Wie Medien mit Demoskopie Politik machen

Dieser Beitrag ist etwas politischer als sonst, aber ich habe mich etwas aufgeregt. Vor der Bundestagswahl gibt es auch eine U18-Wahl, in der die noch nicht stimmberechtigten Jugendlichen schon einmal Demokratie simulieren dürfen und eine eigene Abstimmung durchführen. Das ist interessant, weil hier einiger Aufwand betrieben wird. Die Aktion wird v.a. in Schulen durchgeführt und hat einige Resonanz – in über 1500 Wahllokalen gingen diesmal immerhin 156.168 Jugendliche zur Wahl. Bei ca. 15 Millionen Jugendlichen ist das zwar eine recht miserable Wahlbeteiligung, aber es geht ja auch um nichts.

Es ist faszinierend zu sehen, wie mit Umfragen in den Medien dabei Stimmung gemacht wird. So brachte der Spiegel am Donnerstag einen Tag vor der Wahl einen Artikel, in dem er sich auf eine Umfrage von Infratest Dimap bezog.

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Die ursprüngliche Überschrift lautete bis sie klammheimlich geändert wurde „Deutschlands Jugend ist konservativ!“. Diese Interpretation ist doch etwas gewagt: 36% für die Union sind zwar einiges und sie ist die stärkste Partei. Aber jeder, der im Matheunterricht etwas aufgepasst hat, weiß, dass damit 64% der Jugendlichen laut Umfrage eben nicht die Union gewählt haben. SPD, Grüne, Piraten und Linkspartei teilen sich diese zwei Drittel der Stimmen. So konservativ ist die Jugend daher dann doch wieder nicht, es zeigt sich eher, dass die Union stark von der Vielzahl der Parteien im linken Lager profitiert, welche sich gegenseitig Wählerstimmen abjagen.

Viel interessanter als die merkwürdige Interpretation des Spiegels ist allerdings, dass Infratest mit seiner Umfrage ganz gewaltig daneben lag. Ich habe die Zahlen einmal mit den offiziellen Wahlergebnissen verglichen, an erster Stelle das offizielle Wahlergebnis, an zweiter Stelle die Umfrageergebnisse:

CDU/CSU 27,4% / 36%

SPD 20,3 % / 24%

Grüne 17,5% / 18%

Piraten 12,3% / 9%

Linke 7,8% / 4%

FDP 4,6% / 3%

Die Abweichungen sind enorm. Die Union ist deutlich überrepräsentiert. 8,6% Abweichung von der Umfrage sind ein Fiasko für jeden Demographen. Auch die SPD und die Grünen verlieren. Auffällig ist daher auch, dass die kleinen Parteien massiv gewinnen. Die Piraten gewinnen 3,3%, die Linkspartei 3,8% und die FDP immerhin 1,6%.

Woran liegt das? Zum einen untersuchte Infratest nur 500 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren, abstimmen durften allerdings auch jüngere. Eine Erklärung für die massiven Abweichungen bietet das allerdings nicht, da ein Großteil der Wähler in diese Altersklasse fällt:

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Abgesehen von Playmobil-Schiffen und Johnny Depp-Filmen gibt es auch wenig Gründe, warum die Piraten bei unter 14jährigen deutlich populärer sein sollten als bei den etwas Älteren. Wahrscheinlicher ist ein Problem bei der Umfragemethodik. Infratest verwendet laut seiner eigenen Webseite vor allem Telefonerhebungen. Die Eigenwerbung:

Wirtschaftlich und hilfreich
Telefonbefragungen sind nicht nur kostengünstig, sondern auch ein besonders hilfreiches Instrument der Wahl- und Politikforschung. In Deutschland verfügt fast jeder Haushalt bzw. Bürger (> 95 Prozent) über ein Telefon, so dass die Möglichkeit besteht, praktisch alle Bürger über einen Telefonanruf zu befragen.

Qualitätsmerkmale
Bei einem computergestützten Telefoninterview lesen unsere Mitarbeiter die Fragen von einem Bildschirm ab und geben die Antworten der Gesprächspartner unmittelbar in vorbereitete Masken ein. Dies ermöglicht eine sinnvolle und fehlerfreie Führung durch den Fragebogen. Gleichzeitig kann der Computer prüfen, ob die verschiedenen Angaben einer Person zueinander passen oder nicht. Signalisiert der Rechner Unstimmigkeiten, können unsere Mitarbeiter noch während des Interviews nachfragen und bei Missverständnissen die Angaben korrigieren, spätere Nachfragen sind nicht nötig. Diese Art der Qualitätssicherung ist ohne Computereinsatz kaum denkbar.

Dabei werden im Gegensatz zu anderen Umfrageinstituten auch Mobilfunknummern angerufen. Die wirklich interessante Frage ist, ob man mit Telefonumfragen wirklich die jugendliche Zielgruppe erreichen kann. Oder überhaupt irgendeine Zielgruppe – es benötigt einen speziellen Typen Mensch, der trotz aller Spamanrufe fleißig Rede und Antwort steht.

Interessant ist auch, was diverse Medien aus den offiziellen U18-Wahlergebnissen machen. Der WDR titelt „Jugend würde Union wählen„, verschweigt aber, dass selbst eine große Koalition nur wegen der 5%-Hürde eine hauchdünne Mehrheit hätte. In eine ähnliche Kerbe schlagen weitere Medien. In anderen Medien sind die Wahlergebnisse bislang nicht aufgetaucht – der Spiegel berichtete groß über die Umfrage, brachte bis heute Abend allerdings noch keinen Artikel zu den wirklichen Ergebnissen. Angesichts von wichtigen Beiträgen wie „Merkels Frisur hält 14 Stunden“ ist das … bemerkenswert. Ich fühle mich an dieser Stelle dann doch etwas falsch informiert, wenn groß über eine Umfrage berichtet wird, das wirkliche Ergebnis allerdings nicht in der Berichterstattung auftaucht.

Das wäre jetzt alles nicht weiter wichtig – wenn nicht die Umfrageergebnisse und die Berichterstattung darüber direkt das Wahlergebnis beeinflussen würden. Wir müssen nicht auf Noelle-Neumanns Theorie von der Schweigespirale zurückgreifen, um den Effekt zu bemerken: Gerade bei Parteien im Bereich der 5%-Hürde stellt sich die Frage, ob eine Stimme für sie nicht eine verschwendete Stimme ist. Wenn ich die Ideale der Piraten und der Grünen teile, wähle ich dann sicher Grün in den Bundestag oder riskiere ich die Wahl der Piraten, auch wenn diese gerade bei 3% liegen? Laut aktuellen Umfragen entfallen immerhin 10% (!) der Wählerstimmen auf Parteien unter 5%. Wie wähle ich richtig, um meine Interessen in den Bundestag zu bekommen? Setze ich auf die kleine Partei? Oder gebe ich der FDP massiv Leihstimmen wie es in Schleswig-Holstein passiert ist?

Das macht dieses Desaster bei der Umfrage zur Jugendwahl und diese Umfragefixiertheit aller Nachrichtenseiten so interessant, denn es gibt kaum einen Grund, warum entsprechende Probleme bei Umfragen nur bei Jugendlichen auftreten sollten. Und selbst wenn sie nur bei jungen Menschen auftreten – Parteien wie die Piraten mit überwiegend jungen Wählern wären doch davon betroffen. Die Ergebnisse der Demoskopie stimmen häufig mit den Wahlergebnissen überein – häufig greifen sie aber auch richtig tief ins Klo. Das Bild von Harry S. Truman, welcher mit einem enormen Grinsen eine Zeitung in die Kameras hält, welche den Sieg seines Konkurrenten aufgrund eines Gallup-Polls verkündete, ist mittlerweile legendär. Der Datenjournalist hat die Abweichungen der Umfrageinstitute bei den Bundestagswahlen analysiert und kommt zu interessanten Ergebnissen:

abweichung

So genau, wie die Demoskopie gerne tut, ist sie dann eben doch nicht. Sie ist ein Weg, um mit statistischen Mitteln die Stimmung innerhalb der Bevölkerung grob zu erfassen. Und dessen sollte man sich auch bewusst sein und nicht, wie es leider gerade zu viele Nachrichtenseiten und Zeitungen machen, immer fleißig den neusten Umfrageergebnissen hinterher hecheln. Statt jede Änderung im Prozentbereich irgendwie zu kommentieren, erwarte ich eine Berichterstattung über die Inhalte der Wahlprogramme, die Realisierbarkeit der Wahlversprechen und die Erfolge oder Misserfolge der jeweiligen Politik. Statt zu berichten, ob Steinbrück jetzt in der Beliebtheit hinter Angela Merkel zurückliegt, erwarte ich eigentlich eine Analyse der jeweiligen Wahlprogramme. Ich erwarte, dass Journalisten wissen, dass Wahlumfragen die Wahl beeinflussen und entsprechend berichten. Und eigentlich könnte man erwarten, dass bei sämtlichen Umfrageergebnissen angegeben wird, dass ein größerer Teil der Wähler immer noch unentschlossen ist. Oder um es etwas anders zu formulieren: Der Historiker in mir verlangt wenigstens rudimentäre Quellenkritik.

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7 Antworten zu Wie Medien mit Demoskopie Politik machen

  1. RT @MschFr: Gebloggt: Wie man mit Demoskopie Politik macht http://t.co/VwUQXW9FDu

  2. RT @MschFr: Gestern geschimpft: Wie Medien mit Demoskopie Politik machen http://t.co/VwUQXW9FDu

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  5. Pingback: Knick in der Optik: Deutschlands Jugend ist konservativ! | Carta

  6. @vform sagt:

    Gerade letzter Absatz: FullAck. Demoskopie geht so auf den Nerv. „Wie Medien mit Demoskopie Politik machen“ http://t.co/nFC4O2opgQ #btw13

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