Wenn du nichts für einen Dienst zahlst, bist du das Produkt, das verkauft wird…

„If you are not paying for it, you’re not the customer; you’re the product being sold.“, so lautet die alte Binsenweisheit. Die Kunden, welche Gratisdienste im Internet nutzen, verkaufen demnach ihre Daten im Tausch gegen kostenlose Dienste. Und daher ist diese ganze Internetökonomie, die auf dem Verkauf von Daten und Werbung basiert, auch völlig akzeptabel. Die Kunden wollen ja überwacht werden und lieber mit ihren Daten zahlen als mit harten Dollarn oder Euro. So schallt es momentan aus allen Ecken, gerne auch als Reaktion auf die momentan auffliegende massive staatliche Überwachung. Aber stimmt das wirklich?

Zum einen verschiebt dieses Argument die Schuld an der momentanen Misere. Nicht mehr die unethischen Anbieter, welche irgendwelchen Schindluder mit den Daten treiben, sind Schuld, sondern der Kunde selbst. Genau wie jeder Kik-Kunde angeblich ein Menschenfeind ist, der völlig selbstverständlich Tote in Thailand in Kauf nimmt (und eben nicht der Händler oder Produzent selbst), will der moderne Internetsurfer es ja gar nicht anders. Er lebt seine exhibitionistischen Neigungen bei Facebook aus und twittert, wann er aufs Klo geht und muss sich daher nicht wundern, wenn er nach Strich und Faden verkauft wird. Er könnte ja was zahlen, ist aber lieber das Produkt!

Doch so ist es nicht: Es fehlen vor allem die Alternativen und auch zahlende Kunden werden fleißig von den Internetanbietern ausspioniert. Bestes Beispiel ist der Versandhandel, allen voran Marktführer Amazon. Wer bei Amazon bestellt, kann nicht einfach „mit seinen Daten“ für einen Gratisservice bezahlen. Schön wär’s, aber trotzdem erfasst der Versandhändler umfangreich die Daten seiner Kunden. Was sie anklicken, was sie kaufen, was Kunden, die bestimmte Produkte gekauft haben, auch gekauft haben, welche Interessensgebiete der Nutzer hat und so weiter. Besitzer des eBook-Readers Kindle werden noch ausführlicher ausspioniert:

The major new players in e-book publishing—Amazon, Apple and Google—can easily track how far readers are getting in books, how long they spend reading them and which search terms they use to find books. Book apps for tablets like the iPad, Kindle Fire and Nook record how many times readers open the app and how much time they spend reading. Retailers and some publishers are beginning to sift through the data, gaining unprecedented insight into how people engage with books.

Wohlgemerkt: Das alles sind Daten von zahlenden Kunden und Amazon ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Android- oder Apple-Smartphones sind extrem teuer und kosten mehrere hundert Euro, trotzdem bleiben deren Käufer nicht von umfangeicher Spionage verschont. So bedienen sich beide Firmen etwa fleißig bei den Positionsdaten der Kunden und nutzen dessen Profil, um Werbung anzuzeigen. Auf einem Gerät, welches mehrere hundert Euro kostet. Der US-Supermarkt Target rühmt sich damit, dass er mit seinen Kundenkarten vorhersagen kann, ob eine Kundin gerade schwanger ist und diese dann gezielt mit passenden Coupons umwerben kann. Andere Kundenkarten wie etwa „Payback“ sind zwar freiwillig, existieren aber ebenfalls nur, um auch den zahlenden Offline-Kunden gläsern zu machen.

Auch der Preis der Produkte schützt nicht vor derartiger Spionage. So sicherte sich der amerikanische Autobauer General Motors in einem Update seiner Nutzungsbestimmungen für den Boardcomputer seiner Fahrzeuge mal eben “for any purpose, at any time”. Wohlgemerkt, bei einem Auto, das mehrere Tausend Dollar kostet. Auch wenn wer für ein Produkt zahlt, ist häufig trotzdem nur ein weiteres Produkt, das verkauft wird.

Am Beispiel Google lässt sich auch wunderbar aufzeigen, dass die Alternativen fehlen.  Hier gibt es schlicht und einfach keine Premium-Services für Privatkunden, die Geld kosten und in denen keine Datenspionage enthalten ist. Ein Gmail, das auf das Scannen der Mailinhalte verzichtet und diese aufgrund des anderen Geschäftsmodells verschlüsselt? Dafür zahle ich. Auch eine Suchmaschine, die nicht standardmäßig jeden Suchbegriff speichert, wäre mir Geld wert. Auch für einen kostenpflichtiges Opt-out aus den Google-Werbungen oder ungestörten Videogenuß auf YouTube. Ich würde auch Twitter durchaus Geld überweisen, wenn diese dafür ihre API wieder für Fremdanbieter umfangreich öffnen würden. Einige Dienste verfolgen dieses Geschäftsmodell schon. Der Bookmarking-Dienst Pinboard etwa verlangt eine einmalige Anmeldegebühr von momentan ca. $10, dafür wird man von den Unahnnehmlichkeiten der üblichen Geschäftsmodelle verschont. Das Ergebnis ist ein entspannter Dienst, der nicht mit Werbung nervt und einem keine Social-Funktionen aufdrückt. Instapaper bietet Werbefreiheit und API-Zugriff für $1 pro Monat an. In weiten Teilen des Internets wird dieses Geschäftsmodell aber schlicht und einfach nicht praktiziert und daher fehlen die Alternativen. Der mündige Bürger hat dann die Wahl zwischen Smartphone oder kein Smartphone, Suchmaschine oder keine Suchmaschine, Werbeeinblendung oder Adblock.

So eingänglich der Satz „Wenn du nichts für ein Produkt zahlst, bist du das Produkt“ auch klingt, er verschiebt daher die Verantwortung fälschlicherweise auf den Kunden – er selbst sei Schuld an der umfangreichen Datenspeicherung, da er zu geizig sei, für ein gutes Produkt auch gutes Geld zu bezahlen und den Anbietern daher nur die Vermarktung seiner Daten als Geschäftsmodell lässt. Dabei verhindert, wie der Fall Amazon deutlich zeigt, auch Geld keine Profilbildung. Solange Daten etwas wert sind, werden Firmen versuchen, diese auch zu Geld zu machen. Egal, ob man zahlt oder nicht.

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2 Responses to Wenn du nichts für einen Dienst zahlst, bist du das Produkt, das verkauft wird…

  1. @web_con sagt:

    Wenn du nichts für einen #Dienst #zahlst, bist du das #Produkt, das #verkauft wird… http://t.co/hrzCbpXqbM

  2. Pingback: Windows 10 – eine Katastrophe für die Privatsphäre

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