It really whipped the llama’s ass

Es war irgendwann 1998 oder 1999. Ich war noch jung und der erste eigene PC stand brandneu im Zimmer. Erstes Upgrade war die obligatorische 10Mbit-Ethernetkarte mit Koaxialkabel für die ersten LAN-Partys. Starcraft war frisch, Half-Life gerade erschienen und die ersten Counter-Strike-Versionen ebenfalls. CD-Brenner waren noch teuer, Rohlinge erst recht und Internet hatten nur wenige. So entwickelten sich die LAN-Partys zu wilden Kopierorgien, die den Ping im Netzwerk häufig in dreistellige Bereiche pushten. Irgendwann auf einer dieser Veranstaltungen hatte jemand dann auch die ersten MP3-Files dabei.

Das öffnete eine neue Welt, was heute in Zeiten von Spotify, YouTube & Co nur noch schwer vorstellbar ist: Statt sich teure CDs für 35 DM pro Stück zu kaufen oder sich irgendwie zusammengeliehene CDs auf Kassette zu überspielen, konnte man nun schnell und bequem Musik auf die Platte ziehen. Das erste 56k-Modem brachte dann die ganze Welt der Musik nach Hause. Kein Stöbern in irgendwelchen Musikabteilungen, wo man dann die Verkäufer unterwürfig bitten musste, mal in eine CD reinhören zu können und kein Lauern vor dem Radio mehr, bis der Lieblingssong läuft. Das Ende der Musikknappheit war ein befreiendes Gefühl. Neue Musikgenres, Klassiker, Indiebands, alles verfügbar innerhalb von nur einer Dreiviertelstunde, die damals ein MP3 zum Download brauchte. Warez-Seiten mit tausenden von Alben kamen auf, gehostet auf irgendwelchen Freehostern. Und dann Napster als ein weiterer Evolutionsschritt – plötzlich bekam man praktisch jeden Song über ein bequemes Interface. Legalität interessierte damals keinen, es gab noch nicht mal eine legale Alternative. Wir dachten, dass die Musikindustrie eine Lösung finden würde und es unmöglich wäre, alle zu verklagen. Die Abmahnindustrie belehrte uns später eines Besseren.

Screenshot 2013-11-21 13.45.13
Die Musik spielte in einem Programm: Winamp. Es war klein, ressourcenschonend und machte genau das, was man wollte. Außerdem war das Milkdrop-Plugin damals mindestens so cool wie die vielen verschiedenen abgedrehten Skins. Mit den ersten Flatrates wurde dann das eingebaute Shoutcast-Streaming immer interessanter. College-Radios aus den USA, abgedrehte kanadische Undergroundsender und die damals sehr populären Privatstreams, in denen jemand einfach selbst Radio machte, erweiterten den Musikgeschmack. Dank zahlreicher Plugins konnte man das Programm jedem seiner Bedürfnisse anpassen.

Irgendwann verpasste Winamp dann nach dem Verkauf an AOL den Sprung in die Zukunft – was man dem Programm eigentlich hoch anrechnen müsste. Die Medienbibliothek bleibt dezent im Hintergrund und drängt sich nicht so penetrant in den Vordergrund wie etwa bei Apples furchtbarem iTunes. Winamp schafft auch den Umgang mit vielen Samplern oder Dateien mit miesen Metadaten. Richtig vermisst habe ich Winamp dann unter MacOS X. Dort gibt es schlicht und einfach keine sinnvolle Alternative, die ähnlich gut funktioniert.

Gestern hat AOL angekündigt, dass Winamp eingestellt wird. Damit verschwindet das wohl einflussreichste Musikprogramm der frühen 2000er Jahre. Es hat dafür gesorgt, dass furchtbare Formate wie Quicktime oder Real Time sich nicht durchsetzten. Danke, Winamp! You really whipped the llama’s ass!

Dieser Beitrag wurde unter Computerhistorie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu It really whipped the llama’s ass

  1. Gebloggt – It really whipped the llama’s ass http://t.co/qnvuJOi4On

Kommentare sind geschlossen.