#dighum1213 oder die Mathematisierung der Geisteswissenschaften

Am Wochenende war ich auf der Konferenz „Digital Humanities revisited“ in Hannover, welche von der Volkswagenstiftung veranstaltet wurde. In den nächsten Tagen wird es hier einige Berichte, Eindrücke und Kommentare darüber geben. Ich versuche, nicht alles in einen unendlich langen Beitrag zu quetschen, sondern werde einzelne Aspekte in kurzen Beiträgen ansprechen.

Auf der Konferenz ist klar geworden, wie schwammig der Begriff „Digital humanities“ ist. Der Begriff „Digital“ vermischt verschiedene Begriffe, die eigentlich nichts mit den Zielsetzungen der Digital Humanities zu tun haben. Blogs sind digital, sind aber einfach nur eine neue Form der Wissenschaftskommunikation und keine Digital Humanities. Auch die häufig geführten Debatten um Open Access treffen aber nicht die Zielsetzung der Digital Humanities.

Bezeichnungen wie „Computational Humanities“ oder „Algorithmic Humanities“ wären deutlich genauer. Es geht nicht darum, per Twitter mit anderen Wissenschaftlern zu plauschen, sondern um die Frage, wie man mit den heutigen Möglichkeiten der Computertechnik neue Forschungsfragen stellen kann. definiert die DH im Anschluss an die Konferenz so:

In a narrow sense, “digital humanities” refers to the application of quantitative, computer-based methods for humanities research, usually complementing traditional qualitative methods (note that this definition involves both readings of “digital”). The important point is that it is humanities research, i.e., you’re applying these methods to answer a humanities research question.

In a wider sense, it may also refer to the application of computer-based tools in humanities research (note that this definition does not require the use of quantitative methods). For example, creating a digital edition is not digital humanities in the narrow sense (because it does not use quantitative methods), but it is in the wider sense. I think this extension is useful, because the creation of digital resources is a prerequisite for digital humanities in the narrow sense.

Wenn man den Arbeitsprozess eines Historikers als „Finden, Lesen, Denken, Schreiben“ zusammenfasst, dann zielen die DH auf den Bereich des Denkens. Digitale Quellen kann man auch als „analoger Historiker“ nutzen, ohne seine Forschung umzukrempeln. Das Schreiben erfolgt mittlerweile flächendeckend digital und das Veröffentlichen per OA im Internet macht auch noch keine Digital Humanities. Es ist einfach ein anderer Publikationsort. Revolutionär werden die Digital Humanities, wenn sie den Denkprozess der Wissenschaftler verändern bzw. ihn in Computerprogramme und selbstgeschriebene Algorithmen auslagern.

Das bedeutet aber auch eine Mathematisierung der Geisteswissenschaften. Wer wirklich algorithmisch Arbeiten will, muss Programmieren können und benötigt ein umfassendes mathematisches und statistisches Wissen. Das ist ein Problem: Die universitäre Ausbildung vermittelt dies gerade in den Geschichtswissenschaften schlicht und einfach nicht. Es gibt kaum Personal, welches die entsprechenden Fähigkeiten besitzt und an die Studierenden vermitteln könnte. Mathematik dürfte bei diesen auch nicht das Lieblingsfach in der Schule gewesen sein. Mit den im Studium vermittelten Fähigkeiten kann ein Historiker keine Digital Humanities betreiben – und gleichzeitig sind auch die Dozierenden nicht in der Lage, ein entsprechendes studentisches Projekt wirklich zu bewerten und zu betreuen.

Gleichzeitig müssen sich DH-Projekte auch noch an die Vorgaben für Qualifizierungsarbeiten halten. Wenn in einer Prüfungsordnung eine Seitenzahl steht, dann muss zusätzlich zu einem Programm auch noch eine passende Arbeit geschrieben werden. Wenn man zusätzlich auch noch seine Professoren von der Forschungsmethode überzeugen und sich parallel zum Studium die entsprechenden Skills aneignen muss, dann wird es klar, warum die DH bislang einen so schweren Stand haben.

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10 Kommentare zu #dighum1213 oder die Mathematisierung der Geisteswissenschaften

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  6. 1.) Ich finde den Begriff „Digital Humanities“ überhaupt nicht schwammig. Man schaue sich einfach die Volumes of Abstracts der letzten 5 globalen Konferenzen „Digital Humanities“ an. Die Summe der dort behandelten Themen ist: Digital Humanities.
    2.) Bezeichnungen wie “Computational Humanities” oder “Algorithmic Humanities” wären deutlich ungenauer als „Digital Humanities“, weil sie nur einen Aspekt der DH betonen würden. Tatsächlich geht es bei den DH ja vor allem um eine methodische und theoretische Begleitung der Transformation der Geisteswissenschaften. Die Algorithmen und Tools sind nur die praktischen Hilfestellungen, auf denen das methodisch-theoretische Programm aufbaut (und in denen es sich manifestiert). Man ist gerade vom älteren Begriff „Humanities Computing“ Anfang der 2000er Jahre weggegangen um diese Verkürzung zu vermeiden.
    3.) Im Ansatz, der von Michael Piotrowskis Zitat vertreten wird, würde ich die Beschränkung auf quantitative Methoden nicht unterstützen. Das Beispiel sähe bei mir so aus: „the creation of digital edition is digital humanities in the wider sense as long as it doesn’t contribute to the developments of a digital methodology. The methodology of digital editions is digital humanities in the narrower sense“.
    4.) „Wenn man den Arbeitsprozess eines Historikers als ‚Finden, Lesen, Denken, Schreiben‘ zusammenfasst, dann zielen die DH auf den Bereich des Denkens.“ – Ich denke, die DH zielen auf die Bedingungen und Formen des Arbeitsprozesses ingesamt. Sie zielen z.B. auch auf die Veränderungen des Schreibens in ihren Wechselwirkungen (a) mit technologischen Bedingungen und (b) mit dem „Denken“. Unterscheiden muss man nicht zwischen analogem und digitalem Schreiben im Sinne von Speicherung und Publikationsort, sondern zwischen analogem und digitalem Schreiben im Sinne seiner verschiedenen strukturellen und konzeptionellen Paradigmen.
    5.) „Mathematisierung“ scheint mir ein arg unglücklicher Begriff zu sein. Ja, es geht darum, dass digitale Forschung voraussetzt, dass man seine impliziten Annahmen und Vorgehensweisen explizit modellieren kann. Das ist aber nicht Mathematik, sondern „bloß“ Logik und Klarheit des Denkens. Man sollte aber auch nicht vergessen, dass es die Vielfalt, Komplexität und Unschärfe geisteswissenschaftlicher Daten und Fragestellungen ist, die eine besondere Herausforderung für ihre technische Bearbeitbarkeit darstellen. Wir brauchen in den DH folglich auch eine „Vergeisteswissenschaftlichung“ der Informatik.
    6.) Ja, die Situation in der Lehre ist immer noch schwierig (außer, wenn man in Köln studiert, wo es schon lange sehr breite Angebote gibt). Und ja, der Fluch der Interdisziplinarität und des hohen Anspruches, zeitgemäße Arbeit zu leisten, können Qualifizierungsarbeiten so schwierig und aufwändig machen, dass sie Kandidaten das Genick brechen. Das Problem muss auch noch gelöst werden.

  7. RT @MschFr: Gebloggt: #dighum1213 oder die Mathematisierung der Geisteswissenschaften http://t.co/ABc8X7Tg5Q

  8. Pingback: (Digital) Humanities Revisited – Challenges and Opportunities in the Digital Age. Oder: Wie man Gräben isst. | Rezensieren – Kommentieren – Bloggen

  9. Pingback: (Digital) Humanities – revisited: Twitter und Blogs als Kommunikationswerkzeuge bei der Herrenhäuser Konferenz der VolkswagenStiftung 2013 | Wissen in Verbindung

  10. Pingback: Nachlese zur Konferenz Digital Humanities revisited in Hannover | DHd-Blog

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