Der Long Tail der Wissenschaft oder Wissenschaft für den Papierkorb

Eines der Argumente, die immer gegen eine Digitalisierung der Geschichtswissenschaften und v.a. ihrer Publikationsstrukturen angebracht wird, ist, dass digital publizierte Texte ja nicht permanent seien. Nur die Materialität des gedruckten Buches könne das Wissen auch in Zukunft zuverlässig zugänglich machen. Entsprechend kritisch wird digitales Publizieren gesehen. Lassen wir an dieser Stelle einfach mal apokalyptische Szenarien außen vor, in denen sämtliche Technik den Geist aufgibt wie es etwa in postapokalyptischen Filmen wie Mad Max oder zelebriert wird. Im Zweifelsfall ist dann die Dissertaton über ottonische Ritualpraxis im besonderen Bezug auf die Kaiserkrönungen doch nicht mehr so wichtig. Im Prinzip ist digitales Publizieren auf den Servern von Bibliotheken genauso zukunftssicher wie gedruckte Publikationen. Klaus Graf verweist auch auf die Tatsache, dass gedruckte Bücher im digitalen Zeitalter nicht unbedingt von hoher Qualität sein müssen.

Das wirklich erstaunliche ist hingegen, dass die Geschichtswissenschaft parallel dazu unglaublich viel Arbeit für den Papierkorb produziert. In diesem Moment sitzen unzählige Studierende in muffigen Bibliotheken und wälzen tonnenweise Bücher. Nicht jede Hausarbeit ist eine Meisterleistung, aber häufig werden in Hausarbeiten interessante neue Aspekte untersucht oder gar neue Fragestellungen in Angriff genommen. Und auch bei den Forschungsmethoden sind Studierende zum Teil extrem gut. Diese Arbeiten werden dann pünktlich zum Abgabetermin ausgedruckt, dem Prof überreicht und verschwinden dann in den Tiefen der Festplatten.

Noch dramatischer ist die Situation bei Abschlussarbeiten: Da stecken praktisch fertige Historiker ihre Expertise in erstaunlich innovative Forschungen. Wie auch bei den Hausarbeiten ist nicht alles gut, aber auch hier vieles extrem gut. Da werden zahlreiche Archive besucht, Zeitzeugen befragt, alte Microfiches gelesen oder Bücher aus den Kellern der UB hervorgeholt, die seit 1924 keiner mehr ausgeliehen hat. Eine Abschlussarbeit verlangt monatelange, intensive Arbeit – und wird dann in den meisten Fällen von den beiden Korrektoren gelesen. Einige Unis archivieren diese Arbeiten immerhin oder verlangen digitale Kopien für das Uniarchiv.

(An dieser Stelle wäre es interessant, das mal zu Sammeln: Welche Unis sammeln digitale Abschlussarbeiten? Eine kurze Suche zeigt, das einige Universitäten bereits digitale Kopien für das Uniarchiv verlangen, diese meistens aber nicht online zur Verfügung stellen. Die Uni Freiburg verlangt hingegen keine digitale Kopie)

Nicht jeder wird aus seiner Abschlussarbeit eine weiterführende Dissertation oder ein Buchprojekt machen. Ein großer Teil der Historiker verlässt nach dem Abschluss des Studiums die Universität und wird Lehrer, geht in Museen, Archive, Stiftungen oder die freie Wirtschaft. Alternativ wird er Taxifahrer.

Ähnliches gilt auch für diverse andere Forschung – interessante Artikel, die nicht in einer Zeitschrift oder einem Sammelband untergebracht werden konnten. Die Forschungsidee, die zwar interessant erschien, aber dann doch nicht so belastbar war, dass man daraus eine wirkliche Publikation machen könnte. Hier gibt es einen erstaunlichen Zwiespalt: Während die einen sich beklagen, dass digitale Daten ja verschwinden könnten, verschwinden jedes Semester tausende interessante Arbeiten im Papierkorb. Digitales Publizieren könnte sie zugänglich machen.

An dieser Stelle eine kleine Einschränkung: Nicht jede Hausarbeit ist veröffentlichungswürdig, viele sind sogar erstaunlich schlecht. Das Studium ist und bleibt ein Lernprozess und ich wäre auch nicht sehr begeistert, wenn jeder meine Hausarbeit aus dem ersten Semester lesen könnte, die ich damals mit deutlich weniger Erfahrung und unter enormem Zeitdruck geschrieben habe. Matthias Röhr (von dem ich meine Überschrift dreist plagiiert habe) regt daher eine Möglichkeit zur Nachbesserung nach bestandener Prüfung an:

Zu der Veröffentlichung von Masterarbeiten: Ich würde eine (e-)Publikation bereits bei Seminararbeiten von Masterstudierenden fordern, ganz einfach, damit man sich ein wenig an das Gefühl der Öffentlichkeit gewöhnen kann und begreift, dass Wissenschaft ein Geben und Nehmen ist. Gerne kann die Arbeit auch nach der Begutachtung überarbeitet werden, was zählt, ist doch letztlich der Beitrag, der die Arbeit zum wissenschaftlichen Diskurs beisteuert (und sei der auch noch so gering).

Die Infrastruktur dafür sollte problemlos auf die Beine zu stellen sein – die meisten Universitätsbibliotheken besitzen bereits eigene Schriftenserver und auch der Personalaufwand für das Einstellen der Arbeiten ist begrenzt. Was fehlt, ist der Wille.

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4 Antworten zu Der Long Tail der Wissenschaft oder Wissenschaft für den Papierkorb

  1. Der Long Tail der Wissenschaft oder Wissenschaft für den Papierkorb http://t.co/NpBo0uLNnP

  2. RT @MschFr: Gebloggt: Der Long Tail der Wissenschaft oder Wissenschaft für den Papierkorb http://t.co/Xs6Kk9IjrV

  3. Erbloggtes sagt:

    Gute Idee, Studierende an das Gefühl der Öffentlichkeit zu gewöhnen!
    Der Imperativ der Wissenschaftlichkeit lautet:
    Schreibe nicht so, als ob es niemand liest, sondern so, als ob alle es für immer lesen können!
    Wenn man im Studium Wissenschaft lernen soll, dann geht das doch wohl nur, indem man Wissenschaft betreibt. Und dazu gehört eben auch das Publizieren.

    Es gibt heute schon – freiwillige – Projekte zur Publikation von Seminararbeiten, zum Beispiel „aventinus“: http://www.aventinus-online.de/service/ueber-uns/

    Doch generell sehe ich in der Geschichtswissenschaft einer solchen Entwicklung schwer widerstreitende Mentalitätsbestände.

  4. @texttheater sagt:

    RT @MschFr: Gebloggt: Der Long Tail der Wissenschaft oder Wissenschaft für den Papierkorb http://t.co/Xs6Kk9IjrV

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