Wikipedia und die neue Technik

Es ist ein Trauerspiel: In der Wikipedia-Community wird mal wieder sehr formidabel gestritten. Diesmal geht es um einen neuen Medienbetracher, der das Anschauen von Bildern deutlich verbessert, in dem er sie in eine Art Vollbildmodus stellt. Gleichzeitig werden dort aber natürlich auch einige der Zusatzinformationen, die so in einer Wiki-Bildbeschreibungsseite stehen, nicht angezeigt. Und jetzt streitet man sich mit allem, was an Förmchen, Schüppen und Eimern im Sandkasten vorhanden ist. Die Details sind zu irrelevant, um sie jetzt hier nachzuerzählen und werden eigentlich nur noch vom Meinungsbild über die Festlegung verbindlicher genealogischer Zeichen übertroffen.

Das Problem geht aber tiefer: Es gibt in Teilen der Wikipedia-Community enorme Vorbehalte gegenüber technischen Neuerungen und diese werden nach Kräften ausgebremst. Wir hatten eine ähnliche Diskussion bereits um den Visual Editor, der endlich eine Bearbeitung ohne nervigen und anfängerabschreckenden WikiText ermöglichen sollte. Und ähnliche Debatten gibt es auch um den MobileUpload für die Wikimedia Commons.

All diese Projekte der Foundation hatten ihre Schwachstellen oder haben zu Problemen geführt. So ist der Visual Editor sicherlich nicht ausgereift und bislang nur zu simplen Bearbeitungen fähig. Und der MobileUpload auf die Commons führte zu einer Welle von Urheberrechtsverletzungen und schlicht und einfach zu vielen untauglichen Bildern.

Aber: Die vehemente Abwehr technischer Neuerungen führt auch dazu, dass die Wikipedia den technischen Anschluss verpasst hat. Sie ist eine Seite aus dem letzten Jahrzehnt und hat die technischen Neuerungen der letzten 10 Jahre einfach nicht mitgemacht. Es gibt keine einfache Editmöglichkeit, ohne dass man erstmal eine Weile WikiText lernen muss. Es ist nicht von Haus aus möglich, die Bearbeitungsgeschichte eines einzelnen Textschnipsels zu begutachten. Mit einem externen Tool geht dies, aber eigentlich gehört sowas in die Kernsoftware, wo es ein Normaluser auch findet. Simple Bildbearbeitungen wie Beschneiden oder Rotieren sind nicht von Haus aus möglich. Das Erstellen von Tabellen ist eine Wissenschaft für sich. Die Diskussionsseiten sind seit über einer Dekade völlig unfunktional, dieses Diskutieren mit selbst einzurückenden :::::: ist mehr als fummelig. Ein an Webforen angelehntes System mit Threads würde die Diskussionen übersichtlicher machen und auch Stimmen zu Wort kommen lassen, die vom Quelltext abgeschreckt sofort die Wikipedia verlassen.

Und dann ist da auch noch das Design: Zweckmäßig, nicht schön, viel Text, viele Links und gerade im Autorenportal völlig erschlagend. Selbst ich als langjähriger User finde dort nicht immer auf Anhieb die richtige Seite. Andere Webseiten sind der Wikipedia da schon lange davongezogen – und wenn der Brockhaus nicht gerade seine gesamten Autoren gefeuert hätte, könnte er hier sicherlich wieder einigen Boden gut machen.

http://tctechcrunch2011.files.wordpress.com/2014/08/screen-shot-2014-08-07-at-3-01-30-pm.png?w=738

Wie ein modernes Wikipedia-Design aussehen könnte, zeigt WikiWand. Das Browseraddon hübscht die Wikipedia gewaltig auf. Das Design wird komplett umgekrempelt, die Bilder werden prominenter dargestellt, die Typographie ist hübscher und an der Seite ist immer das Inhaltsverzeichnis zu sehen. Gerade bei längeren Artikeln ist das mehr als sinnvoll. Wikiwand funktioniert entweder als eigene Webseite oder als Browser-Addon, welches Wikipedia-Links auf diese umleitet. Das ist natürlich ungünstig, aber eine Umsetzung einer so radikalen Designänderung ist momentan leider nicht möglich.

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Man darf sich einmal vorstellen, welch ein Proteststurm losbrechen würde, wenn die Foundation statt dem popeligen Mediaviewer eine derart radikale, aber überfällige Änderung einführen wollte. Oder wenn sie einmal auf die Idee kommen sollte, verstärkt auf Videos zu setzen. Oder gar auf interaktive Elemente. Dabei ist klar, dass irgendwann etwas passieren muss, gerade auf technischer Seite. Die anderen Projekte der WMF sind abgesehen von der Wikipedia und den Commons recht tot – Wikisource existiert, hat aber keine große Community. Andere gute Ideen wie etwa die freien Kurse bei Wikiversity, Wikibooks oder Wikinews dümpeln vor sich hin und sind nie wirklich in die Gänge gekommen. Mittlerweile wurden sie von anderen Anbietern überholt – MOOCs boomen, Sprachlernseiten wie Duolingo boomen, die Wikiversity hat diesen Sektor nicht besetzen können. Citizen Journalism boomt ebenfalls, Leute tweeten, bloggen, berichten, aber das deutsche WikiNews kommt im Schnitt auf einen einzigen Artikel pro Tag. Es ist schwer, mit Freiwilligen gegen Startups mit ihren Millionen an Venture Kapital zu konkurrieren, aber der Niedergang dieser Projekte ist z.T. auch direkt durch mangelnde Technik zu erklären. Wer will schon im Wikitext ein Buch schreiben? Wer will ein Buch dort lesen, wenn er es lange Zeit nicht mal als PDF oder ePub herunterladen konnte? Welcher Neuling versteht schon den manchmal recht irrwitzigen Kategorienbaum der Commons? Viele Probleme könnte man technisch lösen oder deutlich entschärfen. Stattdessen geht die Foundation kleine Minischritte und arbeitet an Mediawiki-Hacks wie dem Medienbetrachter, welcher dann in der Community zu großen Aufständen führt. Erst wenn dieser gordische Knoten durchschlagen ist und die Wikipedia sich auf eine zukunftsfähige technische Grundlage stellt, kann sie auf Dauer überleben. Ansonsten editieren im Jahr 2030 ein paar alteingesessene Autoren eine häßliche Webseite während der Rest der Menschheit mit schicken Apps auf ihren Gehirnimplantaten arbeitet.

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15 Kommentare zu Wikipedia und die neue Technik

  1. [http://t.co/gdHHHZAe3W] Wikipedia und die neue Technik http://t.co/bxjc29kHTJ

  2. RT @Planet_History: [http://t.co/gdHHHZAe3W] Wikipedia und die neue Technik http://t.co/bxjc29kHTJ

  3. @Liesel73 sagt:

    Ansonsten editieren im Jahr 2030 ein paar alteingesessene Autoren eine häßliche Webseite… /http://t.co/p2t599aDz3

  4. AndreasP sagt:

    Ich mag Wikipedia gerade auch wegen der einfachen, altmodischen, textlastigen Oberfläche. Ich mag auch keine abgerundeten Ecken und Popups und überhaupt diesen ganzen Startup-Design-Mist. Eine Seite, die wie „WikiWand“ aussieht, würde ich jedenfalls nicht nutzen wollen. Es bleibt doch aber jedem unbenommen, so etwas mit dem Wikipediainhalt anzubieten, meinetwegen auch der Wikimedia Foundation, als Alternative.

    Es gibt übrigens nicht Vorbehalte gegen alles Neue, sondern Vorbehalte gegen völlig Unausgereiftes, wie es seit Jahren von der Foundation kommt und ohne jede Rücksicht auf die Wikipedia-Communities (die durch die vielen kostenlosen Inhalte die Spenden für die Foundation letztlich generieren) durchgedrückt werden. Aus den Communities kommen vielfache Wünsche nach technischen Neuerungen, die jetzt seit bald 10 Jahren von den Wiki-Programmierern völlig ignoriert werden. Das war in Ordnung, als auch diese hobbymäßig tätig waren, aber bei den Millionenunternehmen Wikimedia Foundation muss endlich das getan werden, was langfristig nötig ist, und nicht nur, was der Eitelkeit einiger hauptamtlicher Mitarbeiter kurzfristig schmeichelt.

  5. AndreasP sagt:

    Übrigens: Die Diskussionsseiten sind überhaupt nicht „unfunktional“. Sie sind schneller, flexibler und übersichtlicher als jedes Forum, das ich kenne.

  6. @Jens_ot sagt:

    RT @Liesel73: Ansonsten editieren im Jahr 2030 ein paar alteingesessene Autoren eine häßliche Webseite… /http://t.co/p2t599aDz3

  7. Liesel sagt:

    AndreasP genau das ist das Problem. Du bist der Meinung, dass Wikipedia so wie du sie kennst, genau richtig funktioniert und nur noch marginal (Bugs beseitigen) verbessert werden muss. Andere sind anderer Ansicht. Wenn es keinen Kompromiss gibt, kommt es eben zum Krieg.

    So wie du jetzt meinst, dass völlig Unausgereiftes auf die Community losgelassen wird, kann die Foundation genauso argumentieren, dass sie irgendwelche Wünsche eben noch nicht umsetzen konnte, weil die programmtechnische Umsetzung noch nicht ausgereift ist. Im Grunde kann man mit diesem Argument sogar auf Jahre hinaus Programmierer bezahlen, ohne auch nur irgendein Ergebnis präsentieren zu müssen. Im Grunde haben die Feinde der WMF hier der Foundation, das Beste Argument überhaupt geliefert.

    Ich könnte mir sogar mal vorstellen, dass es in Zukunft zwei Oberflächen geben könnte. Eine „Old“-Wikipedia, an der keinerlei Anpassungen mehr durch die WMF erfolgen und bei der die Administratoren mit js- und css-Hacks versuchen alles zu richten und eine „New“-Wikipedia die viele neue Features enthält.

  8. AndreasP sagt:

    Nein, ich finde nicht, dass die Wikipeda softwaremäßig genau richtig funktioniert. Im Gegenteil. Ich finde aber die so viel gescholtenen „Mängel“ Textlastigkeit, Design und Diskussionsseiten völlig ok und im Gegensatz Vorzüge. Was nicht funktioniert wie es sollte, ist das Editieren, insbesondere die Syntax z. B. für Tabellen (wobei irgendeine Art Quelltext-Editiermodus für Profis erhalten bleiben sollte), oder auch das Navigieren in den Commons.

  9. Marcus Cyron sagt:

    Nur mal am Rande: wer meint, die Kritik an per Handy hochgeladenen Bildern hat etwas mit Technikfeindlichkeit zu tun, sollte bitte auch nur mal eine Stunde die neuen Bilder auf Commons sichten. Ich würde meinen, mindestens 90% dieser Bilder sind Urheberrechtsverletzungen. Die Qualität ist weniger das Problem, denn die Bilder sind komischerweise eben keine mit dem Handy selbst gemachte (und auch da ist die Qualität mittlerweile sehr gut), sondern beim surfen mit dem Handy gefundene Bilder aus dem Netz, die mal eben so hoch geladen werden. Das ist eben kein kleines Problemchen, sondern ein ausgewachsenes Problem, daß den freiwilligen Mitarbeitern eine so unglaublich große Mehrarbeit beschert, daß jeder Nutzen um das Dutzendfache aufgewogen wird.

  10. RT @Liesel73: Ansonsten editieren im Jahr 2030 ein paar alteingesessene Autoren eine häßliche Webseite… /http://t.co/p2t599aDz3

  11. RT @lyzzy: und wieder ein völlig unaufgeregte Betrachtung von schmalenstroer zum Zustand der Wikipedia: http://t.co/GK4uMp5gLe

  12. Frank Schubert sagt:

    WikiWand sieht schon mal nicht schlecht aus. Vor allem wenn es sich um Historische Geschichten handelt, ist der Lese Genuss wesentlich höher als bei Wikipedia direkt.
    Da im Artikel kein Link vorhanden ist: http://www.wikiwand.com/

  13. @jmiba sagt:

    Wikipedia und die neue Technik http://t.co/jBa9F1W6ET via @feedly

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