„Polnische Konzentrationslager“ und Geschichtsgesetze

Es ist selten, dass der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands sich so deutlich äußert wie jetzt:

Formulierungen wie „polnische Konzentrationslager“ sind Unwörter und suggerieren falsche Vorstellungen von der Verantwortung für NS-Verbrechen. Anknüpfend an den „Appell von Blois“ beurteilt der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) die in Polen erwogene strafrechtliche Sanktionierung bestimmter Begriffe jedoch skeptisch. Falschen Begriffen über deutsche Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs in Polen muss in der Öffentlichkeit und in der Geschichtsdidaktik entgegengewirkt werden. (Frankfurt, den 19.01.2014)

„In einem freien Staat ist es nicht die Aufgabe irgendeiner politischen Autorität zu definieren, was die historische Wahrheit sei, geschweige denn darf sie die Freiheit des Historikers mittels der Androhung von Strafsanktionen einschränken.“ Dies forderten 2008 namhafte Kulturwissenschaftler und Historiker im „Appell von Blois„. Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) teilt die damit formulierte Sorge, dass per Gesetz institutionalisierte Staatswahrheiten „schwerwiegende Konsequenzen für die Arbeit des Historikers und für die intellektuelle Freiheit insgesamt haben können“.

Die in Polen derzeit diskutierte Gesetzesnovelle, welche sehr weitreichende strafrechtliche Bestimmungen für die Verwendung bestimmter Begriffe und Behauptungen vorsieht, ist im Licht der Erklärung von Blois skeptisch zu beurteilen. Es ist vor allem die Aufgabe der kritischen Öffentlichkeit, falsche Begriffe und Interpretationen abzuwehren.

In diesem Sinne appelliert der Verband der Historiker und Historikerinnen an die deutsche Öffentlichkeit und speziell an geschichtsdidaktische Multiplikatoren, immer wieder auftauchenden falschen Redewendungen über deutsche Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs in Polen entgegenzuwirken. Der Vorsitzende des VHD, Prof. Dr. Martin Schulze Wessel, sagt: „Insbesondere die – in den allermeisten Fällen auf Gedankenlosigkeit beruhende – Formulierung von ‚polnischen Konzentrationslagern‘ ist als ein Unwort zu begreifen. Dieses suggeriert eine vollkommen falsche Vorstellung von der Verantwortung für NS-Verbrechen.“ Vor allem in der Geschichtsdidaktik solle konsequent gegen eine falsche Begrifflichkeit bei der Bezeichnung von Verbrechen NS-Deutschlands in den besetzten Gebieten gearbeitet werden.

Was steckt dahinter? Zuerst einmal die Formulierung „polnische Konzentrationslager“. Der Großteil der NS-Konzentrationslager und vor allem die Vernichtungslager befanden sich nämlich nicht im Reich selbst, sondern in den besetzten Gebieten. Die Vernichtungslager lagen alle auf dem Gebiet des heutigen Polens und daher taucht immer wieder der Begriff „polnisches Konzentrationslager“ auf, um etwa Auschwitz zu beschreiben. Sucht man bei Google Books nach dem Begriff, dann taucht er durchaus auch in Geschichtswerken auf und selbst US-Präsident Obama benutzte ihn. Damit wird allerdings auch unterschwellig eine Schuldzuweisung vorgenommen: Der Begriff „Polnische Konzentrationslager“ sagt immer auch aus, dass es Polen im Auftrag des polnischen Staates waren, welche diese Lager betrieben. Es ist daher kein Wunder, dass es massive Proteste von polnischer Seite gegen diese Formulierung gibt – man will eben nicht vom Opfer zum Täter gemacht werden.

Eine andere Frage ist hingegen, ob man das per Gesetz machen sollte. Gesetze, die eine bestimmte Sichtweise auf die Geschichte festschreiben, sind extrem gefährliche Sachen. Aus deutscher Sicht mögen sie ein praktisches Mittel sein, um rechtsradikale Spinner einzuhegen – hier ist die Leugnung des Holocausts strafbar. In den meisten Fällen sind entsprechende Gesetze aber das Werkzeug von autokratischen Regierungen, die bestimmte wunde Punkte in der Vergangenheit verdecken wollen. Russland gönnt sich ein Gesetz, welches die „Beleidigung“ des Andenkens an die Rote Armee unter Strafe stellt und damit natürlich auch gleich eine eigene Sichtweise auf die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges mitbringt. Die Türkei besitzt ein Gesetz, welches eine „Beleidigung des Türkentums“ unter Strafe stellt – ein wunderbares Mittel, um sofort jede Diskussion um den Genozid an den Armeniern mit der juristischen Keule zu unterbinden. In Frankreich hingegen kann man juristische Probleme bekommen, wenn man formuliert, dass es sich dabei gar nicht um einen Genozid gehandelt habe. Die Liste könnte man noch weiter führen – und natürlich versuchen auch noch diverse Regierungen, die nationale Erinnerung an die Vergangenheit zu manipulieren. Historische Forschung braucht aber Freiheit. Den Appell von Blois sollte man daher kennen:

Concerned about the retrospective moralization of history and intellectual censure, we call for the mobilization of European historians and for the wisdom of politicians.
History must not be a slave to contemporary politics nor can it be written on the command of competing memories. In a free state, no political authority has the right to define historical truth and to restrain the freedom of the historian with the threat of penal sanctions.
We call on historians to marshal their forces within each of their countries and to create structures similar to our own, and, for the time being, to individually sign the present appeal, to put a stop to this movement toward laws aimed at controlling history memory.
We ask government authorities to recognize that, while they are responsible for the maintenance of the collective memory, they must not establish, by law and for the past, an official truth whose legal application can carry serious consequences for the profession of history and for intellectual liberty in general.
In a democracy, liberty for history is liberty for all.   

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6 Kommentare zu „Polnische Konzentrationslager“ und Geschichtsgesetze

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