Seeschlachtplagiatsdebatte

Eigentlich wollte ich nichts über die aktuelle Seeschlachtbuchplagiatsdebatte schreiben. Aber dann haben sich doch einige Punkte angesammelt, die so bemerkenswert sind, dass ich sie kommentieren muss.

File:Spanish Armada.jpg

1) Mir hat man im Proseminarstutorat folgendes beigebracht: Reine Fakten, die auch im Brockhaus stehen und zum Allgemeinwissen gehören, muss man nicht per Fußnote belegen. Wenn ich also schreibe, dass Paris die Hauptstadt von Frankreich ist, kann ich mir den Beleg sparen. Gleichzeitig hat man mir eingebläut, dass direkte, ungekennzeichnete Übernahmen fremder Texte verboten sind. Die simple Regel lautet, dass man fremde Texte nur in Anführungszeichen und mit Fußnote verwendet und dabei natürlich auch nicht übertreibt. Eine nur aus Zitaten bestehende Arbeit geht auch nicht. Daher ist mir folgende Aussage Raders unverständlich:

„“Ein Plagiat ist für mich der Diebstahl geistigen Eigentums. Und dessen habe ich mich nicht schuldig gemacht“. In dem historischen Werk seien ausschließlich technische Details aus dem Online-Lexikon übernommen worden, sagt Rader. „Früher hat man dafür den Brockhaus benutzt, heute eben Wikipedia.“

Die Übernahme technischer Details oder von Fakten ist in Ordnung. Das wortwörtliche Übernehmen nicht. Rader vermischt in seiner Verteidigung beides.

File:Battle of Lepanto 1571.jpg

2) Es ist erstaunlich, wie schnell der Fall in die Medien ging. In weniger als 24 Stunden wurden aus einem Facebook-Post, in dem Janning seine Follower vorsichtig fragte, wie er mit dem Fall umgehen soll, Schlagzeilen auf den größten Nachrichtenseiten. Hier ist der Knackpunkt wohl schlicht und einfach die Privatsphäreeinstellung Jannigs bei Facebook – der Post richtete sich eindeutig an eine kleine Anzahl an Freunden und nicht an die Öffentlichkeit. Entsprechend ist auch die Kritik an der Form, einzelner Formulierungen oder der Namensnennung nicht angebracht.

Gleichzeitig gefällt mir die Berichterstattung der entsprechenden Zeitungen nicht: Sie paraphrasiert schwammig im Ungewissen. Da gibt es Plagiatsvorwürfe „eines Facebook-Nutzers“, die Textstellen „sollen“ übernommen worden sein und so weiter. Ich bin mir relativ sicher, dass es in Hamburg (Spiegel Online), Köln (KSta) oder Berlin (Berliner Zeitung) Buchläden oder Universitätsbibliotheken gibt, in denen der zuständige Redakteur sich das Buch ausleihen könnte um sich ein eigenes Bild von der Sache zu machen. Die Plagiatsstellen sind ja angegeben. Guter Journalismus schreibt nicht nur schnell einen Facebook-Post ab, sondern recherchiert doch etwas mehr. Noch absurder wird es, wenn ein Autor einer großen Tageszeitung aus dem Springer Verlag nicht in der Lage ist, wenigstens die ersten Kommentare des Facebook-Beitrages zur Kenntnis zu nehmen und folgendes schreibt: „Man muss abwarten, ob und wenn ja welche weiteren Passagen der Kritiker anführen kann.“ Bereits am Abend wurden weitere verdächtige Stellen in anderen Büchern der Autoren veröffentlicht und auch eine lizenzwidrige Übernahme von Bildern aus den Wikimedia Commons festgestellt.

File:Battle of Gibraltar 1607.jpg

3) Anscheinend hat keiner die Creative Commons-Lizenzen verstanden und eine größere Aufklärungskampagne über die Nachnutzungsbedingungen wäre ein sinnvolles Projekt für Wikimedia. Aus vielen Kommentaren spricht Verwirrung über den urheberrechtlichen Status des Lexikons.

4) Ein Plagiat aus der Wikipedia ist ein erstaunlich dummes Plagiat. Direkte Textübernahmen werden gerade bei einem populärwissenschaftlichen Buch mit vielen Lesern irgendwann auffallen. Man sollte auch damit rechnen, dass Wikipedianer aufgrund der dort ebenfalls gegebenen Textplagiatsproblematik Texte aus der Wikipedia automatisch etwa mit Google Books vergleichen. Genauso ist es auch geschehen – Janning wollte ein Thema aus dem Buch etwas genauer recherchieren, ging dann natürlich zu Wikipedia und entdeckte die Übernahme. Es gibt auch keinen Grund, warum man unter freien Lizenzen stehende Bilder von den Wikimedia Commons klauen sollte – einfach die Lizenz angeben und man darf sie völlig legal verwenden, auch in Büchern.

5) Gerade bei der Bildübernahme zeigt sich das sehr ambivalente Verhältnis von Historikern zu den Wikimedia Commons. Man nutzt es, findet es auch ganz vorne in der Google Bildersuche, aber so wirklich gerne will es keiner zugeben, dass er es nutzt. Im Prinzip ist es mal wieder die Tragik der Allmende, die fleißig geplündert wird. An dieser Stelle darf daher trotzdem der Aufruf nicht fehlen, Bilder unter freier Lizenz dort hochzuladen – denn die Commons sind mittlerweile die wohl beste Quelle gemeinfreier und unter freier Lizenz stehender Bilder und damit mindestens so wichtig wie die Wikipedia. Und ich weiß, dass ihr ständig Urlaub macht und dort auch mit hochauflösenden Digitalkameras Bilder macht. Teilt diese mit der Welt!

File:Battle of Preveza (1538).jpg

6) Die Aussage von Mitautor Arne Karsten in der Welt ist interessant:

„Die ganze Debatte finde ich höchst erstaunlich, weil sie um die Darstellung einiger technischer Detail-Aussagen kreist und die Kernthesen, die Interpretationen, letztlich: die Aussagen des Buches nicht einmal zur Kenntnis nimmt, geschweige denn diskutiert“

In der Tat gibt es eine lange historiographische Praxis der Kompilation. Im Prinzip wäre auch nur wenig dagegen einzuwenden, wenn wir wieder zu ihr zurückkehren würden – es macht eigentlich recht wenig Sinn, die Aussagen anderer Autoren zusammenzufassen und mit einer Fußnote auf sie zu verweisen. Dabei kommt es dann schnell zu einem „Stille Post-Effekt“ bzw. die Aussage kann verfälscht werden. Solange der normale Student allerdings in jedem Proseminar mit der neunschwänzigen Ochsenpeitsche gezüchtigt wird, wenn er das macht, sollte man sich nicht auf diese Praxis berufen. Und wenn man sie anwendet, sollte man mit offenem Visier fechten – dann schreibt man im Vorwort, dass es sich um eine Kompilation handelt. Alles andere ist ein Plagiat – die Übernahme von Textstellen anderer Autoren ohne Kenntnisse.

File:The Battle of Lepanto of 1571 full version by Juan Luna.jpg

7) Es ist erstaunlich, wie viele Leute Plagiate verteidigen. Ich habe mich immer über die Vehemenz gewundert, mit der Erbloggtes gegen die „Schavanisten“ ins Feld zog, aber auch hier zeigt sich wieder, dass ganz viele Leute in einem Plagiat nichts schlimmes sehen und den Plagiatsvorwurf als schlimmste Rufmordkampagne und Denuziation werten. Ich vermute dabei – ohne es wirklich belegen zu können – einen Konflikt zwischen jungen Wissenschaftlern, denen seit der Schulzeit eingetrichtert wurde, dass sie ja nicht aus dem bösen Internet kopieren dürfen und die sich diese Lektionen tief verinnerlicht haben und älteren Wissenschaftlern, wo dieses Thema nicht so auf den Nägeln brannte. Vielleicht sind „wir“ jüngeren Wissenschaftler dabei manchmal sehr streng, aber das ist genau das, was uns beigebracht wurde – und daran messen wir dann auch die ältere Generation.

File:'The Battle of Lepanto', painting by Andries van Eertvelt.jpg

8) Bilder von Seeschlachten haben eine ganz eigenartige Faszination.

Update: Ich habe einen Absatz, der auf einer sachlich falschen Grundannahme beruhte, entfernt.

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23 Kommentare zu Seeschlachtplagiatsdebatte

  1. @plani13 sagt:

    RT @MschFr: Ich habe doch etwas zur Seeschlachtplagiatsdebatte gebloggt http://t.co/1CsdJEJbud

  2. RT @MschFr: Ich habe doch etwas zur Seeschlachtplagiatsdebatte gebloggt http://t.co/1CsdJEJbud

  3. RT @Planet_History: [http://t.co/IMkvDkoIFL] Seeschlachtplagiatsdebatte http://t.co/qGkzn7VDcZ

  4. @woloehr sagt:

    RT @Planet_History: [http://t.co/IMkvDkoIFL] Seeschlachtplagiatsdebatte http://t.co/qGkzn7VDcZ

  5. RT @MschFr: Ich habe doch etwas zur Seeschlachtplagiatsdebatte gebloggt http://t.co/1CsdJEJbud

  6. RT @MschFr: Ich habe doch etwas zur Seeschlachtplagiatsdebatte gebloggt http://t.co/1CsdJEJbud

  7. Zur Seeschlachtdebatte >> http://t.co/kTYxzB21gf #plagiat

  8. @pintawohl sagt:

    RT @niggi: „Guter Journalismus schreibt nicht nur schnell einen Facebook-Post ab, sondern recherchiert.“ Bruhahaha. http://t.co/s56JUZdv8U

  9. @musermeku sagt:

    RT „@MschFr: Wer es gestern Abend verpasst hat: Mein Beitrag zur Seeschlachtplagiatsdebatte http://t.co/XL7kcBPJYz

  10. RT @niggi: „Guter Journalismus schreibt nicht nur schnell einen Facebook-Post ab, sondern recherchiert.“ Bruhahaha. http://t.co/s56JUZdv8U

  11. Der @MschFr zur Seeschlachtplagiatsdebatte http://t.co/X6yyEJWm1J

  12. RT @MschFr: Ich habe doch etwas zur Seeschlachtplagiatsdebatte gebloggt http://t.co/1CsdJEJbud

  13. ako_law sagt:

    Die Quellenangabe beim Zitat ist auch juristisch im Regelfall zwingend, siehe § 63 UrhG.

  14. @logge_hh sagt:

    RT @PBahners: Paraphrase statt Recherche: Gibt es in Hamburg, Köln oder Berlin keine Buchläden oder Universitätsbibliotheken? http://t.co/f…

  15. Klaus Graf sagt:

    Ich verstehe das nicht: „Ohne jetzt in die Details der Juristerei einzusteigen – der Unterschied liegt eben genau in der Angabe der Quelle. Rechtlich muss ich es nicht, akademisch auf jeden Fall.“

    https://de.wikipedia.org/wiki/Quellenangabe#Quellenangabe_im_Urheberrecht

  16. @praxsozi sagt:

    RT @MschFr: Ich habe doch etwas zur Seeschlachtplagiatsdebatte gebloggt http://t.co/1CsdJEJbud

  17. RT @niggi: „Guter Journalismus schreibt nicht nur schnell einen Facebook-Post ab, sondern recherchiert.“ Bruhahaha. http://t.co/s56JUZdv8U

  18. RT @niggi: „Guter Journalismus schreibt nicht nur schnell einen Facebook-Post ab, sondern recherchiert.“ Bruhahaha. http://t.co/s56JUZdv8U

  19. AndreasP sagt:

    Wichtiger als die Urlaubsbilder wären für die Commons übrigens in vielen Gegenden Bilder von der Heimat. Fotografiert das eigene Stadtviertel, die Dörfer in Eurer Umgebung, die denkmalgeschützten Gebäude, aber auch die neuen, noch so hässlichen (gerade von denen wird es in 50 Jahren sonst kein brauchbares Foto geben), die Geschäfte und die Natur!

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  21. RT @moeterhead: Die Debatte um Urheberrecht, Plagiate, Zitieren und Wikipedia geht weiter: http://t.co/o7MeYYUQ9p #seeschlachtplag

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