9Nov38 – ein Experiment auf Twitter

Am 9. November jährt sich die Reichspogromnacht zum 75. Mal. Dies haben wir als Anlass für ein Experiment genommen. Ziel ist es, die Novemberpogrome „zeitversetzt“ auf Twitter darzustellen. Ein kleines Team aus jungen HistorikerInnen, bestehend aus Moritz Hoffmann, Charlotte Jahnz, Petra Tabarelli, Christian Gieseke und mir, hat in den letzten Wochen Bücher gewälzt und ist in Archive gestiegen und ist gerade dabei, die Ergebnisse in 140 Zeichen zu komprimieren.

Dazu ein paar Gedanken: Zum einen sind die Vorgänge ungeheuerlich. Die Reichspogromnacht kennt man aus dem Schulunterricht, man liest jeden 9. November die Berichte über Gedenkfeiern oder man hat ein Buch über die Nazizeit gelesen. Es ist aber etwas anderes, eine kühle Verwaltungsakte zu lesen, in der mit aller verwaltungstechnischen Akribe die Entrechung, Ermordung und Beraubung von Menschen ausgearbeitet wird. In einem normalen Geschichtsbuch wird von „Hetze und Propaganda“ in den Zeitungen geschrieben. Das zu lesen, kann schon an die Nieren gehen.

Irgendwer wird uns sicherlich fehlende Vollständigkeit vorwerfen oder fragen, warum dieses oder jenes Ereignis nicht aufgenommen wird. Bei einem derartig großen Thema ist das aber nicht zu vermeiden – die Pogrome finden reichsweit statt, 1400 Synagogen werden zerstört und unzählige weitere Privatwohnungen, Geschäfte und Friedhöfe. Ca. 400 Menschen finden den Tod. Zehntausende werden verletzt. Das alles darzustellen, ist schlicht und einfach unmöglich und auch im Rahmen eines derartigen Projektes nur schwierig umzusetzen – nicht nur die Recherche wäre zu aufwändig, sondern auch die Darstellung. Im Endeffekt würden dann am Abend und in der Nacht des 9./10. Novembers tausende Ereignistweets durchlaufen, die keiner mehr lesen oder aufnehmen könnte. Die Auslassung ist also gewollt und nötig.

Das Grundkonzept ist natürlich auch nichts neues, zeitversetztes Tweeten gibt es schon lange. Der RBB hat den anderen 9. November behandelt, der Twitteraccount „A Century Ago“ berichtet seit Jahren fleißig von der Welt vor 100 Jahren und auch der sonst so behäbige MDR hat sich ein aufwändiges Nacherzählen der Völkerschlacht gegönnt. Das Interessante an diesem Genre ist, dass man auf diese Weise diese vielen kleinen Details integrieren kann, die es sonst nicht in eine historische Arbeit schaffen können. Und gerade die macht es so spannend – ich habe hier etwa einen Zeitungsartikel aus diesem Zeitraum, in dem die gleichgeschaltete Presse den Engländern ihre Konzentrationslager während des Burenkrieges vorwirft und anprangert. Das taucht in keiner Darstellung des Novembers auf, ist aber mehr als interessant.

In den nächsten Wochen wird es also spannend – den Account findet ihr unter @9nov38, über ein paralleles Blog oder eine Facebook-Seite denken wir gerade nach.

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11 Kommentare zu 9Nov38 – ein Experiment auf Twitter

  1. RT @MschFr: Gebloggt: @9Nov38 – ein Experiment auf Twitter http://t.co/ko0ZOyXmV4

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  3. @ellebil sagt:

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  4. RT @biblioblogs: 9Nov38 – ein Experiment auf Twitter http://t.co/PWQHerudk0

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  7. Tolles Twitterprojekt: @9nov38 twittert Ereignisse von vor, während und nach der Reichspogromnacht. Dazu http://t.co/o9fulMp9kn

  8. RT @JW_Fr: Tolles Twitterprojekt: @9nov38 twittert Ereignisse von vor, während und nach der Reichspogromnacht. Dazu http://t.co/o9fulMp9kn

  9. RT @JW_Fr: Tolles Twitterprojekt: @9nov38 twittert Ereignisse von vor, während und nach der Reichspogromnacht. Dazu http://t.co/o9fulMp9kn

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