Der Versuch, ein Bild zu lizenzieren

Momentan tobt ja eine hitzige Debatte um das Urheberrecht von Fotos. Auslöser war ein Tweet des Fernsehmoderators Jan Böhmermann, der das berühmte Bild aus Rostock-Lichtenhagen, auf dem ein Hitlergruß zeigender Nazi sich eingepisst hat, auf Twitter genutzt hatte und daraufhin eine Abmahnung eines Fotografen erhalten hat. Netzpolitik hat eine gute Zusammenfassung, daher spare ich mir jetzt die Zeilen.

Ich haben den Versuch unternommen, für das strittige Bild einfach mal eine Lizenz zu erwerben. Was folgt, ist die Dokumentation der Recherche. Ich nutze hier aus guten Gründen nur eigene Bilder, Bilder unter freier Lizenz oder gemeinfreie Bilder, da es sich hier um ein privates Blog handelt, das eh schon jeden Monat 8€ an Serverkosten verursacht. Von daher darf man das als Versuch eines Laien ansehen, der nicht regelmäßig Bilder lizenziert.

Erster Versuch: Die Homepage des Fotografen

In diesem Fall ist die Recherche einfach, da der Name des Fotografen bereits bekannt ist. Und er eine Homepage hat. Auf dieser ist das Bild mit einem riesigen Copyright-Hinweis versehen, aber es steht nirgends, wo und wie ich eine Lizenz erwerben kann. Auf eine E-Mail verzichte ich, da ich ja eigentlich nur wissen will, wie ich das Bild lizenzieren kann, es aber eigentlich gar nicht will.

Update: Warum ich keine Mail geschickt oder den Fotografen angerufen habe?? Aus zwei Gründen: Zum einen wollte ich nur wissen, wie ich das Bild lizenzieren kann und wollte daher den momentan sicherlich arg gestressten Mann an einem Samstagabend nicht belästigen. Er hat im Rahmen der Böhmermann-Sache gerade wohl genug zu tun. Zum anderen ging es mir gerade um eine Nutzung, wie Böhmermann sie gemacht hat: Er postete das Bild als schnelle Reaktion auf Twitter. Wenn man erstmal anfragen muss, auf eine Antwort warten, hin- und herschreiben, ist der Anlass schon vorbei.

Zweiter Versuch: Getty Images & Corbis

Im zweiten Schritt daher die wohl größten Bildagenturen weltweit: Getty und Corbis. Getty hat das Bild nicht, Corbis auch nicht. Suchbegriff war jeweils „Lichtenhagen“, welches in der Bildbeschreibung und Verschlagwortung eigentlich zwangsläufig auftauchen müsste.

Dritter Versuch: dpa

„Quelle: dpa“ kennt man als Zeitungsleser und wird von Bildredaktionen gerne genutzt. Ein öffentliches Archiv oder die Möglichkeit, irgendwas als Privater zu lizenzieren, gibt es aber anscheinend nicht.

Vierter Versuch: Der Spiegel

Langer hat die Bilder im Auftrag des Spiegels gemacht, daher der Versuch, dort eine Lizenz zu bekommen. Spannende Suchaufgabe für euch: Findet auf der Spiegel-Homepage zwischen Artikeln, Werbung, Verweisen, Social Media-Profilen und so weiter die entsprechende Rubrik. Sie versteckt sich rechts unten, wo bislang keiner hingescrollt ist. Und auch hier scheitere ich:

Zur Klärung Ihrer Anfragen kontaktieren Sie uns gerne. Nennen Sie uns Zweck und Umfang Ihrer Zweitverwertung. Wir erstellen Ihnen das passende Angebot

Fünfter Versuch: Andere Bildagenturen

Der Wikipedia-Artikel zu Langer verrät mir, dass er in einem „Freelens e.V.“ Mitglied ist. In seinem Profil dort (aber nicht auf seiner Homepage!) gibt er als Bildagentur „Agentur FOCUS und Agentur Plainpicture“ an. Und in der Tat – nachdem ich mich von der Agentur Focus auf deren Bilddatenbank durchgeklickt habe, finde ich das Bild. Mit dem Hinweis:

„ACHTUNG: doppeltes Honorar! VERÖFFENTLICHUNG NUR NACH RÜCKSPRACHE“

Und wo liegt jetzt das Honorar? Tja, puh, äh:

„Preis berechnen
Diese Funktion steht nur angemeldeten Benutzern zur Verfügung.“

Hier gebe ich auf. Bis jetzt hat die Recherche 20 Minuten gedauert. Das aber auch nur, weil mir der Autor des Bildes bereits bekannt war und es sich um ein derart ikonisches Bild handelt. Bei unbekannten Bildern mit eher generellen Motiven hätte ich deutlich mehr Zeit investieren müssen, um überhaupt den originalen Urheber herauszufinden. Einen Preis könnte ich wohl erfahren, wenn ich mich mit meinen Daten registrieren würde. Im Rahmen dieses Experimentes mache ich dies aber nicht. Eine Nutzung im böhmermannschen Kontext – schnelles Posten auf Twitter – ist schlicht und einfach unmöglich, da die Veröffentlichung erst nach Rücksprache möglich ist.

Und was ist jetzt die Moral von der Geschichte? Keine Ahnung. Ich persönlich halte es aber für herzlich absurd, wenn man fleißig Abmahnungen verschickt, aber es gleichzeitig extrem schwierig macht, eine legale Lizenz für etwas zu erhalten. Ich verstehe, dass die Bildlizenzierung immer noch stark auf Zeitungen, Zeitschriften & Co ausgerichtet sind, die alle in den Verlagen Zugang zu den Bilddatenbanken haben, zum Teil eigene Bildredaktionen und auch das nötige Kleingeld. Wenn man aber von außen kommt, dann steht man schnell vor verschlossenen Türen oder muss massenhaft Aufwand treiben. Wenn man es aber so schwer macht, ist es aber kein Wunder, wenn die Leute Bilder einfach ohne Lizenz benutzen. Eine Abmahnung mit Verweis auf geltendes Recht ist dann zwar vom Recht gedeckt, erinnert dann aber doch an die Szene aus Douglas Adams Anhalter, in der Prostetnik Vogon Jeltz vom Galaktischen Hyperraum-Planungsrat den Erdlingen lapidar erklärte, dass alle Planungsentwürfe zur Sprengung ihres Planetens ja 50 Jahre im Planungsamt auf Alpha Centauri ausgelegen hätten:

»Tut mir leid, aber wenn Sie sich nicht einmal um Ihre ureigensten Angelegenheiten kümmern, ist das wirklich nicht mein Problem.«

Das ist übrigens sehr schade, da Langers Bilder aus Lichtenhagen unglaublich gut und unglaublich verstörend sind. Und leider auch ein Teil der deutschen Geschichte, die zu gerne verdrängt wird. Die ZEIT hat sie dankenswerterweise online.

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96 Kommentare zu Der Versuch, ein Bild zu lizenzieren

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  3. Jan Biskup sagt:

    Ich würde sagen, wenn jemand eine digitale Version eines Fotos hat, sollte er schlicht und einfach eine Software installieren mit der man die Exif Daten eines Fotos auslesen kann. Solche Software gibt es auch als Addon für den Firefox. Fotografen die etwas von ihrer Arbeit verstehen sollten ihren Namen eine Homepage eine Agentur eine sonstige Kontaktmöglichkeit in den Exif Daten Ziehungsweise in den IPTC Daten eines JPEG hinterlegen. Mithilfe dieser Informationen sollte es dann sehr sehr viel einfacher sein an eine gültige Lizenz zu kommen.

  4. Pingback: ellebil (@ellebil)

  5. Frank Brandes sagt:

    Ich finde den Text sehr aufschlussreich. Ist es doch mal wieder der Beweis dafür, das wir uns in Deutschland befinden. Je mehr Hürden aufgebaut werden, desto wahrscheinlicher ist es nicht erreicht zu werden. Mich würde mal interessieren, ob man Bilder auch Privat lizensieren kann ohne bei einer Agentur sein zu müssen. Ich habe auf meinem Instagram Account nur eigene Fotos eingestellt. Bis auf eins, was ich nach diesem Artikel wieder löschen werden. Gibt es sowas oder reicht es, diese EXIF Daten einzugeben, um sich zu schützen? Weiter so mit dem Blog Liebe Grüße

  6. Pingback: Michael (@MschFr)

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