundesbildungsministerin und diverse Wissenschaftsorganisationen zu stellen. Schon alleine der Ansehensverlust, den etwa die Uni Bayreuth im Fall KTzG erlitten hat, führt dazu, solche Fälle lieber im stillen Kämmerlein ohne großes Aufheben zu erledigen.

Kurz: Die HRK will ein erstaunlich gut funktionierendes System gegen ein klandestines, weniger gutes System ersetzen. Die bekannten Plagiate-Wikis werden damit automatisch zum wissenschaftlichen Fehlverhalten, da sie ja grundsätzlich öffentlich sind. Wer das nicht in Ordnung findet, darf gerne diese Petition mitzeichnen. Und wissenschaftliches Fehlverhalten auch zukünftig öffentlich machen.

Weiterführende Links, die ich dreist von Erbloggtes plagiiert habe:

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2 Responses to Unter dem Teppich der HRK

  1. Noch mehr Links unter

    http://redaktionsblog.hypotheses.org

    (Ich versuche das, so gut es geht, aktuell zu halten). Danke für die Unterstützung!

  2. Pingback: Ins Netz gegangen (6.7.) | "Nächstens mehr."

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