Offline-Adblock

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So oder ähnlich sehen die Hinweise diverser Seiten aus, wenn man sie mit einem Adblocker besucht und der Adblocker die Warnhinweise nicht ebenfalls blockiert. Die Argumentation ist immer gleich: Die Seite finanziert sich über Werbung, Werbetreibende zahlen für Aufmerksamkeit und mit eingeschaltetem Adblocker gibt es keine Aufmerksamkeit für die Werbung. Folglich sollen die Leser ihren Adblocker ausschalten und in Zukunft die Werbung beachten. Aber ist das auch wirklich stichhaltig? Übertragen wir dieses Argument einfach mal in die gute, alte Offlinewelt. Auch da gibt es genügend Dinge, die ganz oder zum Teil über Werbung finanziert werden.

  • Darf ich in der Werbepause des Privatfernsehens auf’s Klo gehen? Privatsender finanzieren sich komplett über Werbung.
  • Darf ich in der U-Bahn ein Buch lesen oder muss ich das Werbeprogramm auf den Bildschirmen anschauen? Der Fahrpreis wird immerhin mit den Einnahmen subventioniert.
  • In meiner Tageszeitung liegen regelmäßig diverse Prospekte, die ich ungelesen wegwerfe. Darf ich das? Immerhin finanzieren die Möbelhäuser und Discounter die Zeitung mit.

Wir können das Argument auch völlig ins Absurde drehen:

  • Der Wirt meiner Stammkneipe verdient an dem dort aufgestellten Zigarettenautomaten. Muss ich jetzt rauchen?
  • Der Betreiber der Toilette an der Autobahnraststätte finanziert sie zum Teil durch einen Kondomautomaten. Muss ich die kaufen?
  • Einige Privatsender verdienen bei manchen Sendungen mehr durch Telefonanrufe als über Werbung. Muss ich da jetzt anrufen, wenn ich DSDS schaue?

Die Beispiele sind bewusst gewählter Blödsinn, zeigen aber, dass wir offline anders argumentieren als online. Wenn die Benutzung eines Adblockers böses Schmarotzertum ist, dann ist es die Pinkelpause auch. Der Unterschied liegt in den umfassenderen Trackingmethoden des Webs. RTL weiß nicht, dass ich mich in der Werbepause zum Kühlschrank verdrücke, um mir ein Bier zu holen. SPON weiß, dass ich die Werbung blocke. Da SPON das weiß, will es auch die Werbeindustrie wissen. Und die zahlt ungerne für Zuschauer, welche die Werbung nicht wahrnehmen. Hier liegt der eigentliche Unterschied zur Offline-Werbung – es ist nicht Adblock, denn jeder von uns hat einen Adblocker eingebaut oder mit dem Papierkorb unter dem Schreibtisch stehen. Zum Problem wird das erst durch das umfangreiche Tracken der Nutzer – man stelle sich eine Tageszeitung vor, die ihre Leser mit einer eingebauten Kamera beobachtet und dann darum anbettelt, dass diese ja nicht die beiliegenden Flyer des lokalen Möbelhauses ungelesen wegwerfen. Was am Frühstückstisch für helle Empörung sorgen würde, ist auf dem danebenliegenden Tablet oder Laptop normal. Akzeptieren muss man es nicht.

Es gibt kein Recht für Werbetreibende, dass jemand ihre Werbung auch beachtet. Für die eigene geistige Gesundheit ist es besser, wenn man sich nicht das Gehirn mit Werbung zukleistert. Ansonsten hält man Schokocreme für einen gesundes Frühstück, weil ja die Nationalspieler das auch essen, macht seinen Autokauf vom Image des Herstellers und nicht von harten Fakten wie Preis, Verbrauch oder Ausstattung abhängig oder wählt einen Mobilfunkanbieter, weil dieser nicht die günstigsten Preise hat oder das beste Netz, sondern ein Lebensgefühl vermarktet.

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4 Antworten zu Offline-Adblock

  1. Böse #Adblocker – darf man dann auch in der Werbepause nicht mehr aufs Klo gehen fragt @MSchFr zurecht http://t.co/h9YPKr8lxU

  2. Martin sagt:

    20% weniger Einnahmen durch Adblocker = 20% mehr Werbung für die Leute ohne Adblocker. Man dankt.

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