Schlafwandelnd in den Ersten Weltkrieg oder ist das wirklich wichtig?

Irgendwas läuft schief in der öffentlichen Debatte um den Ersten Weltkrieg. Momentan wird anknüpfend an Christopher Clarks Buch „Die Schlafwandler“ mal wieder die alte, unseelige Kriegsschulddebatte aufgewärmt. Wer war jetzt Schuld? Da kann man dann wieder fleißig debattieren oder gleich richtig Unfug von sich geben. Serbien will dem Sarajevo-Attentäter Princip ein Denkmal bauen. In London poltert der Bürgermeister gegen „die Linken“, welche ja überhaupt nicht regierungsfähig seien solange sie nicht zugeben würden, dass Deutschland den Weltkrieg angefangen hätte. Die BILD spekuliert hingegen, ob Wilhelm II den Weltkrieg verursacht habe, weil britische Ärzte seinen verkrüppelten Arm mit Elektroschocks heilen wollten. Im Laufe des Jahres wird das noch schlimmer werden und sich in immer absurdere Höhen schrauben. Vergleiche der aktuellen Eurokrise mit der Julikrise gibt es auch schon genug und im Zweifelsfall setzt man einfach Angela Merkel eine Pickelhaube auf und vergleicht sie mit Wilhelm II.

Die öffentliche Debatte rund um den Ersten Weltkrieg hat bereits jetzt eine gehörige Schieflage entwickelt. Da darf man ruhig einmal fragen: Ist es nach 100 Jahren wirklich noch relevant, wer diesen Krieg angefangen hat? Gäbe es im Kontext des Weltkrieges nicht deutlich interessantere Fragen zu diskutieren?

Wie wäre es, wenn wir statt irgendwelche Parallelen zwischen 1914 und 2014 in der Eurokrise zu konstruieren einfach mal über die real existierenden Probleme diskutieren, die der Erste Weltkrieg uns hinterlassen hat? Wie wäre es, wenn wir etwa mal über die Probleme im Nahen Osten als Folge des Krieges reden? Darüber wie eine ganze Weltregion im Anschluß an den Krieg in verschiedene Länder eingeteilt wurde und wie diese imperialistische Einteilung bis heute massive Konflikte verursacht? Sollten wir nicht darüber reden, wie scheiße Krieg für die Beteiligten ist? Sollte man nicht versuchen zu erläutern, wie ein erstaunlich vernetztes Europa plötzlich in den Krieg gegeneinander zieht? Ein Europa, dessen Monarchen sogar alle eng miteinander verwandt waren? Wäre es nicht besser, wenn wir über die Frage diskutieren würden, warum der Krieg immer weiter eskalierte und nicht irgendwer zwischendrin im Angesicht des Schlachtens auf die Idee kam, ihn zu stoppen? Der Erste Weltkrieg ist ein spannendes Thema – wenn man von der leidigen Kriegsschuldfrage wegkommt. Als akademische Frage ist sie interessant – aber in einer öffentlichen Diskussion zwischen nationalistisch herumtrötenden Politikern ist wenig zielführend.

Wer weiß, vielleicht kommen die entsprechenden Diskussionen, wenn die passenden Jahrestage anstehen. Zu befürchten ist aber eher, dass sich das Interesse ab August abkühlen wird und dann nahtlos zu einem anderen Gedenkanlass übergegangen wird. Im September jährt sich der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zum 75. mal. Dann wird keiner mehr über 1914 diskutieren.

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5 Kommentare zu Schlafwandelnd in den Ersten Weltkrieg oder ist das wirklich wichtig?

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  3. Erstens: Die Debatte um den Kriegsausbruch 1914 ist richtig & wichtig, weil nach dem „Schlafwandler“-Buch das Gerede von der angeblichen „Kriegsschuldlüge“ neu startete. Zweitens: Das Berliner Enzyklopädie-Projekt http://www.1914-1918-online.net/ ist explizit bestrebt, entlegenene Themen & Schauplätze des 1. Weltkriegs dem Vergessen zu entreißen.

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