Selbststudium statt Studium?

Die ZEIT berichtet über einen „Student ohne Uni“ – er brach sein Studium nach einem Beinahe-Burn out ab, ging erstmal ins Ausland, bildet sich jetzt selbst fort und trommelt auf einem eigenen Blog intensiv gegen Universitäten.

Die Uni bilde junge Menschen vor allem für die Wissenschaft aus, einige Professoren in Fächern wie Marketing oder Entrepreneurship hätten nie praktisch gearbeitet. Der Arbeitsmarkt aber verlange nach Menschen, die kreativ seien, die gelernt hätten, eigene Ideen zu entwickeln, Projekte zu verwirklichen.
Die Gesellschaft glaube noch, erst komme ein gutes Abitur, dann eine gute Uni-Note und dann der Traumjob. „Schönspielerei“ nennt er das.

Da hat er durchaus recht – man kann auch ohne Universität „klug“ werden. Man kann die gleichen Bücher und Texte lesen wie ein Student. Man kann mit MOOCs auch ohne Einschreibung Unikurse  besuchen. Wissenschaft ist keine okkulte Sekte mit geheimen Ritualen, sondern einfach nur die intensive Beschäftigung mit einem Thema. Über Jahre hinweg, in Vollzeit. Die Unternehmen, sagt Paul, merken das mehr und mehr. Sie wählten nicht mehr den aus, der die beste Abschlussnote habe, sondern den, der sich jung allein durch schwierige Situationen gekämpft habe. Auch ohne Uni.

Da kann man jedem nur dringend von diesem Vorgehen abraten – Deutschland ist entgegen seiner Aussage immer noch sehr stark abschlussfixiert. Ohne das entsprechende Stückchen Papier bleiben einem viele Wege verschlossen. Natürlich kann man – wie der Autor – per Internet eine eigene Marke aufbauen, laut in der ZEIT trommeln und auf diese Weise eine Tätigkeit in der Selbstständigkeit starten, aber für den Otto-Normal-Studenten ist das wohl keine erfolgsversprechende Variante. Er wird dann in jedem Bewerbungsprozess als Erster aussortiert, weil ihm die formalen Voraussetzungen für die Stelle fehlen. Bei den durchschnittlichen 2 Minuten, die ein Personaler mit einer Bewerbungsmappe verbringt, muss man schon sehr überzeugen. Das ist ein Pokerspiel mit hohem Einsatz – denn im schlimmsten Fall hat man dann 3-5 Jahre eine große Lücke im Lebenslauf und man steht vor verschlossenen Türen. Im öffentlichen Dienst hat man schon automatisch verloren – ohne Staatsexamen wird man nicht Richter und bekommt keine Zulassung durch die Rechtsanwaltskammer. Die schöne Idee des Selbststudiums wird so schnell zur Sackgasse.

Dazu kommt, dass es sich hier um die Übernahme eines Trends aus den USA handelt. Dort gibt es allerdings andere Grundbedingungen – bei den exorbitanten Studiengebühren ist es deutlich verlockender, einen Weg jenseits der Universitäten zu gehen. In Deutschland dürfte ein normales Studium etwa aufgrund von Rabatten bei Krankenkassen, Kindergeld, Semestertickets etc. sogar günstiger sein als das Selbststudium. Die Incentives zum Selbststudium sind hierzulande deutlich andere als in Übersee.

Daher sollte man sich dringend überlegen, ob man diesen Weg einschlägt. Denn so furchtbar sind unsere Unis auch nicht.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Selbststudium statt Studium?

  1. [http://t.co/gdHHHZAe3W] Selbststudium statt Studium? http://t.co/su8f6GW9tu

Kommentare sind geschlossen.