Hitlervergleiche

Hitlervergleiche erleben gerade eine neue Blütezeit. Nachdem die Formulierung von Godwins Law zeitweilig die Flut an unqualifizierten Vergleichen eingedämmt hat, führt die Krim/Ukrainekrise momentan zu einem wahren Revival.

Trotzdem ist der Hitlervergleich am Ende, schon alleine, weil sich nichts mit Hitler vergleichen lässt. Hitler und der Nationalsozialismus sind so monströs, dass nur einige wenige andere Diktatoren einem Vergleich standhalten könnten. In den meisten Fällen geht der Vergleich daher aber gnadenlos in die Hose. Das eigentliche Ziel des Vergleichers, die Diskreditierung des Verglichenen, tritt in den Hintergrund und der Vergleicher selbst gerät in den Fokus der Kritik. Sehr schön konnte man dies bei den Hitler-Putin-Vergleichen von Wolfgang Schäuble, Prinz Charles oder Erika Steinbach sehen – die sind den Vergleichern auf die Füße gefallen und diskreditierten diesen nur wenig.

In der letzten Zeit etabliert sich allerdings eine andere, indirektere Variante des Hitler-Vergleichs: Man vergleicht nicht sein Gegenüber mit Hitler, sondern sich selbst oder eine Gruppe, der man angehört, mit den verfolgten Juden.

Writing from the epicenter of progressive thought, San Francisco, I would call attention to the parallels of fascist Nazi Germany to its war on its ‚one percent,‘ namely its Jews, to the progressive war on the American one percent, namely the ‚rich,‘ – Thomas Perkins

Der Trick dabei ist simpel: Zum einen weckt man direkt Sympathien für sich selbst und zum anderen muss man den Hitlervergleich nicht selbst aussprechen. Den darf sich das Publikum selbst denken.

Damit ist der Verfolgte-Juden-Vergleich noch moralisch verwerflicher als der genuine Hitlervergleich. Die Entrechtung, Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden ist etwas, mit dem man seine kleinen Problemchen nicht vergleichen sollte. Wenn etwa die AfD diesen Vergleich bringt, weil sie mit ihren häufig sehr kruden Thesen Widerspruch erntet, dann ist das ganz nah an der Holocaustrelativierung. Wenn ein US-Milliardär die furchtbaren Qualen der 1% der reichsten Amerikaner beklagt und diese mit dem Holocaust vergleicht, dann ist das schon nah an der Holocaustleugnung. Dies gilt auch für den italienischen Lebemann und TV-Baron Silvio B., der sich ebenfalls verfolgt fühlt, weil die Justiz seine illegalen Geschäfte in den Blick nahm. Am Ende dieser schrecklichen Verfolgung standen Sozialstunden in einem Altersheim.

„Meine Kinder sagen, sie fühlen sich so, wie sich Juden in Deutschland während des Hitler-Regimes gefühlt haben müssen. Wir haben wirklich jeden gegen uns“ – Silvio Berlusconi

Der Verfolgte-Juden-Vergleich lebt also von einem mit unglaublichen Zynismus kombinierten weinerlichen Selbstmitleid. Wer in der Konsequenz Sozialstunden mit Konzentrationslagern vergleicht und gleichzeitig noch sein Gegenüber als Faschisten brandmarken will, der ist einfach ein schlechter Mensch. Er wird es aber nicht wahrhaben wollen: Bekommt der Sich-Verfolgt-Wähnende noch weiteren, hier völlig berechtigten Gegenwind, wird er sich noch schlimmer verfolgt fühlen. Der Verfolgte-Juden-Vergleich ist damit ein klares Zeichen eines in sich geschlossenen, von der Realität abgekoppelten Gedankengebäudes. Dagegen ist selbst der Hitlervergleich eine Freude.

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5 Responses to Hitlervergleiche

  1. „Der Verfolgte-Juden-Vergleich lebt von mit Zynismus kombinierten Selbstmitleid.“ @MschFr über Hitlervergleiche: http://t.co/vSe99SqqAq

  2. RT @SimonHurtz: „Der Verfolgte-Juden-Vergleich lebt von mit Zynismus kombinierten Selbstmitleid.“ @MschFr über Hitlervergleiche: http://t.c…

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