Der Kanzler unter Freunden

Das Buch „Das musst du erzählen. Erinnerungen an Willy Brandt“ von Egon Bahr enthält eine Passage, die einfach wunderbar zur aktuellen politischen Situation passt. Bahr schrieb diese Zeilen, bevor bekannt wurde, dass die NSA das Telefon von Angela Merkel abhörte und bevor unsere Regierung verkündete, dass „Abhören unter Freunden“ ein Tabubruch sei.

„Der erste Besuch des Bundeskanzlers in Washington war ein rauschender Erfolg. […] Wir wurden feudal im Blair House, dem offiziellen Gästehaus des Präsidenten, untergebracht. Endlich allein, fing Willy an, über Nixons Charakter zu lästern und mir zu sagen, wie unsympathisch der Mann sei. Ich warnte ihn: „Hier wird bestimmt abgehört.“ Er rief mich zur Ordnung: „Wir sind hier nicht in Moskau.“ Am nächsten Abend beim großen Empfang im Weißen Haus fühlten wir uns unter Freunden, nicht weil Nixon mich Brandts Kissinger nannte, sondern weil es keine Andeutung gab, unsere Ostpolitik zu bremsen. Der Erfolg hieß herzliches Einvernehmen.
Viel später erfuhr ich von Kissinger: Natürlich wären wir abgehört worden. Nixon habe reagiert, Brandt sei ihm unsympathisch, außerdem ein Trinker. Schlimmer noch: Henry hatte zugestimmt! Er bat später um mein Verständnis und gestand, es sei sehr viel nötig gewesen, um seinen Einfluss auf den komplizierten Nixon zu erhalten.“

Egon Bahr: Das musst du erzählen. Erinnerungen an Willy Brandt. Berlin 2013.

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